Off-University – Ein Statement für Freiheit der Wissenschaft

Das Logo der Off-University. (Bild: Off-University)

Seit Januar 2016 wurden tausende Akademiker_innen von türkischen Universitäten verbannt. Deshalb bietet die Organisation Off-University diesen die Möglichkeit, online an deutschen Hochschulen zu unterrichten. An dem Projekt beteiligt sind unter anderem auch Prof. Dr. Christoph Schroeder von der Universität Potsdam und Ülkü Doganay, die früher an der Universität von Ankara gelehrt hat. Die beiden haben mit der speakUP über das Projekt und ihre persönlichen Eindrücke gesprochen. Von Valentina Mariebelle.

Die politische Situation in der Türkei ist angespannt. Das ist spätestens seit dem Putschversuch im Juli 2016 klar. Tausende Akademiker_innen wurden von türkischen Universitäten verbannt, viele von ihnen haben eine Petition gegen den gewaltvollen Umgang der Regierung mit der kurdischen Bevölkerung unterzeichnet. Seither sind die „Academics for Peace“ vom öffentlichen Dienst suspendiert. Einige von ihnen mussten die Türkei verlassen, andere haben diese Möglichkeit verloren, als ihre Pässe beschlagnahmt wurden.
Deshalb bietet ihnen die Organisation Off-University die Möglichkeit, online an deutschen Hochschulen zu unterrichten. Dazu gehört seit 2018 auch die Universität Potsdam. Das Projekt ist eine Initiative von Akademiker_innen deutscher Universitäten und denen, die von der „Bereinigung“ an den türkischen Universitäten betroffen sind.

Off-University wurde in Deutschland als Nichtregierungsorganisation in Reaktion auf die Entlassungen an türkischen Universitäten gegründet. Die Idee ist nicht nur die Dozent_innen an deutsche Universitäten zu vermitteln, sondern diese Kurse auch für Studierende in der Türkei zugänglich zu machen. Die Dozierenden bewerben sich aus der Türkei mit ihren Konzepten und Off-University leitet sie dann an die Deutschen Hochschulen weiter.

Ebenfalls an dieser Initiative beteiligt ist Professor Dr. Christoph Schroeder der die Lehre über Off-University an der Uni Potsdam organisiert. Mit der Unterstützung des Präsidiums, dem International Office und der Abteilung für E-Learning wurden die Kurse online angeboten, schon bevor Online-Lehre selbstverständlich war.

Eine Chance für gefährdete Akademiker_innen und ein Gewinn für unsere Universität

Die Zusammenarbeit hat sich inzwischen gut eingependelt, und es wird versucht in jedem Semester einen Kurs mit Off-University anzubieten. Bisher wurden alle Kurse an der Fakultät für Sozialwissenschaften angeboten, in der Regel auch mit ein paar Teilnehmer_innen von türkischen Universitäten. Christoph Schroeder sieht in dem Projekt großes Potential.

 „Das ist eigentlich ein Add-on, das sind hervorragend ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, (…) die mitunter Inhalte unterrichten, die wir hier nicht so stark featuren. Das ist ein Gewinn für die Universität und ich denke auch eine interkulturelle Herausforderung für die Studierenden.“

Viele der Dozent_innen sind in weiteren alternativen Bildungsprojekten innerhalb der Türkei engagiert. Sie schaffen sich damit einen Weg alternative Bildungsinstitutionen aufzubauen, da die Chancen, wieder Teil der öffentlichen Lehre zu werden, aktuell sehr gering sind.

Wissenschaftler_innen unter Druck

Seine Zeit als Dozent in Istanbul zwischen 2003 und 2007 hat Schroeder in guter Erinnerung. Dort hat er spannende Projekte unter anderem zu türkisch-kurdischer Zweisprachigkeit durchgeführt, die so heute in der Türkei nicht mehr möglich wären.

„Ich habe seit meinem Studium sehr viel mit der Türkei zu tun, (…) und habe auch sehr viele Wissenschaftliche Kooperationen. Daher bin ich gut informiert über die Probleme, mit der immer schärfer werdenden Zensur an türkischen Universitäten und den schwierigen politischen Bedingungen, unter denen die Kollegen dort arbeiten. (…) Vor einigen Jahren gab es einen Appell für eine Friedenslösung in den kurdischen Gebieten in der Süd-Ost Türkei, und diesen Appell hat der Präsident als terroristischen Akt interpretiert. Daraufhin wurden massenhaft Kolleginnen und Kollegen, die unterschrieben hatten, entlassen.“

Eine von ihnen ist Ülkü Doganay. Sie ist Politikwissenschaftlerin und unterrichtet in diesem Semester den Kurs „Media and Discrimination“ an der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Potsdam. Bis 2017 war sie Professorin an der Universität von Ankara. Wie vielen anderen Akademiker_innen wurde ihr vorgeworfen, den Staat beleidigt zu haben, terroristische Organisationen zu unterstützen und ihre Ideologie zu teilen. Mit dieser Begründung wurde Doganay gekündigt und ist seitdem von der Arbeit an öffentlichen Bildungseinrichtungen ausgeschlossen. So wie ihr erging es vielen: Laut Reuters wurden allein bis März 2017 fast 5000 Akademiker_innen vom öffentlichen Dienst suspendiert. Die Auswirkungen davon gehen häufig über die Grenzen der Universitäten hinaus: So ist es den betroffenen Rechtswissenschaftler_innen zum Beispiel auch untersagt, als Anwälte tätig zu werden. Zahlreiche Pässe wurden beschlagnahmt oder gesperrt, Ülkü Doganay hat ihren Pass erst im letzten März zurückerhalten und kritisierte dies offen:

„Das ist eine sehr ernste Verletzung der Menschenrechte, dem Recht sich frei zu bewegen, zu arbeiten und auch dem Recht sich frei auszudrücken.“

Der politische Druck ist groß, auch für die Akademiker_innen, die ihre Stellung behalten konnten. Die meisten wollten die Verbindung zu den entlassenen Kolleg_innen nicht aufrechterhalten, um sich selbst zu schützen.

Nach der „Säuberung“ der Universitäten, wie die Entlassungen in der Türkei bezeichnet werden, schlossen sich die betroffenen Akademiker_innen in verschiedenen Organisationen zusammen, um Möglichkeiten zu schaffen, unabhängig unterrichten zu dürfen.
Inzwischen unterrichtet Doganay in verschiedenen Institutionen und gibt ihren dritten Kurs bei Off-University.

„Es war sehr schwierig mich an diese Veränderungen anzupassen, aber inzwischen bin ich gut beschäftigt.“

Voneinander lernen durch interkulturellen Austausch

Die Universität von Ankara. Foto: Unsplash.

Der Kurs „Media and Discrimination“ ist der erste Kurs, den sie in Potsdam anbietet. Zunächst sehen sich die Studierenden ein Video an und anschließend wird über die Inhalte und  Beispiele aus verschiedenen Ländern diskutiert. Einige der Themen sind: Diskurse von Diskriminierung in den Nachrichten, Geschlechterdiskriminierung in den Medien und Online Hate Speech – dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Thema Rassismus.

Das Thema Medien und Diskriminierung war bereits Inhalt von Doganays Arbeit als sie in Ankara an der Fakultät für Kommunikation unterrichtete; der Kurs wurde allerdings nach ihrer Entlassung gestrichen.

„Ich denke der Kurs ist besonders für internationale Student_innen Interessant. Die Arbeit im Bereich Medien und Diskriminierung erfordert eine interdisziplinäre Perspektive, deswegen ist es besonders spannend mit Studierenden verschiedener Hintergründe darüber zu reden.(…) Durch den Online Unterricht muss ich besonders interaktiv mit den Student_innen zusammenarbeiten, das ist großartig. Die Student_innen in Deutschland haben großes Interesse daran, etwas beizutragen, besonders meine Erasmus Student_innen. Das ist  wirklich interessant, ich lerne viel von ihnen über ihre eigenen Erfahrungen und ihre Gründe in andere Länder zu gehen.“

Den Studierenden eine kritische Perspektive und neue Denkanstöße zu liefern, ist Doganay bei diesem Kurs besonders wichtig. Sie will darauf aufmerksam machen, wie vielschichtig und komplex Diskriminierung häufig ist, deshalb ist eine multidimensionale Perspektive besonders wichtig.

„Manchmal sagen mir Student_innen, dass sie vorher noch nie in dieser Art und weise über das Thema nachgedacht haben, das freut immer sehr, denn genau das ist für mich das Ziel des Kurses.“

In Bezug auf die Situation in der Türkei ist Doganay leider nicht sehr optimistisch.

„Wenn man unter einer autoritären Regierung lebt, ist Veränderung nicht so einfach.“

Off-University als Plattform für die freie Wissenschaft

Die aktuelle Entwicklung in Belarus ist gerade im Bezug auf die akademische Lehre vergleichbar. Deshalb wird an der Universität Potsdam überlegt basierend auf der Erfahrung mit Off-University und türkischen Lehrenden ein ähnliches Angebot für belarussische Akademiker_innen zu organisieren.

Für die Studierenden in den Betroffenen Ländern ist es natürlich kaum möglich sich diese Kurse anrechnen zu lassen, allerdings wird ihnen ein Zertifikat ausgestellt, das für die Bewerbung an Internationalen Universitäten von Vorteil sein kann.

„Wir versuchen das, was in unseren Möglichkeiten steht, zu tun, und uns da gut zu positionieren“, äußert sich Schroeder über die Zusammenarbeit
„Ich würde es toll finden, wenn das zu einer Art ständiger Einrichtung an der Uni Potsdam werden würde und daraus ein politisches Statement für die Freiheit der Wissenschaft wird.“

2 Antworten auf &‌#8222;Off-University – Ein Statement für Freiheit der Wissenschaft&‌#8220;

  1. Ein sehr klar und informativ aufgebauter Artikel in sachlicher Sprache ohne Verurteilungen und Diskriminierungen, der einer nicht eingeweihten Person wie mir ein Bild jenseits der Medien über den türkischen Universitätsbetrieb verschafft. Gut zu lesen!

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