Nachruf in eigener Sache: Ehemaliger Chefredakteur Christoph Freytag gestorben

Christoph Freytag (1983-2020) (Foto: privat)

Drei Jahre lang prägte Christoph Freytag in der Chefredaktion der speakUP die Arbeit der größten Studierendenzeitschrift im Land Brandenburg und investierte viel Kraft und Herzblut in dieses Projekt. Am 13. November ist er viel zu früh gestorben. Ein Nachruf von Maria Dietel und Denis Newiak.

Eine solche vor Tatendrang und Offenheit strotzende E-Mail, wie sie am 15. August 2010 bei der gerade erst gegründeten speakUP im Postfach landete, erreichen einen im Leben selten: „Habt ihr schon jemand, der das Layout macht? Ansonsten würde ich gern auch Anzeigen einwerben.“ – Mehr kann man sich in einer solchen kleinen ehrenamtlichen und chronisch unterbesetzten Redaktion, die vor allem von ihrem Idealismus lebt, nicht wünschen.

Christoph Freytag wurde schnell als unverzichtbarer „Mann der Tat“ zu einem festen Mitglied des Ensembles, das immer am Anfang und am Ende des Semesters, häufig unter widrigen Umständen, eine aktuelle Ausgabe zu hochschulpolitischen, kulturellen und zeitgeistigen Themen aus der Universitätsstadt Potsdam zusammenstellte (damals noch als Heft mit einer Auflage von bis zu 5.000 Stück). Egal ob als rasender Reporter zu aktuellen Nachrichtenterminen oder begnadeter Fotograf, versierter Webseiten-Administrator oder unwiderstehlicher Anzeigenverkäufer: Christoph sorgte als Multitalent gemeinsam mit den anderen speakUPern dafür, dass aus dem kleinen unbedeutenden Blättchen ein weit über die Uni-Grenzen hinaus einflussreiches Magazin wurde.

Christoph Freytag wurde am 14. Januar 1983 in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) geboren. Nach seinem Abitur am Leibniz-Gymnasium machte er zunächst in Herzberg eine Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten und dann zum Mediengestalter für Printmedien in Königs Wusterhausen. Mit dieser Expertise wechselte er 2009 in die Selbstständigkeit und entwickelte sich zu einem Spezialisten für erfolgreiches Design und Print- und Online-Kampagnen. Seine wahre Leidenschaft gehörte dabei stets der Fotografie, die er ab 2010 als gefragter Hochzeitsfotograf zum Beruf machte. Unzählige Brautpaare begleitete er an ihrem schönsten Tag im Leben und bescherte ihnen lebendige Erinnerungen, die für immer bleiben.

Nebenbei arbeitete er für die Märkische Allgemeine Zeitung als Redakteur und bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten als Fotograf. Schließlich nahm er an der Universität Potsdam ein Studium der Informatik auf, was ihn zur Studierendenzeitschrift speakUP führte, wo er schon nach kurzer Zeit von 2011 bis 2015 mit großem Engagement die Rolle des Chefredakteurs übernahm und auch danach immer wieder Berichte verfasste und als Fotograf tätig war.

Christoph Freytag stellte sich während seiner Arbeit für die speakUP nie selbst in den Mittelpunkt, sondern sorgte oft hinter den Kulissen mit unendlicher Geduld, bewundernswerter Akribie und stets einem aufmunternden Lächeln dafür, dass die speakUP erst zum Erfolg werden konnte. Die aktuelle Chefredakteurin Christina Kortz hebt diese besonderen Leistungen von Christoph Freytag für die Zeitschrift hervor und bekundet den Hinterbliebenen ihr Beileid: „Fast alle aktuellen Redaktionsmitglieder kennen Christoph nur noch aus Erzählungen. Dennoch wissen wir, wie viel er in den vielen Jahren seiner unermüdlichen Tätigkeit für die speakUP geleistet hat. Seiner Familie gilt unser großes Mitgefühl, dass sie sich schon so früh von ihrem geliebten Sohn, Bruder und Enkel verabschieden musste.“

Gruppenbild beim Sommerfest der Uni Potsdam am 2. Juni 2012: Denis Newiak, Christoph Freytag, Nathalie Wiechers, Fabian Lamster (v.l.n.r.) (Foto: privat)

Christoph bleibt als lebendiger, begeisterungsfähiger und loyaler Weggefährte in Erinnerung, der für viele in der Redaktion zu einem guten Freund geworden ist. Sein viel zu früher Tod hat die gesamte aktuelle Redaktion und die früheren Redaktionsmitglieder schwer getroffen. Zugleich kann Christoph durch seinen Anteil am Gelingen der speakUP ein kleines Lebenswerk hinterlassen, durch das er niemals vergessen sein wird.

Persönliche Erinnerungen an Christoph Freytag

Angelina Streich (Redakteurin von 2013 bis 2017):

Ich würde gerne einen schönen ersten Satz schreiben. Weil schöne erste Sätze dazu bewegen, weiterzulesen und die Lesenden in den Bann ziehen sollen. Weil schöne erste Sätze auch mal über die ein oder andere holprige Stelle im Text hinwegtäuschen. Weil schöne erste Sätze gut über die Unmittelbarkeit einer schlechten Nachricht hinwegtrösten können. Doch bei einem Nachruf gibt es keinen schönen ersten Satz.

Ich habe Christoph bei einem Seminar zum journalistischen Schreiben kennengelernt, das der Begründer der speakUP, Denis, damals in der Uni veranstaltete, auch um neue Schreibende für die Zeitung zu gewinnen. Ich war damals gleich Feuer und Flamme. Ein Medium, durch das ich aktiv an der Gestaltung des Uni-Lebens teilnehmen kann. Schnell wurden aus Studienkolleg*innen Freunde. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück, in der Christoph als ein fester Bestandteil des Teams uns an kalten Oktobertagen auf dem WarmUP mit Tee und Glühwein versorgt, stets die Wehwehchen unseres Internetauftritts behoben und für alle, die es bedurften, ein offenes Ohr hatte.

Nie hat er sich in den Vordergrund gespielt, selten ergriff er als erster das Wort. Doch wenn es drauf ankam, konnte man sich voll und ganz auf ihn verlassen. Ich erinnere mich an tiefgründige Gespräche im Albers und letztes Jahr fast um die gleiche Zeit ein viel zu lang aufgeschobenes Wiedersehen mit den „alten Hasen“. Das war das letzte Mal, dass ich Christoph gesehen habe. In den letzten Wochen habe ich mir das Bild, das dort entstand und bis heute unsere WhatsApp-Gruppe ziert, sehr oft angeschaut. Da sitzt er da und lacht und das ist schön.

Heute, da ich diese Zeilen schreibe, beginnt Chanukka, das jüdische Lichterfest. Es ist ein fröhliches Fest mit gutem Essen, viel Musik und dem Lichterzünden als Höhepunkt. Jeden Tag eine Kerze mehr. Jedes Jahr freue ich mich auf dieses besondere Fest, mehr noch seitdem ich Mutter geworden bin. Doch heute schwingt in all der Vorbereitung und der Begeisterung eine stille Bitterkeit mit. Wie nah sind sich doch Freude und Kummer, Lachen und Weinen. Die Kerzen auf dem Leuchter sollen uns daran erinnern, dass es auch in den dunkelsten Stunden des Jahres – und des Lebens – Licht und Hoffnung in der Welt gibt. Vielleicht ist diese vermeintliche Gegensätzlichkeit ein Weg, mit der Trauer umzugehen. Nicht zu denken „Er ist nicht mehr“, sondern zu sagen „Er war“. Und Christoph war wirklich.

Fabian Lamster (Redakteur von 2011 bis 2016):

„Lass uns mal wieder Pizza essen gehen“, sagte Christoph zu mir, als ich ihn im Mai 2020 in der Potsdamer Innenstadt das letzte Mal traf. Ich war mal wieder vom Job her – typisch Journalist – in Eile. Trotzdem stoppte ich, als ich ihn vor einem Geschäft stehen sah und wir erzählten kurz. Redeten von jeder Menge Stress, der uns umtreibt und darüber, wie gut es tut, dass sich die Corona-Pandemie mit den Tagen Richtung Sommer offenbar beruhigen würde.

Als ich ihn an diesem Tag traf, hatten wir uns Jahre nicht gesehen. Umso mehr freute es mich, ein freundliches und aufgeschlossenes Gesicht meiner Studienzeit wiederzusehen. Und mit Christoph jemanden, dem ich bis heute dankbar bin. Schließlich hatte er gemeinsam mit Denis Newiak maßgeblich die Begeisterung für den Journalismus in mir geweckt. Und war gleichzeitig einfach ein witziger Mensch, der immer zur Stelle war, wenn man ihn brauchte.

Der genauso bei Minusgraden beim Uni-Weihnachtsmarkt am Neuen Palais die speakUP verteilte. Der bei der Semestereröffnung in der Schiffbauergasse auch nach Stunden im Regen nicht müde wurde, neuen Studis von „unserer speakUP“ zu erzählen. Der den Studierenden an Wochenenden in Blockseminaren und „speakUP Zukunftswerkstätten“ – ähnlich wie mir – möglichst spannende Einblicke in Journalismus und Fotografie ermöglichte. Und der nun bei so einigen Menschen eine Lücke hinterlässt.

Die Nachricht, dass Christoph nicht mehr ist, erreichte mich am Ende eines bis dahin durch und durch heiteren Tages – und kehrte diesen ins Gegenteil. Sollte das „RIP Christoph“ auf Facebook tatsächlich stimmen? „Hast du was gelesen oder bemerkt“, fragte ich Denis Newiak, der mich kurz danach anrief und nur um Worte gerungen hat. Und genauso nicht weiterwusste, wie ich. Wir, die einander sonst stets jede Menge zu erzählen hatten und haben, waren sprachlos. Darüber, dass ein guter Bekannter und Freund nicht mehr ist, mit dem wir so viele schöne Momente teilten und teilen. Festgehalten in Texten, auf Fotos, Videos – und in noch mehr Erinnerungen. Zu denen leider keine weiteren hinzukommen werden.

Denis Newiak (Chefredakteur von 2010 bis 2016):

Fast genau elf Jahre ist es her, als ich Christoph das erste Mal getroffen habe: Er berichtete an einem Abend im Dezember für die „Junge Seite“ der Märkischen Allgemeinen von einem Weihnachtssingen, das ich mit einer Freundin organisiert hatte, ohne dass wir damit gerechnet hätten, dass überhaupt jemand kommen würde. Obwohl es eigentlich nicht viel von dem Abend zu berichten gab, war Christoph zur Stelle, und der Bericht in der Zeitung zeugte von einer sehr angenehmen menschlichen Art des Autoren, der auch in diesen kleinen scheinbar bedeutungslosen Begegnungen des Alltags etwas Besonderes sah.

2010 durfte ich mich glücklich schätzen, dass genau dieser begabte Autor bei der speakUP mitmachen wollte. Er brachte nicht nur seine langjährige Erfahrung als Mediengestalter und Fotograf mit, sondern einen Tatendrang, den man selten im Leben sieht: So wie es ihn auch im Beruf von einem Projekt zum nächsten zog, wollte er auch so viel wie möglich bei der speakUP machen, ihr so viel wie möglich geben, was er dann auch als Mitglied der Chefredaktion tat.

Gemeinsam mit ihm sah ich über die vielen Jahre hinweg Redaktionsmitglieder und Chefredakteure kommen und gehen, doch mit ihm an meiner Seite wusste ich, dass der Laden weiterlaufen wird: Mit Christoph war es leicht, jeden finanziellen Engpass durchzustehen, so manche Krise zu meistern und trotzdem immer Freude an der gemeinsamen schönen Arbeit zu haben, die uns zu guten Freunden verband und die ihn, glaube ich, auch glücklich gemacht hat.

Egal, ob 300 Kilogramm Hefte manövriert werden müssen, der Server mal wieder spinnt oder wieder in letzter Sekunde noch schnell eine Korrektur in den Druckfahnen umgesetzt werden muss – auf Christoph war immer Verlass, so sehr, dass ich ihn manchmal vor seinem eigenen Tatendrang schützen musste: Jeden zweiten Tag hatte er eine neue Idee, wie wir die speakUP noch populärer machen könnten, welche Kooperationspartner_innen uns dabei helfen könnten und wo man noch eine zusätzliche Finanzquelle anzapfen könnte, damit es weitergeht mit unserem gemeinsamen Projekt, das uns beiden immer viel bedeutete.

Die unglaubliche Zahl von 750 E-Mails, die ich von Christoph während dieser gemeinsamen speakUP-Jahre bekommen habe, zeugt davon, wie sehr ihm die Zeitschrift und ihre Redaktion am Herzen hingen, so wie wir beide uns nach einiger Zeit kaum noch ein Leben ohne speakUP und die Menschen, die wir mit ihr liebgewonnen hatten, vorstellen konnten. Trotzdem zog es uns beide weiter, sodass wir beide nach so vielen Erfahrungen, auf die keiner von uns beiden verzichten wollen würde, den Weg frei machten für neue engagierte junge Leute, die unser Herzensprojekt weiterführen würden.

Ich darf mich glücklich schätzen, ihn zwischenzeitlich nicht nur als beruflichen Partner (etwa im Team aus Hochzeitsfotograf und Videofilmer) gewonnen zu haben, sondern vor allem als guten Freund und Weggefährten, mit man auch mal über die wirklich wichtigen Dinge im Leben offen sprechen konnte, der auch dann zuhörte, wenn es keine guten Nachrichten gibt, und auch Klartext sprach, wenn ihm was gegen Strich ging, oder es ihm selbst einfach schlecht ging. Eine solche Ehrlichkeit ist gerade heutzutage, wo sich doch jede_r hinter einer falschen Fassade von scheinheiliger Zufriedenheit und angeblichem Erfolg versteckt, nicht mehr selbstverständlich.

Umso härter hat es mich getroffen, als Christoph vor einigen Jahren die Diagnose einer schweren Krankheit erhielt, die ihm die Ausübung des Berufs genauso wie den Rest des Lebens schwer machte. Jetzt erinnere ich mich an die gemeinsamen Mittagessen in der Mensa am Campus Griebnitzsee, vertraute Gespräche bei ihm zu Hause in der kleinen Wohnung am Stern und viele endlose Telefonate, von denen ich jetzt denke, dass es doch zu wenige waren. Ende März wollten wir uns endlich mal wieder zum Kaffee am Palais treffen und über die guten alten Zeiten plaudern und neue Pläne schmieden für gemeinsame Projekte, doch dann kam Corona. Danach blieb nur noch WhatsApp, und dort steht jetzt nur noch „zuletzt online 11.11.2020 um 16:14 Uhr“. Ich hätte mir gewünscht, mich von Christoph richtig verabschieden zu können. Doch mir bleiben diese Erinnerungen an gemeinsame Augenblicke, die man wohl erst dann richtig zu schätzen lernt, wenn sie unerreichbar geworden sind.

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