Vorfreude, Prüfungsstress und Gemütlichkeit – Grüße aus Estland Teil 3

Instant-Gemütlichkeit (Foto: Paula Gürtler)

Die kalte Jahreszeit rückt näher, Weihnachten ist in Sicht und unsere Redakteurin steckt im Prüfungsstress. Wie sie trotzdem Ruhe und Zeit findet, um Estland zu erkunden – darüber schreibt sie im dritten Bericht aus dem Auslandssemester. Von Paula Gürtler.

Ich habe Lichterketten gekauft. Am Anfang war es eigentlich erst eine. Direkt über meinem Fenster hat, wer weiß wann, jemand mal Schrauben in die Wand gebohrt und da einige Steckdosen gleich daneben sind, musste ich die Gelegenheit nutzen. Weihnachten rückt näher und da darf es schon ein bisschen geschmückt sein, gemütlicher wirken, festlich aussehen.

Ich war sofort begeistert, als sich mein Zimmer am ersten Abend nur von dieser einen Lichterkette beleuchten ließ. Ich freute mich wie ein Kind darüber, dass das Zimmer plötzlich viel einladender wirkte. Dann habe ich mir heute (am Sonntag, dem 22. November) noch eine geholt und sie über dem Schreibtisch aufgehängt. Es ist kurz vor 17 Uhr, draußen sieht es schon nach Nacht aus und ich bin glücklich, dass ich auf die ungemütliche, viel zu helle Deckenbeleuchtung verzichten kann. Darauf ein Schluck Kamillentee.

Heimeligkeit

Eine neu gewonnene Freundin ist aus dem Wohnheim in eine Zweier-WG gezogen. Sie wird für ein weiteres Semester hier bleiben, weshalb der Auszug sich für sie lohnt, und ich profitiere auch sehr davon. Ich habe noch nie in einer WG gewohnt und habe die Chance hier genutzt, das mal ein bisschen auszuprobieren. Mein Fazit: Es OK für ein paar Monate, aber ich bin einfach nicht der Typ dafür. Vor allem nochmal Wohnheim würde für mich auf längere Zeit nicht funktionieren (ist aber eben auch die günstigste Option). Ich brauche einen Ort, den ich mein Eigen nennen kann und wo ich meine Freiheiten habe. Einen Ort, den ich persönlich gestalten kann.

Das kann gerade im Auslandssemester schwierig sein, wo man nicht allzu viele Gegenstände anhäufen möchte, die einen Raum eben wohnlicher machen (oder wo man auch Wände z.B. nur beschränkt gestalten darf). Die Lichterketten waren eine gute Alternative. So fühle ich mich hier jetzt mehr zu Hause und habe einen Rückzugsort, um vor der Kälte zu flüchten. Und sonst bin ich in drei Minuten bei meiner Freundin und wir können gemeinsam ihre gemütliche Wohnung bei einer Kanne Tee genießen.

Besinnlichkeit

Natur genießen auf der Insel Prangli (Foto: Paula Gürtler)

Ansonsten beginnt demnächst auch die Glühwein-Saison, wobei hier in Estland von „glögi“ gesprochen wird. Der darf dann eventuell in der Altstadt getrunken werden, wo seit dem 19. November ein Weihnachtsbaum steht. Einen traditionellen Weihnachtsmarkt wird es dieses Jahr nicht geben. Dennoch soll für festliche Stimmung gesorgt sein. Ein paar Stände werden mit größerem Abstand über ein größeres Areal verteilt stehen. Programme wie Axtweitwurf finden statt.

Ein paar Sachen mehr, für die ich neben dem wachsenden Prüfungsstress Zeit finden möchte. Am liebsten möchte ich jedes Wochenende eine andere Ecke Estlands erkunden, wie vor ein paar Wochen, als ich mit ein paar Freund_innen die Insel Prangli besuchte. Sie liegt nahe Tallinn und lässt sich problemlos an einem Tag komplett erlaufen. Da hört man keinen ständigen Verkehrslärm, nur das Rauschen des Windes durch die Bäume und der Wellen des Meeres.

Atmen nicht vergessen

Leider sollte ich mich jedoch die nächsten Wochen in der Bibliothek oder meinem Zimmer einschließen. Ab Dezember beginnt in Estland die Prüfungszeit. Klausuren halten sich für mich zum Glück in Grenzen, doch Abgabetermine für diverse Essays muss ich noch einhalten. Die Noten muss ich mir nicht anrechnen lassen, weil ich alle nötigen Punkte schon zusammen habe. Dennoch mache ich mir Stress, weil ich halbswegs gute Leistungen erbringen möchte. Da ich für die Erasmusförderung 30 ECTs brauche, belege ich hier sechs Kurse.

Das sind sechs Prüfungsleistungen, dazu kommen zwei Referate und vier offene Prüfungsleistungen aus dem Sommersemester. Da ich im August schon auf dem Weg nach Tallinn war, habe ich die nicht fertig bekommen. Und jetzt stecke ich mitten im Schlamassel. Gut, wenn man dann nicht alleine ist und Menschen um sich hat, die einem Zuspruch geben. So geht es in kleinen Schritten voran. Und vielleicht hilft dann noch das ein oder andere Glas „glögi“.

Vorfreude

Der bringt eine_n dann vielleicht auch in winterliche Stimmung, da es weiße Weihnachten wahrscheinlich dieses Jahr in Estland nicht geben wird. Der Klimawandel macht sich auch hier bemerkbar. Im November fällt normalerweise der erste Schnee, gesehen habe ich ihn auch schon, aber richtig liegen geblieben ist er nicht. Stattdessen gibt es viel Regen und hin und wieder Hagel. Dann wird das Wetter hier an Weihnachten wenigstens wie das in Deutschland sein. Ansonsten wird das Fest anders als alle Jahre zuvor: Im Kreise der Erasmusfamilie, ohne den Kartoffelsalat nach Familienrezept, aber mit Lichterketten und Tee.

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