Von Nietzsche und chronischer Schlaflosigkeit – ein Interview mit einem studentischen Autor

Der junge Autor Nikodem Skrobisz, auch bekannt als Leveret Pale (Foto: Nikodem Skrobisz)

Unser Redakteur sprach mit dem jungen Autor Nikodem Skrobisz, a.k.a Leveret Pale. In seinem aktuellen Werk „Der Faschist“ geht es um eine düstere Vision einer Postcorona-Welt. In dem Gespräch ging es um Philosophie, die Zukunft Europas und natürlich auch um Corona. Von Maximilian Schulz.

speakUP: Hallo Nikodem. Könntest du bitte unseren Leser_innen erklären, wer du bist und was du machst?

Nikodem: Was ich mache und wer ich bin, hängt doch recht stark vom Kontext und Umfeld ab, aber ich bin wohl vor allem als Publizist und Romancier bekannt. Dabei veröffentliche ich ernstere und nachdenklichere Texte wie Essays über das akzelerierende Technokapital und philosophische Romane über den Faschismus und Künstliche Intelligenz unter meinem bürgerlichen Namen Nikodem Skrobisz, die phantastischeren und psychedelischen Sachen über sprechende Tiere als Leveret Pale. Abgesehen davon studiere ich zurzeit Philosophie in München und habe davor Kommunikationswissenschaft und Psychologie studiert, aber das war mir noch zu nützlich.

speakUP: Was hat dich eigentlich zum Schreiben verleitet?

Nikodem: Chronische Schlaflosigkeit. Schon als kleines Kind konnte ich nicht einschlafen und habe dann aus Langeweile die Gute-Nacht-Geschichten meiner Mutter weitergesponnen. Mit vier Jahren die erste daraus entstandene Kurzgeschichte niedergeschrieben. Mit zehn den ersten Roman. Mit fünfzehn den ersten veröffentlicht. Jetzt bin ich einundzwanzig und sitze auf einem Stapel Publikationen und kann immer noch nicht schlafen.

Zwischenzeitlich hat sich Literatur aber auch als ein interessantes philosophisches Reflexionsmedium erwiesen und ich schreibe mittlerweile auch gern, um die Welt zu analysieren. Abgesehen davon ist das bisher die einzige Möglichkeit, die ich gefunden habe, um aus meinen chronischen Schlafproblemen Kapital zu schlagen – und Geld stinkt ja bekanntlich nicht.

speakUP: Hast du irgendwelche literarischen Vorbilder, die dir den Weg gezeigt haben?

Nikodem: Keine klaren, nur ein Cluster an Sternen, an denen ich mich lediglich lose bei meiner eigenen literarischen Reise orientiere. Friedrich Nietzsche und die in seiner Tradition stehenden transgressiven Literaten und Denker wie Georges Bataille, Ernst Jünger, Hunter S. Thompson und Michel Houllebecq wären da zu nennen. Und ein bisschen Aldous Huxley und George Orwell.

speakUP: Als Autor_in liest man ja sehr viel. Aber wenn du ein Werk aussuchen könntest, welches davon wäre dein Liebling?

Nikodem: Das ändert sich eh alle paar Monate, denn man entdeckt auch immer wieder neue Perlen und Meisterwerke… und jede Stimmung lädt doch auch zu einer anderen Lektüre ein, deswegen habe ich eher ein ganzes Regal an Lieblingen und kann jetzt nicht nur ein Buch nennen. Aktuell begeister‘ ich mich mal wieder für die Werke von Qiufan Chen.

speakUP: Du scheinst philosophisch sehr bewandert zu sein. Was fasziniert dich an der Philosophie? Und warum gerade Nietzsche?

Nikodem: Philosophie zu studieren, bedeutet das Fundament der Wahrheit und der Wirklichkeit zu studieren, die Matrix unseres Lebens auseinanderzuspinnen und zu analysieren. Es gibt wohl kaum eine intellektuell anspruchsvollere und spannendere Herausforderung, als sich durch diese fundamentalen Probleme über Wahrheit, Existenz und Sein zu arbeiten. Des Weiteren glaube ich, dass ein Verständnis dieser Probleme und das analytische Denken der Philosophie in unserer zunehmend automatisierteren und komplexer werdenden Welt so wertvoll und wichtig ist wie noch nie zuvor. Die Erfolge von studierten Philosophen wie George Soros, John Mackey und vor allem Peter Thiel bestätigen das in meinen Augen.

Nietzsche ist in der Hinsicht ein spannender Denker, weil er sowohl die Romantik, als auch die Aufklärung vollendet, und eine radikale Kritik vieler der Vorurteile des menschlichen Glaubens und Denkens bietet. Er hat seine Schwächen, aber ich denke sein Potential ist philosophisch noch nicht ganz ausgeschöpft, da viele seiner Kritiken nach wie vor mehr als aktuell sind. Des Weiteren ist er unter den Philosophen wohl der größte Sprachästhet und Dichter; ihn zu lesen ist einfach stimulierend, wie sich einen Espresso aus Wörtern ins Gehirn zu kippen, auch wenn es nicht immer allzu klug ist.

speakUP: Wie gut bringst du Studium und Autorenleben unter einen Hut?

Nikodem: Relativ mühelos. Ich schlafe wenig und ich halte eine strenge geistige Diät ein, denn bereits Seneca merkte in seinen De brevitate vitae an, dass man eigentlich genug Zeit für alles Wichtige hat, sofern man sich vom Unwichtigen befreit. Ich sehe mir daher kaum Filme und keine Serien an, spiele keine Videospiele, halte mein Gehirn generell von den ganzen Zeitfressern und virtuellen Betäubungsmitteln der digitalen Gegenwart fern. Dadurch habe ich tatsächlich mehr als genug Zeit, um Autorenleben, Studium, der Beziehung, Freundschaften, Hobbys und anderen Unternehmungen in aller Ruhe und Freude nachzugehen.

speakUP: Es ist 2020, deshalb muss ich auch dir diese Frage stellen. Wie wirkte sich die Pandemie und der Lockdown auf dich aus? Hattest du eher positive oder negative Erfahrungen?

Nikodem: Ohne Corona wäre 2020 wahrscheinlich für uns alle ein besseres Jahr geworden. Diese Pandemie ist ein anthropologischer Kataklysmus, der niemanden verschont. Für mich als Autor war vor allem das Erliegen des Kulturlebens und damit der Ausfall von Messen, Leser- und Autorentreffen und Lesungen, ein sehr deutlich spürbarer Einschnitt. Dafür konnte ich in der Lockdownstille einiges in Ruhe niederschreiben, unter anderem meinen neuesten Roman „Der Faschist“.

Mein Fernbleiben von Partys hat es erheblich erleichtert, endlich mit dem Nikotinkonsum aufzuhören. Und zwischen den Lockdowns lernte ich durch Zufall meine aktuelle Freundin Sabrina kennen. Was nicht passiert wäre, hätte ich nicht wegen steigender Inzidenzen eine geplante Reise nach Wien canceln müssen. All diese Dinge, vor allem die Magie der Liebe, wirken sich gerade mehr als positiv auf meine Produktivität aus. Wodurch 2020 bei mir, was literarischen Output und was Publikationen angeht, ein Rekordjahr war.

speakUP: In deinem Buch „Der Faschist“ zeichnest du eine düstere Zukunftsvision von Europa. Was sind deine Aussichten für 2020 und darüber hinaus?

Nikodem: Ein Sturm zieht auf und das Schlimmste kommt noch. Ich befürchte, die Pandemie ist erst der Auslöser und der Katalysator einer Tsunamiwelle an wirtschaftlichen und politischen Krisen, die nun über uns hereinbrechen werde. Aber es wird hoffentlich nicht ganz so schlimm wie in meinem Roman, der natürlich auch eine fiktionale Überzeichnung ist, um eben davor zu warnen, was kommen könnte.

speakUP: In welchen Genres schreibst du am liebsten? Oder lässt du dich gar nicht erst von Genregrenzen einschränken?

Nikodem: Das Genre lege ich erst am Schluss fest, wenn es an das Exposé und die Vermarktung geht. Ansonsten lasse ich meine Kreativität nicht von Grenzen einhegen.

speakUP: Was gefällt dir am Schreiben am meisten?

Nikodem: Die Menschen und die Ideen, die man dadurch kennenlernt. Egal ob bei Recherchen, auf Messen, bei Lesungen, durch Leserbriefe, Diskussionen per Mail oder auf dem Podium; es ist belebend, mit anderen Menschen so intensiv Gedanken austauschen zu können. Das ermöglicht in dieser intellektuellen Tiefe kein anderes Medium.

speakUP: Hast du ein paar weise Worte für junge, angehende Autor_innen?

Nikodem: Auch wenn das aktuell schwieriger ist: Vernetzt euch mit Gleichgesinnten, bei Autorenstammtischen, Messen, in Foren und bei Lesungen. So lernt man Mentoren und Wegbegleiter kennen, die einem mehr Weisheiten über die Literatur enthüllen können, als ich jetzt in dem kurzen Interview überhaupt aufzählen könnte.

speakUP: Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!

Weitere Informationen zu Nikodem Skrobisz und seinen Werken findet man auf seiner Instagramseite @leveret_pale und seiner persönlichen Website https://leveret-pale.de/

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