Raus aus dem Aktenschrank – Nachhaltigkeit schaffen

Die Universität nebst diverser Dozent_innen ist ja zuweilen so flexibel wie Stahlbeton. Gerade in Fragen der Prüfungsleistungen ist die Vielfältigkeit doch sehr begrenzt. Immer mal wieder unternehmen Lehrende den Versuch, klassische Leistungsnachweise durch alternative Formen abzulösen. Von Anne-Catherine Ziege

Semester für Semester haben wir in den meisten Studienfächern die Wahl zwischen einer Klausur oder einer Hausarbeit. Je nach Anzahl der Leistungspunkte nennt sich die Hausarbeit vielleicht auch Essay und die Klausur wird um eine halbe Stunde verkürzt. Das Prinzip bleibt jedoch gleich. Die Studierenden recherchieren und lernen mehr oder weniger intensiv einige Wochen, bringen ihr Wissen zu Papier und anschließend wandern diese Ergüsse in irgendeinen Aktenschrank irgendeines Lehrenden irgendwo auf dem Campus. Die maximale Verwertung dieser Arbeiten erfolgt in Form einer Einsicht durch die Studierenden und einer Besprechung mit dem Lehrpersonal. Über die Grenzen der Universität hinaus schaffen es doch nur sehr wenige dieser klassischen Prüfungsleistungen. Einen Versuch, die Ergebnisse eines Seminars mit zwei Semesterwochenstunden um den Aspekt der Nachhaltigkeit zu erweiten, unternimmt derzeit die Dozentin Christina Wolff. Nach einem Magister- und Bachelorstudium an der Universität Potsdam schloss sie im Februar letzten Jahres erfolgreich ihr Masterstudium in der Soziologie ab und widmet sich seit Oktober 2012 ihrem Promotionsprojekt. Seit 2009 arbeitet Christina Wolff im wissenschaftlichen Betrieb der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät im Fachbereich der Soziologie. In diesem Semester leitet sie ein BA Seminar mit dem Titel „Geschlechter- und Gleichstellungspolitiken in der Europäischen Union “.

Soweit nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist jedoch das Anforderungsprofil des Kurses an ihre Student_innen. Keine Klausur, keine Hausarbeit, kein Essay. Stattdessen: ein Wiki-Eintrag. Wer nun zögerlich die Augenbraue hebt und die Stirn in Falten legt, zeigt berechtigte Unwissenheit. Diese Form der Leistungserbringung ist an der Uni Potsdam weitestgehend unbekannt. Es handelt sich hierbei um eine interaktive Onlineplattform, zu der alle Kursteilnehmer_innen auch über die Seminarlaufzeit hinaus Zugang haben. Hier werden von allen Studierenden ein eigener kleinerer und ein Gruppenbeitrag erarbeitet. Es können Beiträge verfasst, diskutiert, kommentiert und verändert werden – von jedem Einzelnen und zu jedem Zeitpunkt. Jeder Arbeitsschritt bleibt so für die Gruppe transparent. „Ich arbeite gern mit unterschiedlichen E-Learning-Tools und probiere Neues aus.

Letztes Semester habe ich viele Funktionen bei Moodle ausprobiert. Teilweise wurde das allerdings unübersichtlich und von den Studierenden nicht genutzt. So kam ich auf die Idee, die Inhalte der Veranstaltung interaktiv zusammenzutragen und zwar in Form eines Wikis“, kommentiert Christina Wolff die Frage, wie diese Idee entstand. Und sie weiß um die Vorteile dieser Form der Leistungserbringung. Neben dem Interesse am Neuen, dem Spaß und der Neugier, die Einträge zu lesen, nennt sie durch die selbstständige Arbeit auch das Überwinden der Unsicherheiten bezüglich des eigenen Wissens und Schreibstils der Studierenden. Zudem sei es wichtig, Bewusstsein für neue Lehr- und Lernstile zu schaffen. Obwohl Frau Wolff den Aufwand der Vorbereitung als zeitintensiv beschreibt, möchte sie diese Prüfungsform auch in Zukunft einbinden,  ausbauen und später vielleicht einem größeren Publikum zugänglich machen. Und sie weiß von Kollegen, die viele weitere alternative Ideen ausprobieren: „Meine Kollegin Katja Hericks nutzt sehr intensiv unterschiedliche Moodle-Tools, mein Kollege Alexander Knoth arbeitet mit Blogs, die ähnlich strukturiert sind wie die Wikieinträge. Frau Prof. Herbst beispielsweise arbeitet mit einer Smartphone-App. Das finde ich persönlich sehr spannend und könnte mir vorstellen, für eine größere Veranstaltung ebenfalls in diese Richtung zu gehen. Das bringt Spaß für Studierende und vermittelt Wissen auf eine ganz neue Art.“

Auch wenn sich diese alternativen Prüfungsformen oft noch in der Testphase befinden, bereiten sie den Weg für mehr interaktive, vielfältige und interessante Formen der Leistungserbringung.

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