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campusLEBEN — 04 Juli 2013
Bild: WoGi – Fotolia.com

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Das Thema Gendern ist aktueller denn je. Oft werden wir von Diskussionen gestreift und es begegnet uns täglich in unterschiedlichen Formen in Texten. Die oder der Einzelne fragt sich: Wieso gibt es verschiedene Formen? Was haben diese mit der aktuellen Gender-Debatte zu tun? Und warum soll ich als Einzelne_r gendern? Von Luisa Wirth.

Gendern ist in unserer Gesellschaft umstritten: Viele fragen sich, welcher Sinn dahinter steckt, empfinden es als störend und umständlich oder halten es gar für überflüssig. Manche verstehen nicht, warum es für so wichtig erachtet wird, die richtige Gender-Form in Texten konsequent anzuwenden. Was soll die Änderung bestimmter Formulierungen in Form von ein paar Satzzeichen bewirken? Wieso soll jede_r nicht „Studentinnen und Studenten“ schreiben? Was ist der entscheidende Unterschied zwischen „Student/innen“ und „Student_innen“? Und welchen Sinn ergibt es, dass nun jede wissenschaftliche Arbeit gegendert sein muss, wo diese vielleicht nie veröffentlicht wird?

Unsere Sprache ist meist nur männlich (bestes Beispiel: das kleine Wörtchen „man“… warum wird nicht ebenso „frau“ verwendet?), dadurch wird die männliche Form als normal und repräsentativ wahrgenommen. Dies reflektiert ein ungerechtes Denken und ist ein klares Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft die patriarchialisch geprägte Sprache internalisiert hat. Dies schlägt sich z.B. im „generischen Maskulin“ (maskulines Nomen bzw. Pronomen, welches sich auf mehrere Menschen nicht bekannten Geschlechts bezieht) nieder, welches jegliche Vielfalt ausschließt und so das weibliche Geschlecht und andere Geschlechter unsichtbar macht. Die Menschen eines Textes werden automatisch als Männer interpretiert, es entsteht ein entsprechendes Bild im Kopf, das im Gedächtnis bleibt und unser Denken prägt. Es wirkt ausgrenzend und verfestigt bestehende Denkmuster. Die Sprache spiegelt Denkmuster wieder, legt gesellschaftliche Bewertungen offen, reproduziert und bestätigt sie gleichzeitig. Das manifestierte alltägliche Ignorieren von Frauen und anderen Geschlechtern in der Sprache erscheint vielen normal; dieser Umstand zeigt, wie sehr die Sprache durch gesellschaftliche Muster geprägt ist.

Gleichwertiges Mitdenken aller Menschen

Sprache bildet nicht einfach unsere Welt ab, sondern formt sie entscheidend mit, argumentieren die Sprachwissenschaften. Sprache und Realität beeinflussen sich gewissermaßen gegenseitig. Auch in der Sozialpsychologie wird erforscht, wie sich Sexismus in der Sprache auf die soziale Wahrnehmung und das Verhalten auswirkt. Mit dem Gebrauch von Sprache bezieht jede_r immer automatisch Position und prägt die weitere Kommunikation und das Denken der Anderen. Je nachdem wie Menschen angesprochen, bezeichnet oder auch sprachlich ignoriert werden, beeinflusst dies nicht nur die betroffene Person, sondern auch ihr soziales Umfeld. Nicht alle Menschen können oder wollen sich in der bipolaren Geschlechteraufteilung unserer Gesellschaft wiederfinden. So leben allein in Deutschland je nach Schätzung bis zu 800.000 intersexuelle Menschen, die schon rein biologisch weder als „weiblich“ noch „männlich“ bezeichenbar sind. Nur eine geschlechtergerechte Sprache macht Frauen, Männer und andere Geschlechter in der Sprache sichtbar und erlaubt so ein gleichwertiges Mitdenken aller Menschen. Darum ist es wichtig, sich auf neue Formulierungen einzulassen, Alternativen zu suchen und den Umgang mit der eigenen Sprache bewusster zu gestalten – für uns als studentische Zeitschrift ist das ein besonderes Anliegen. Beginnt jede_r auf diese Weise einseitige Assoziationsmuster aufzubrechen und neu zu gestalten, kann Sprache als Schlüssel für eine Änderung im gesellschaftlichen Bewusstsein dienen bzw. das vorhandene Bewusstsein für die Thematik schärfen, welches althergebrachte Denkmuster kritisch hinterfragt.

Wie gendern?

Es geht darum, geschlechtergerecht zu formulieren: Der Mann darf sprachlich nicht in den Vordergrund gestellt werden, Frauen und andere Geschlechter müssen gleichberechtigt in der Sprache sichtbar gemacht werden. Auch darf die Sprache in keiner Weise sexistisch sein: Die Frau darf nicht als das „schwache Geschlecht“ dargestellt werden, der Mann nicht als das „starke Geschlecht“ und er darf nicht zur Norm werden. Tabu sind Sprachbilder, die Rollenstereotypen entsprechen sowie homophobe und heteronormative Formulierungen. Ältere Formen des Genderns sind z.B. die Paarform (Studentinnen und Studenten), das Binnen-I (StudentInnen) oder das Splitting (Student/innen). Es reicht jedoch nicht, nur Frau und Mann zu nennen, da durch die aufeinanderfolgende Nennung von zwei Geschlechtern immer eine Ungerechtigkeit entsteht (egal in welche Richtung) und weil die Vielfalt an Geschlechtern größer ist als die Dualität von Frauen und Männern (Intersexuelle, Transgender, Transsexuelle, Bi-Gendered, …). Daher sind weitere Differenzierungen nötig, um an traditionellen Geschlechterrollen im Denken zu rütteln und möglichst allen Menschen gerecht zu werden. Geschlechtsneutrale Formulierungen (die Studierenden, „für die Bewerbung muss ein Antrag ausgefüllt werden“ statt „die Bewerber müssen einen Antrag ausfüllen“) sind eine Möglichkeit, die Lesbarkeit von Texten zu verbessern, da sie aber nicht explizit auf die Geschlechter jenseits von Frau und Mann verweisen, sollten auch andere Formulierungen verwendet werden; auch wirken neutrale Formulierungen manchmal distanziert und stellen nicht die Vielfalt der Geschlechter heraus.

Mehr als Frau und Mann

Die aktuell gebräuchlichste Form des Genderns ist die Gender Gap: Zwischen der männlichen und der weiblichen Schreibweise wird ein Unterstrich eingefügt (Student_innen). Existierende Geschlechter, die bisher verdrängt wurden, sind sichtbar, sie haben gewissermaßen Platz in der Lücke. Ähnlich dazu ist der Gender Star: zwischen der männlichen und der weiblichen Schreibweise wird ein Stern eingefügt (Student*innen), der Stern steht, wie die Lücke bei der Gender Gap, für die Vielfalt der Geschlechter. Eine neue, kaum verbreitete Form ist das dynamische Gendern: der dynamische Unterstrich befindet sich nicht immer an der gleichen Stelle im Wort (Student_innen, Stu_dentinnen, Studentin_nen, usw.) und verhindert, dass der Unterstrich weiterhin die maskuline Form hervorhebt. So verdeutlicht er, dass es nicht einen festen Ort gibt, an dem ein Bruch in Zweigenderung stattfindet. Gender Gap und Gender Star reproduzieren den Befürwortern zufolge durch ihre Position innerhalb der Nomen die geschlechtliche Binarität, teilen Worte genau da auf, wo das generische Maskulin aufhört und der feminine Zusatz „-in“ beginnt, so wird die Zweigeschlechtlichkeit als stabile Größe verfestigt. Um die Vielfalt der Gender(grenzen) abzubilden, wird daher irgendwo zufällig im Wort gegendert und nicht an einer allgemein definierten Position. Diese Form ist umstritten, da man sich durch die zufällige Setzung des Strichs nie an eine Form gewöhnen kann und die Lesbarkeit erheblich erschwert wird.

Eine weitere, kaum verbreitete Form des Genderns ist die Ersetzung des Wortes „man“. „man“ stammt vom Nomen „Mann“ ab und wird daher auch als sexistisch betrachtet*. Eine Alternative ist „frau“, wobei dies wieder die Zweigeschlechtlichkeit untermauern würde, daher wird es in manchen Texten durch „mensch“ ersetzt. Eine Erweiterung dieser Maßnahme ist die Verwendung des Wortes „mensch“ auch in Formen wie „jemand“ oder „niemand“, die zu „jemensch“ oder „niemensch“ werden.

Ein Bruch der Gewohnheit

Oft wird kritisiert, dass die Genderformen ungewohnt und umständlich sind, doch genau dies zeigt die Notwendigkeit des Bruchs. Alles, was neu ist, wird zunächst als „unbequem“ empfunden, kann aber genau wie die jetzt vorherrschende maskulin geprägte Sprache zur Gewohnheit werden. Die neuen Sprachformen prägen sich ein, beeinflussen das Denken und schaffen eine Sensibilität für das Problem. Wenn konsequent gegendert wird, wird es normal, Nicht-Gendern wirkt störend; diese „Reform“ in der Sprache ist so die Behebung eines Missstandes, der sich über lange Zeit entwickelt hat.

Gendern ist jedoch nicht alles: Es ist ein Ansatz, um die Sprache gerecht für Menschen jeglicher Geschlechter zu gestalten, um ein Umdenken zu bewirken, Bewusstsein zu schaffen und zu sensibilisieren.

 

*Nachträgliche Korrektur: „man“ bezieht sich auf das mittelhochdeutsche „man“, was gleichbedeutend mit Mensch war – die Redaktion dankt dem Leserhinweis. 

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(6) Readers Comments

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  4. “ „man“ stammt vom Nomen „Mann“ ab …“

    Das ist Unfug oder könnt ihr das sinnvoll belegen? „man“ bezieht sich auf das mittelhochdeutsche „man“ was gleichbedeutend mit „Mensch“ war, leitet sich also nicht von „Mann“ ab („Mann“ hingegegen leitet sich ebenfalls von dem selben mittelhochdeutschen „man“ ab)

  5. Hallo lieber Leser,
    vielen Dank für den guten Hinweis und die Korrektur. Der Artikel ist leider schon vor der Zeit der jetzigen Redaktion entstanden und entzog sich daher unserer Kontrolle.

    Wir wünschen einen schönen Tag und weiterhin viel Spaß beim Lesen der speakUP

    Freundliche Grüße
    Die Redaktion

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