Nur mal so ein Gedanke – Teil III: Kleinigkeiten

Da ist doch etwas im Dunkeln (Foto: B. Ole Müller)

Im dritten Teil der Kurzgeschichtenreihe erfahren wir etwas über Oskars Freunde. Wie immer verzerrt sein Sarkasmus das, was wirklich in ihm vorgeht, doch kann er wirklich alles verbergen? Sieht er selbst dann nur das Negative oder kann die Zeit mit seinen Freunden ihm vielleicht doch ein Lächeln abringen? Von B. Ole Müller.

Auftakt

Der Regen läuft über mein vom Straßenstaub eingetrübtes Fenster, kämpft sich angefeuert von dem immer grell wirkenden Licht der Laternen durch das Relief von fleischgewordener Verschmutzung, als mache er einen Unterschied. Dahinter ein Zimmer, das aussieht, als habe es immer ein Notizbuch dabei und eine Beziehung zu dem Wort Transzendent, die Ausgeburt eines Kunststudenten, mein baulich nicht ganz korrekter Würfel. Auf dem Tisch vor mir liegt die Silhouette einer hochprozentigen Kleinstadt am Meer, die sich in uns ergießen, uns verändern soll und an der wir so lange trinken, bis wir schwimmen oder sie so leer ist wie mir die echte Stadt hinter dem Fenster vorkommt. Ich glaube, ich habe gute Laune, jedenfalls sollte es so sein, ich bin ja Student, also muss das einer dieser Abende werden, der in die Karikatur Studienzeit passt.

Wir haben Zeit zu teilen

Das Vorglühen hat ja immer etwas Besonderes, das Douglassortiment liegt noch ganz ohne das Einmischen des Körpers über einem, die Haare haben noch eine vorgegebene Richtung und eigentlich hat man jetzt schon um sich, was man braucht, die Menschen, mit denen man auch wirklich Zeit verbringen will. Einer dieser Menschen liegt auf meinem Bett und arbeitet mit einer Tüte Chips daran, mir einen Grund zu geben, morgen einen frischen Bezug aufzuziehen – ich schaue ihn an und spreche den letzten Satz laut aus. Er grinst und schüttelt die Krümel von seinem Pullover ins Zimmer. Irgendjemand kocht in der Küche Glühwein ein und die Toilette, die nach dem Benutzen immer einen Schlag auf den Spülkasten braucht, um nicht selber inkontinent zu werden, verliert die Kubikmeter Wasser, die durch das offene Fenster ins Bad nachlaufen.

Wie gesagt, Menschen, mit denen ich Zeit verbringen will. Ich bin innerlich noch nicht fertig damit, mich über die Dinge aufzuregen, die mich davon ablenken, eine gute Zeit zu haben, da zwiebelt es auf meinem Oberschenkel. Ein Freund, der sich auch nicht scheut, Kippchen zu sagen oder zu jeder Tages- und Nachtzeit Moin mit Mahlzeit kontert, hat erst heftig über sein Knie gestrichen und dann ein gutes Stück zu stark auf meinen Oberschenkel gehauen, um mir zu sagen, dass wir doch Bilder machen müssen. Also Getränk greifen – sieht ja irgendwie nach mehr Leben aus, wenn man später das Bild betrachtend den Abend resümiert oder nach heute mal die Sau raus lassen was weiß ich – und ins Flutlicht stieren.

Erkenntnis

Meine Augen zwei Glaskugeln, die man zu oft durch den Sand gerollt hat, mein Blick wirrer, als das Widerstandsnest auf meinem Kopf… ich nicke, ja das bin wohl ich, besser wird’s nicht und gebe das Handy weiter. Danke für die Unterbrechung, danke fürs Zeigen, finde es immer spannend, alle auf einem Bildschirm zu sehen, die um mich herum sitzen, jetzt vielleicht noch paar Memes, das wär doch klasse, gerne auch ein Haustier, dass auf deinem Arm eingeschlafen ist. Ich trinke weiter und sage ihm das vielleicht später, wird bestimmt schlagfertig. Etwas abseits in der Ecke sitzt jemand, den ich genauso schätze, wie nicht verstehe. Er ist laut, sehr laut, das merkt er selber nicht und gestikuliert dabei etwas zu heftig.

Heute scheint für ihn ein guter Abend zu sein, in seiner häufig etwas überdrehten Art brettert er durch Themen, bei denen für jede_n Andere_n ein großer Prellbock stünde, er macht das nicht zufällig, scheint sie zu suchen, doch ist es wohl genau das, was andere an ihm mögen. Er nimmt den Dingen damit ihr Gewicht, bis heute weiß ich nicht, wie er das macht. Es ist immer schön, ihn so zu sehen, können seine Augen doch anderntags nicht verbergen, wie krampfhaft er versucht, die Freude seiner Freund_innen zu seiner eigenen zu machen. Münchhausenartig klammert er sich dann an jeden Lacher und reitet auf ihnen durch die Wellen der Euphorie, doch scheinen sie immer etwas von ihm losgelöstes räumlich klar Trennbares zu sein. Ich halte mein Getränk in seine Richtung und lache, er erwidert.

Flucht

Der Abend, das Vorglühen vergeht proportional zu den Getränken schneller und Zeit wird zunehmend zu dem abstrakten Begriff, der ihr zusteht. Am Fenster hängen nun immer mehr Leute und rauchen, als ob es einen Sinn hätte, leuchten mit den Lichtern, die bei vielen gefährlich nah am Filter sind, in die Tiefe der Nacht. Das alkoholgeschwängerte Sender-Empfänger-Modell hat nun an seinen Nachfolger übergeben, das Sender-Modell, die Leute – also streng genommen meine Freunde – führen nun sehr angeregte Monologe. Doch scheint eine ungeschriebene Regel zu besagen, alles ist erlaubt, solange man regelmäßig Feedback über die Anzahl der Getränke gibt, die man sich in den Körper geschraubt hat und Bonuspunkte bringt es, wenn man morgen früh als Erster aufstehen muss.

Irgendwann kommt der Punkt, ab dem alle in die Dunkelheit, irgendeinen Club fliehen wollen. Ich bleibe noch sitzen – nicht aus Melancholie oder um diesen Moment zu halten, sondern, weil ich für die Rückmeldung meines Kopfes zu den letzten Getränken eigentlich noch nicht bereit bin. Diese kurze Lagebesprechung zur Widerstandfähigkeit, die abendbestimmend ist.

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