Unser UNIversum – Folge 5: Das Auslandssemester

Schaf in Irland
Schaf in Irland (Bild: ievavincer2 – fotolia.com)

Unbekanntes Land, neuer Campus, fremde Leute: Für manche ist das ein Traum, für andere eine Horrorvorstellung. Fast jede_r von uns, die oder der sich auf diesen Pfad begibt, muss sich jedoch in der einen oder anderen Situation selbst überwinden. Warum es sich trotz Muffensausen lohnt, ein Semester im Ausland zu verbringen. Folge 5.

Einige von uns haben es schon hinter sich, anderen steht es noch bevor. Manche sind vielleicht gerade mittendrin. So auch in meinem Fall. Nachdem ich letzten Winter fast den Bewerbungsschluss verpasst hätte, während des Semesters dann etliche Formulare ausgefüllt und meine Semesterferien damit verbracht habe, mich um Unterkunft, Krankenversicherung und sonstigen organisatorischen Firlefanz zu kümmern, bin ich nun endlich an der Universität meiner Wahl angekommen – der University of Limerick in Irland. Obwohl ich vor 3 Wochen mit Schwung und voller Vorfreude in das Semester gestartet bin, stellen sich mir nun laufend kleine Hürden in den Weg.

„HowdoyoulikeitinIrelandsofarisitgreatcraic?“, fragte mich an meinem ersten regulären Tag ein irischer Kommilitone. Nur etwa zwei Prozent der Iren kommunizieren untereinander auf Gälisch. Der Rest der Bevölkerung spricht im Alltag Englisch. Aber was war das jetzt gerade eben? Gänglisch? Mein Schulenglisch reicht wohl nicht aus, um die spezielle Aussprache der Iren zu verstehen und mit ihrem Sprechtempo Schritt zu halten. Und das letzte Wort? Hat der mich gerade gefragt, ob ich hier Crack geraucht habe? Netterweise wurde der Satz auf meine Nachfrage hin wiederholt und erklärt: Wie mir Irland denn soweit gefalle und ob ich denn Spaß hätte hier. Aha! Spaß also, egal ob mit aufheiternden Substanzen oder ohne. Die Sprache stellt bislang aber nur einen kleinen Stolperstein unter vielen dar und führt zu einer weiteren Problematik: Ohne Sprache keine Sozialisation.

Zugegeben: Ganz so drastisch ist es nicht. Auch wenn mein Englisch ein wenig eingerostet ist, reicht es doch zur grundlegenden Kommunikation aus. Und das darf man dann den ganzen Tag unter Beweis stellen – in den Seminaren, der Mittagspause und beim Feierabendbier in einem der campuseigenen Pubs. Man ist schließlich erstmal ganz alleine hier. Es sei denn man hat „zufällig“ denselben Platz wie der beste Freund oder die beste Freundin ergattert. Also lautet das Motto: Be outgoing! Komm raus aus deiner Komfortzone und gib dich dem Unbekannten hin! Die ersten Kommiliton_innen, die man kennenlernt sind meist diejenigen, die im selben Boot sitzen, wie man selbst: die anderen Erasmus-Studierenden. Doch je länger man hier ist, desto leichter wird auch beispielsweise der Umgang mit den ansässigen Studierenden in Seminaren oder Referatsgruppen. Und so erweitert sich die eigene Komfortzone nicht nur um etliche Leute, sondern auch um zahlreiche Länder und vielfältige Kulturkreise.

Aber bei so viel Interkulturalität kommt es auch immer wieder zu Missverständnissen. Wer zahlt zum Beispiel die nächste Runde „Pints“? Oder wie gibt man höflich zu verstehen, dass man das Stück „Pudding“, eine irische Variante der deutschen Blutwurst, partout nicht essen möchte? Für manche Deutschen mag es auch schwierig sein, mit der irischen Herzlichkeit umzugehen. Und dann sind da noch die spanischen, französischen, amerikanischen, schwedischen, chinesischen… Sitten und kulturellen Unterschiede, die man ebenfalls erlernen und beachten sollte. Die zahlreichen Erasmus-Partynächte sind die optimale Gelegenheit hierzu.

Vor meiner Abreise wurde ich mit eben jenem Klischee mehrfach konfrontiert: „Du gehst ins Ausland? Na dann hast du jetzt ja ein halbes Jahr Semesterferien und kannst unbegrenzt feiern.“ Das mag sich in bestimmten Fällen als richtig herausstellen. Will man sich an seiner Heimatuniversität jedoch Punkte und möglichst gute Noten anrechnen lassen, so gestaltet sich die erträumte Freizeit um in Lese- und Lernzeit. Und da kommt noch einmal die Sprache ins Spiel: In einer fremden Sprache liest es sich einfach nicht so leicht und schnell wie in der Muttersprache, aller Speedreading-Techniken zum Trotz. Dementsprechend wird die Feierei in meinem Semester wohl Nebensache bleiben.

Und doch lohnt es sich – trotz des ganzen Aufwands und der Hindernisse – ein Semester in einem anderen Land zu verbringen: All die Schwierigkeiten, die man zu Anfang vor Augen hat, sind bald keine Schwierigkeiten mehr, sondern Herausforderungen. Herausforderungen wie das Erlernen einer Sprache, das Überwinden der eigenen Barrieren um neue Freundschaften zu schließen, das Handeln im unbekannten Raum und in unbekannten Sozialstrukturen und das Akzeptieren der Tatsache, dass so manche Erwartungen auch enttäuscht werden können. Jede einzelne der genannten Aufgaben ist lösbar und trägt dazu bei, unsere Sichtweise auf die Umwelt und die eigene Welt zu erneuern und zu erweitern. Und ohne Zweifel lernt man etwas dazu, ob man das Semester nun auf diversen Partys oder gemeinsam mit den Kommiliton_innen in Büchern stöbernd verbringt. Falls mich also heute jemand fragt „How do you like it in Ireland so far? Is it great fun?”,  würde ich wahrscheinlich folgendes erwidern: „Yeah, it’s great craic!”

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