Die Verlangsamung der Einsamkeit

Schreiben kann eine_n in andere Welten entführen. So ging es auch Julius (Quelle: Pixabay, von Dariusz Sankowski)

In der folgenden Kurzgeschichte werdet ihr in die Welt von Julius entführt. Bei Julius handelt es sich um einen jungen Heranwachsenden aus Dänemark mit einem schier unendlichen Maß an Phantasie. Er schreibt und manchmal nehmen ihn seine Träume in phantastische Welten mit. Von Rostislaw Suchin.

Julius ist 14. Mit 14 Jahren hat man noch nicht so tiefsinnige Gedanken, mag der_die eine oder andere denken. In jenem Alter spielt eigentlich nur das eigene Ego und die Beziehung zu Freundinnen und Freunden eine Rolle.

Bei Julius nicht!

Julius denkt den ganzen Tag nach. Er folgt einem Gedankenstrom, einem Ozean an Gedanken. Seine Gedanken spinnen sich von einem zum nächsten und bilden eine Kette von Assoziationen. Julius’ Gedanken können sich stundenlang um ein Thema drehen. Er nennt es ganz liebevoll Gedankenkreisen.

Im Schneckenhäuschen des eigenen Denkens

Julius hat keine Geschwister. Eigentlich verbringt er den ganzen Tag allein. Seine Mutter Claudia betrachtet Julius mit Sorge. Sie weiß allerdings nicht, wie sie ihn erreichen soll. Also leistet sie ihm während der Mahlzeiten Gesellschaft, die Julius sehr schätzt, denn sie reißen ihn für einige Momente aus dem Strom der Gedanken und katapultieren ihn in die Wirklichkeit. Die Konversationen können ihn allerdings schnell erschöpfen. So verkriecht er sich wieder in sein Schneckenhäuschen, das er sein Zimmer nennt und widmet sich seinem Denkprozess.

Man könnte ihn durchaus bemitleiden. Doch sollte man nicht vorschnell urteilen. Was zeichnet Julius aus? Er ist vermutlich der reflektierteste Junge Dänemarks oder zumindest Kopenhagens. Im Selbststudium hat er sich mit den Inhalten des allgemeinen Schulbetriebs auseinandergesetzt. Er eignete sich das Wissen aus mindestens zehn Jahren Schule an und ist seinen Gleichaltrigen meilenweit voraus.

Das soziale Gefüge ist ihm fremd. Er protzt auch nicht mit seinem Wissen. Überhaupt hat er nur ein Hobby und das ist das Schreiben. Schreiben – wie wundervoll: „Endlich wieder schreiben,“ denkt sich Julius. Seine Gedanken sind die Sternschnuppe einer ganzen Generation. Julius hat so viel geschrieben, dass er gar nicht mehr in Zeichen und Wörtern quantifizieren kann. Seite über Seite, Essay über Essay. Sein Intellekt übersteigt das Wissen und die Kompetenzen seiner Generation, sogar andere Generationen schauen verwundert auf sein Werk. Neulich wurde er von der schwedischen Akademie ausgezeichnet. Doch es bedeutet ihm nichts. Es hat keine Relevanz.

Verbunden im Geiste

Die einzige Freundin außerhalb seines Zuhauses ist Martha. Sie  ist 17 Jahre alt. Sie geht ebenfalls nicht zur Schule und widmet sich der Kunst. Abstraktion ist ihr Thema und die Depression. Sie diskutiert manchmal mit Julius. Gibt nach einer kurzen Weile jedoch auf und widmet sich ihrem Werk. Stundenlang können sie dasitzen und sich dem Schreiben wie dem Zeichnen widmen.

Martha ist begnadet. Sie schafft es tote Gebäude in lebendige zu verwandeln. Sie schafft es Ruhe in Wallung, in Aufwallung umzuwandeln. Man könnte sagen, die beiden sind verwandt, im Schaffen und im Geiste, sowie im Gemüt. Der Schaffensdrang ist stets präsent.

Der Ausflug ins Ungewisse

Ein Ort, der zum Träumen verführt. (Quelle: Unsplash, David Romualdo)

Eines Abends treffen sich beide und wollen etwas Außergewöhnliches erleben. Sie verlassen die Wohnung und laufen in den Bezirk des Tivoli. Sie haben Heißhunger auf neue Erlebnisse. Zeit und Risiken spielen keine Rolle. Die verschlossene Anlage des Vergnügungsparks regt und zieht sie förmlich an. Sie klettern über die Brüstung und begeben sich in den dunklen Vergnügungspark.

All ihr Intellekt und jegliche sonstige Vernunft spielen keine Rolle mehr. Es ist wie früher mit der Zuckerwatte. Julius setzt sich auf einen Sitz im endlosen Karussell der Träume. Martha, die sich zu den Autoscootern aufmachte, sitzt auf einem der circa 30 Gefährte und dreht wild am Lenkrad herum.

Sie sind vollständig in ihrer Phantasiewelt, als plötzlich alle Lichter angehen. Julius’ Karussell beginnt sich langsam zu drehen. Es wird immer schneller, bis es die höchste Geschwindigkeit erreicht. Julius ist völlig im Bann der Situation. Er versteht nicht. Mit einem verwunderten Blick sieht er, wie alle Autoscooter sich langsam in Bewegung setzen. Umzingelt von so vielen Autoscootern versucht Martha ruhig zu atmen. Die Motoren beginnen zu brummen. Martha sieht  zu Julius herüber. Ihre Blicke treffen sich.

Phantasie kann alles

„Wie kommen wir hier wieder raus?“ drücken ihre Blicke aus, die mit Angst verschmelzen. Julius erinnert sich an eine Figur aus einer seiner Geschichten. Diese konnte alleinig durch Gedankenkraft Realitäten schaffen und Phantasie in Wirklichkeit verwandeln.

Martha kennt diese Figur. Julius und Martha versprachen sich einst, dass wenn sie in eine Gefahrensituation kämen, sie sich dieser Figur entsinnen würden. Sie hatten hierfür eigens ein Zeichen entwickelt. Es war ein Dreieck, das sie an ihrer Stirn mit den Händen formten.

“I believe I can fly.” “Please try.” (Quelle : Unsplash, Allef Vinicius)

Nachdem Julius Martha das Zeichen gibt, entsinnen sich beide. Beide stellen sich vor, wie sie fliegen würden. Julius begibt sich aus dem Karussell und ihm wachsen Flügel. Marthas Füße beginnen zu brennen. Ein riesengroßer Druck katapultiert sie aus dem Autoscooter. Ihre Schuhe haben eine Art Raketenantrieb. Julius und Martha fliegen durch die Lüfte und verzaubern einander mit einem warmen Lächeln.

Das Lächeln verwandelt sich in ein Grinsen. Martha fliegt mit ihrem Antrieb durch die Lüfte und formt diverse Figuren aus Rauch. Es sind Figuren der Geometrie, Figuren der Phantasie. Keiner der beiden hat sich bisher je im Leben freier gefühlt. Es ist ein Erlebnis einer anderen Welt. Dass Phantasie Realitäten verändern kann, war beiden abstrakt bewusst. Die sinnliche Komponente kommt erst jetzt hinzu.

Sie fliegen durch die Lüfte, durch Wolken hindurch und an Städten vorbei. Sie begeben sich in Höhen, in denen noch kein Mensch vorher gewesen ist. „Ach, der Sonnenuntergang und der Mond. Wie schön das ist“, richtet sich Julius an Martha und ergänzt: „Ich bin endlich glücklich.”

Phantasie kann alles.

Phantasie gleicht Magie.

Phantasie ist Glück!

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