„Theater lehrt uns, offen für das Neue zu sein“

Zora Klostermann
Schauspielerin Zora Klostermann (Bild: HL Böhme/HOT)

Schauspielerin Zora Klostermann ist in Fröndenberg im Ruhrgebiet aufgewachsen. Dort leben gerade mal 21.000 Menschen, so viele wie an der Uni Potsdam studieren. Eben das Studium beendet, spielt sie jetzt als neues festes Ensemble-mitglied am Hans Otto Theater – und trifft in Potsdam auf eine andere Welt. Wir haben uns mit ihr unterhalten über die Eigenarten des Schauspielstudiums, ihr neues Zuhause und die Macht des Theaters.

speakUP: Bist du zum Theater gekommen – oder ist es zu dir gekommen?

Zora Klostermann: Meine Mutter war Dramaturgin am Musiktheater in Gelsenkirchen, da habe ich bereits als Kind etwas von Oper und Ballett mitbekommen. Dann hat sie freiberuflich als Theaterpädagogin gearbeitet und an unserer Schule eine AG geleitet. Dort war ich für das Licht und den Ton verantwortlich – mit 11 Jahren. Als plötzlich eine Mitschülerin krank wurde, bin ich eingesprungen und habe ihre Rolle übernommen. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich dachte nur: Ja, das fühlt sich gut an, das will ich machen.

speakUP: So läuft das im Idealfall. Und dann hast du auch nichts anbrennen lassen: Schauspielhaus Bochum, Studiobühne Lindenbrauerei, „theater narrenschiff“ – noch bevor du an die Kunsthochschule gegangen bist. Ein pathetischer Mensch würde sagen: Du hast von Anfang an deinen Traum gelebt.

Klostermann: Ja, Theater ist tatsächlich das, was mir immer Spaß gemacht hat, was ich gern gemacht habe. Und eigentlich will ich auch gar nichts anderes machen.

speakUP: Das heißt, du hattest keinen „Plan B“? Gewagt in dem Business!

Klostermann: Naja, irgendwann dachte ich, vielleicht wäre Grundschullehrerin besser. Geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden sind mit Familie natürlich günstiger. Ich dachte an Deutsch und Kunst als Fächer und bin zur Vorbereitung zu einem „Mappenkurs“ gegangen, um die Bewerbung für die Kunsthochschule vorzubereiten, aber schnell habe ich gemerkt: Dafür bist du nicht gemacht, das kannst du dir abschminken.

speakUP: Aber bei der Kunst bist du schon geblieben. Im Februar hast du dein Schauspielstudium in Essen beendet.

Klostermann: Ja, schriftliche Arbeiten und stures Auswendiglernen liegen mir einfach nicht. An der Schauspielschule lag das Gewicht glücklicherweise auf  Körper-, Sprech- und Rollenunterricht. Aber auch dort gab es natürlich Prüfungen, auf die wir lange hingearbeitet haben. Für die Abschlussprüfung zum Beispiel haben wir drei Monate geprobt.

speakUP: Die Studienzeit liegt noch ganz frisch hinter dir. Was vermisst du am meisten und wovon sagst du: „Gott sei Dank ist das Studium vorbei!“?

Klostermann: Jetzt beim ersten Stück am Hans Otto Theater war es schon schön, niemanden mehr im Rücken zu haben, der einem sagt: „Denk an das ‚sch‘!“ – aber zugleich ist man auf sich selbst gestellt. Das bedeutet zwar Freiheit, aber der Abschied von meinen Kommiliton_innen in Essen fiel mir schon schwer. Vier Jahre habe ich mit diesen zehn Leuten in meiner Klasse den Großteil der Zeit verbracht! Das ist ja für Schauspielschulen etwas Typisches, dass man viel Lebenszeit miteinander verbringt und richtig zusammenwächst. Jetzt nach dem Abschluss sind wir über alle vier Ecken Deutschlands verstreut, da sieht man sich nicht mehr so häufig. Aber zugleich gibt es jetzt so viel Neues und Spannendes zu entdecken!

speakUP: In Potsdam zum Beispiel: Hier sind die Menschen streitlustig und auch – im positivsten Sinne! – etwas eigensinnig. Wie kommst du damit klar?

Klostermann: Es ist hier von der Mentalität her wirklich völlig anders als im Ruhrgebiet. Ich bin da ja aufgewachsen, habe dort studiert – und bin jetzt das erste Mal richtig weg von Zuhause. Ich diskutiere da oft mit meinem Vater, wenn ich ihm sage, dass ich hier ein anderes Gemüt spüre: Das Ruhrgebiet habe ich immer in seiner Arbeiter_innen-Tradition gesehen, da ist das Proletarische stark. Hier in Potsdam fahre ich manchmal ins Stern-Center, um davon etwas zu spüren. (lacht)

speakUP: Das wirst du ausführen müssen.

Klostermann: Im Vergleich zur Innenstadt, wo viele Besserverdienende wohnen und Tourist_innen das Bild prägen, sieht man im Stern-Center, dass in Potsdam auch viele Menschen leben, die weniger Geld haben. Und die Atmosphäre dort erinnert mich stark an den Ruhrpott, an meine Heimat. Ich habe erst hier in Potsdam gemerkt, dass ich so etwas wie Sehnsucht nach meiner Heimat haben kann. Zum Beispiel hängt jetzt an meinem Kühlschrank ein Bild des Bochumer  Förderturms. (lacht) Zugleich möchte ich neugierig bleiben auf das, was hier auf mich zukommt.

speakUP: Tausende Studis finden in Potsdam jedes Jahr ein neues Zuhause, gerade jetzt im Oktober. Musst du auch am Hans Otto Theater erst noch deinen Platz finden?

Klostermann: Ich fühlte mich hier von Anfang an sehr wohl. Das ganze Team ist sehr herzlich und es gibt eine angenehme, tolle Atmosphäre, die ich genieße. Potsdam selbst werde ich aber noch besser kennenlernen müssen.

speakUP: Im Programmheft zur aktuellen Saison ergänzt du den Satzanfang „Eine gute Geschichte…“ mit „… ist nicht zu unterschätzen“. Jetzt übt ihr gerade für „Wie im Himmel“. Ist das auch so eine Geschichte, die man ernst nehmen sollte?

Klostermann: Na klar. In der Geschichte geht es um einen Stardirigenten, der nach einem Herzinfarkt für eine Auszeit in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort einen kleinen Kirchenchor übernimmt. Damit löst er eine Aufbruchsstimmung aus, die nicht jedem gefällt. Ich spiele zum Beispiel eine junge Frau und Mutter, Gabriella, die im Verlauf der Geschichte lernt, sich gegen ihren gewalttätigen Mann zu stellen. Es ist also eine Geschichte über die Kraft der Musik und des gemeinsamen Singens, über Gemeinschaft und das Finden des eigenen Tones, der eigenen Stimme.

speakUP: Was macht das Theater mit uns?

Klostermann: Es lehrt uns viel: Zusammenhalt, dass wir aufeinander achten müssen, gesellschaftliche Werte. Allein der ganze Theaterbetrieb zeigt: Man muss diszipliniert sein, muss aufmerksam sein, offen für das Neue und Unbekannte. Das ist natürlich auch für junge Zuschauer_innen und Schulklassen interessant, zu merken, dass hier jede_r eine bestimmte Rolle einnimmt, dass Theater nur miteinander geht und alle aufeinander Rücksicht nehmen. Das sind Dinge, die in Schulen und auch in immer mehr Familien heute eine geringere Rolle spielen.

speakUP: Mit 7,50 Euro pro Ticket ist der Theatereintritt für Studis so gut wie kostenlos – gemessen an dem unheimlichen Aufwand, der hier betrieben wird. Warum gehen die Menschen, gerade auch junge Leute, heute trotzdem weniger ins Theater?

Klostermann: Das liegt, denke ich, daran, dass junge Menschen immer seltener ans Theater heran geführt wird. Wir haben zwar in der Schule Theaterstücke gelesen, aber wir haben die Stücke nicht gesehen, nicht erlebt. Dabei sind doch diese Werke nicht dafür geschrieben, gelesen zu werden: Sie gehören ins Theater, auf die Bühne, und da muss die Schule in ihrer vermittelnden Rolle viel stärker werden! Bei „Blauer als sonst“, ein Jugendstück über die erste Liebe, das ich hier am Hans Otto Theater spiele, merke ich immer wieder, wie die Schüler_innen mitgehen, wie sie in der Geschichte völlig aufgehen und sich von ihr mitreißen lassen – das sind Momente, wo ich denke: Gut, dass es das Theater immer noch gibt.

speakUP: Reagieren junge Leute im Theater anders?

Klostermann: Ja, völlig. Bei dem Stück sind es ja in der Regel Jugendliche, die im Saal sitzen, und die rufen dann auch mal zwischendurch rein: „Jetzt küsst euch doch endlich!“. Da hat man schon Angst, dass man schneller aus der Rolle fällt. Zugleich ist es schön, dass sich junge Leute trauen, sich vom Erlebten richtig mitnehmen zu lassen, zu kommentieren und auch mal zu lachen, wenn etwas schief geht.

speakUP: Du hast ja auch außerhalb von Hochschule und Theater Schauspielerfahrung gesammelt: 2011 warst du im Film „Pixelschatten“ zu sehen.

Klostermann: Da ist spielerisch wirklich alles vollkommen anders. Gerade in diesem Film hatte der Hauptdarsteller ja die Kamera auf dem Kopf, die Geschichte wird aus seinen „Point of View“ erzählt. Das heißt, ich konnte meinem Spielpartner nicht einmal ins Gesicht schauen. Das war zwar spannend, aber auch ziemlich merkwürdig. Außerdem genieße ich es im Theater, einfach eineinhalb Stunden am Stück spielen zu können, während im Film beim Darstellen die Geschichte durch die Montage förmlich zerhackt wird.

speakUP: In der laufenden Saison werden wir dich noch in „Die Opferung von Gorge Mastromas“ und in wiederaufgenommenen Repertoire-Stücken sehen. Gibt es ein Stück, auf das du dich schon besonders freust?

Klostermann: Im Moment stecken wir so tief in den Proben für „Wie im Himmel“, dass ich mich noch nicht mit den späteren Rollen genauer beschäftigen konnte. Aber ich kann versprechen, dass es sich lohnt, zu uns ins Theater zu kommen!

speakUP: Dessen werden wir uns vergewissern. Vielen Dank für das Gespräch!

Gewinne mit der speakUP 2×2 Karten für „Wie im Himmel“ am 16. November im Hans Otto Theater: Schick uns eine SMS mit „Himmel“ an 0160/3271989. Rechtsweg ausgeschlossen. Viel Glück!

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