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campusLEBEN Featured Ganz vorn — 26 Oktober 2018

Der Blick aus dem Studierendenwohnheim im Stadtzentrum von Sankt Petersburg (Foto: Maximiliane Roeder)

Seit September hält sich unsere Redakteurin Maxi für drei Monate im Rahmen ihres Studienganges Russistik in Sankt Petersburg auf. Hier berichtet sie von ihrem Ankunftstag in der russischen Metropole – und womit man in dortigen Studierendenwohnheimen rechnen muss… Von Maximiliane Roeder.

Wir wuchten unsere Koffer die Treppe hoch und betreten ein Foyer, das einen recht adretten Eindruck macht. Und die Lage ist wirklich gut, schön zentral, die Uni gleich um die Ecke. Es ist ja hier nicht gerade ungewöhnlich, als Student_in in den Betonwüsten der Außenbezirke untergebracht zu werden – mit ungefähr einer Stunde Anfahrtsweg zur Uni.

Kaum haben wir unser Gepäck in Richtung Rezeption geschleppt, hat uns die Empfangsdame bereits entdeckt, fragt nach unseren Namen und redet schnell und wild gestikulierend auf uns ein. Ich verstehe kaum ein Wort. Nicht gerade ermutigend für den ersten Tag. Nach und nach kommt heraus, dass wir unser Gepäck auf die Zimmer bringen und uns gleich danach im „International Office“ einfinden sollen, um unsere Registration und Studierendenausweise zu beantragen. Nun gut.

Erkundung des Wohnheimzimmers

Unsere Zimmer liegen auf der vierten Etage. Vor der Tür unseres Zimmers angekommen, müssen meine Mitbewohnerin und ich erst einmal die Geheimnisse unseres Türschlosses ergründen, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Schließlich haben wir es raus; man muss den Schlüssel in einem ganz bestimmten Tempo und in einer flüssigen Bewegung drehen, sonst bleibt man auf der Hälfte stecken und nichts rührt sich mehr.

Newski Prospekt auf Höhe des Flusses Moika (Foto: Maximiliane Roeder)

Als die Tür dann offen ist, schlägt mir der moderige Geruch, den ich schon draußen auf dem Flur bemerkt habe, in zehnfacher Verstärkung entgegen. Ich finde mich in einem kleinen, fensterlosen Raum wieder, von dem Türen abgehen. In der Ecke steht ein Kühlschrank. Immerhin. Der Parkettboden ist so alt, dass er inzwischen schwarz ist. Von ihm geht auch eindeutig der unangenehme Geruch aus. Wir gehen in unser Zimmer. Die Tapete ist intakt, mit braunem Muster. Also wird man schon mal nicht jeden Morgen Putzstücke im Bett vorfinden, die über Nacht von den kaputten Wänden gefallen sind, wie damals in Moskau. Trotzdem wird braun wohl immer die letzte Farbe sein, die ich jemals für eine Wand aussuchen würde. Der Boden nicht ganz so runtergekommen wie im Flur. Ein Kleiderschrank, zwei schmale Betten, angenehmerweise weit auseinander stehend. Hierzulande sollte man als Student_in froh sein, wenn man sich ein sehr kleines Zimmer mit nur einer anderen Person teilen muss.

Vor dem Fenster hängt ein lachsfarbener Vorhang aus glänzendem Stoff, der nicht recht hierher passen will. Der sah sicher mal ziemlich feudal aus, als er noch jünger war. Die Rädchen in der Vorhangstange sind so verrostet, dass sich der Vorhang nicht bewegen lässt. Er hängt halb geöffnet vor dem einzigen Fenster und hält so einiges vom Tageslicht draußen, dass ich hier drin ganz gut brauchen könnte. Die Lampen an den Wänden haben Schirmchen und sind etwas altmodisch geschwungen. Das ganze Gebäude macht den Eindruck, als ob jemand damit einmal hohe Ziele gehabt habe, vor langer Zeit – und dann kam leider irgendetwas dazwischen. So ein bisschen fühle ich mich an das Grand Budapest Hotel aus dem gleichnamigen Film von Wes Anderson aus der Epoche erinnert, in der sich die Einrichtung bereits auf dem „Abstieg in die Schäbigkeit“ befand. Im Zimmer gibt es auch einen kleinen Schreibtisch, darauf steht ein Teller und ein einziges Glas. Es stellt sich die Frage, wie man in diesem Zimmer zu zweit arbeiten soll. Allerdings war man so großzügig, uns noch einen zweiten Stuhl zu gönnen, der an der Wand steht. So kann man zwar trotzdem nur abwechselnd am Tisch sitzen, aber immerhin hat jede Bewohnerin ihren eigenen Stuhl.

Badezimmer des Grauens

Seitenansicht Winterpalais (Foto: Maximiliane Roeder)

Ich stelle mein Gepäck ab und kehre in den Flur zurück. Angstvoll erinnere ich mich in das Badezimmer, das wir damals in Moskau hatten. In Sankt Petersburg hatte ich aus irgendeinem Grund bessere Umstände erwartet, aber jetzt mache ich mir plötzlich Gedanken – besonders, als ich die kleine Klebefalle für Kakerlaken bemerke, die auf dem Boden neben dem Kühlschrank liegt.

Mit einem mulmigen Gefühl öffne ich die Tür zum Badezimmer. Eine Toilette mit insgesamt hohem Plastikanteil, eine kleine Badewanne, in der nur geduscht werden soll – aber auf eine andere Idee würde man da auch nicht kommen. Insgesamt reicht der Platz zwischen WC, Waschbecken und Badewannenrand locker aus, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Am Boden der Wanne ist viel Schwarz zu sehen, aber es scheint nur die Beschichtung abgenutzt zu sein, also nichts weiter Schlimmes. Der Steinboden ist alt und voller Macken, die Wände ziert reichlich Schwarzschimmel, hinten an der Wand sieht man alle möglichen Rohre; hinter der Toilette und unter dem Waschbecken wurden verschiedene Zwischenräume großzügig zugegipst – der Handwerker muss entweder besoffen oder Laie gewesen sein, oder beides.

In der Luft hängt ein unangenehmer Geruch, irgendwie muffig und säuerlich in einem. Der Raum ist insgesamt ziemlich luftdicht abgeschlossen. Es gibt kein Fenster, nur ganz weit oben ist ein kleines Belüftungsgitter in die Wand eingelassen, das so enorm verdreckt ist, als sei es seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr gereinigt worden. Keine Ahnung, was da durchkommt, aber frische Luft mit Sicherheit nicht. Na gut. Kurz gesagt: Moskauer Verhältnisse.

“International Office” auf russische Art

Vor dem „International Office“ stehen ungefähr zwanzig Studierende in der Warteschlange. Es ist sehr ruhig. Die meisten stehen ganz bewegungslos da und schauen auf ihre Smartphones. Eine Weile passiert rein gar nichts. Irgendwann kommt ein Student aus der Tür, vor der wir alle warten und nach einer Weile wird der nächste reingerufen. Auch diese Abfertigung nimmt viele Minuten in Anspruch. Die Schlange hinter mir wird immer länger.
Geht das jetzt die ganze Zeit so? Die deutsche Ungeduld lässt mich unruhig hin und her treten, den Hals recken, um vielleicht zu sehen, was genau da so lange dauert. Nach einer Weile hole auch ich resigniert mein Smartphone raus und will mich mit dem WLAN verbinden. Aber es scheint keins zu geben. Kann nicht sein, ich werde nachher nochmal bei der Rezeption nachfragen.

Die Dworzowij-Brücke (Foto: Maximiliane Roeder)

Eine gute halbe Stunde später sind wir endlich an der Reihe. Das Büro ist nur von einer einzigen Frau besetzt, die gestikuliert und sehr laut auf uns einredet, beinahe schreit. Ich bin müde vom Stress der letzten Tage und vom Flug, übervoll von neuen Eindrücken und verstehe sie nicht. Meinen Mitreisenden scheint es nicht anders zu gehen. Schließlich steht sie auf, packt einen von uns am Arm und bedeutet uns anderen, ihr zu folgen. Anscheinend haben wir uns beim falschen International Office angestellt. Allerdings hatte uns die Dame von der Rezeption genau hierhin geschickt. Na gut, nicht ärgern, heute ist der erste Tag.

Die Frau lässt einfach ihr Büro zurück und auch die anderen wartenden Studierenden, inzwischen wohl mindestens dreißig an der Zahl. Hilfsbereit begleitet sie uns durch einen Gang, quer über den Innenhof. Um uns herum türmt sich der Wohnheimkomplex in seiner ganzen Pracht auf. Der gelbe Anstrich hat unter dem Rost, der von den Fensterrahmen herunterkommt, und den Regenfällen der letzten fünfzehn Jahre wohl etwas gelitten. Es stehen ein paar zum Bersten vollgestopfte Müllcontainer rum.

Unsere eifrige Fremdenführerin geleitet uns in eines der Gebäude, eine Treppe hoch und um zwei Ecken – nichts für ungut, aber wie hätten wir das jemals alleine finden sollen? -, deutet auf eine bestimmte Tür und lässt uns allein. Dieses zweite Büro können wir direkt betreten und die Sachbearbeiterinnen sprechen Englisch. Meine ist ein wenig pummelig und blass, mit ungesunden Schatten unter den Augen. Meine Fragen zum weiteren Ablauf scheinen sie sehr zu nerven. Auf Geheiß fülle ich mehrere Dokumente aus, die alle sehr ähnliche Fragen an mich stellen.

Alexandersäule / Schlossplatz und Winterpalais (Foto: Maximiliane Roeder)

Schließlich werden wir zum ersten Büro zurückgeschickt, wo wir dann wieder ziemlich lange darauf warten müssen, aufgerufen zu werden. Unverändert gebieterisch waltet unsere Fremdenführerin von vorhin ihres Amtes und spricht immer noch sehr viel und schnell. Ich wundere mich, dass es zu einem simplen Routinevorgang so viel zu sagen gibt. Wieder fülle ich ein Dokument aus; gefühlt schreibe ich heute zum zwanzigsten Mal meine Personalien einmal in kyrillischen und einmal in lateinischen Buchstaben auf. Am Ende dieser Odyssee drückt mir die Sachbearbeiterin einen kleinen, handbekritzelten Notizzettel in die Hand und fordert mich auf, an diesem Datum in zwei Wochen wiederzukommen, dann sei meine Registration fertig. Ja, klar, mache ich. Doswidanje. Nur schnell raus hier.

Drei Monate können ganz schön lang werden…

Am Abend betrete ich auf Zehenspitzen das Badezimmer und fange nervös damit an, mir die Zähne zu putzen. Ich bin gerade mit allem fertig, da krabbelt tatsächlich die erste Kakerlake über den Waschbeckenrand. Zwar nicht gerade überrascht, aber dennoch reichlich angewidert überwinde ich die Starre des Ekels, springe mit einem Satz in den Flur und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

Unbehaglich sitze ich auf dem Bett. Das Bettzeug ist braun gemustert, passt zu den Wänden. Unruhig hüpfen meine Augen hin und her und spielen mir Streiche. Ständig meine ich zu sehen, dass sich etwas bewegt, aber wenn ich näher hinschaue, ist da nichts. Ich starre die braun-fleckige Tapete an und versuche mich zu beruhigen. Alles nicht so schlimm, war ja klar, dass ich hier nicht im Hotel wohnen würde. Es sind ja nur drei Monate… nur drei Monate…

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