Trampen – Zweiter Teil des Reiseberichts

Unser Ziel: London. (Foto: Lea Hauprich)

Wir machten uns per Anhalter:in auf nach London. Bis nach Calais hatten wir es bereits geschafft. Wie ging es nun weiter? Erreichten wir unser Ziel und würden wir nochmal trampen? Es folgt die Fortsetzung des Reiseberichts. Von Lea Hauprich.

Wir standen also an der Grenze zum Vereinten Königreich und kamen nicht weiter. Mit Pfützen in den Schuhen irrten wir umher. Unter einem Fahrradständer mit Überdachung fanden wir Unterschlupf. Es war das erste Mal auf dieser kurzen Reise, dass ich einfach nur noch nach Hause wollte. Wie kamen wir hier bloß wieder weg? Die wenigsten Autos fuhren nämlich zum Eurotunnel, um dann wieder umzukehren. Ein Familienvater in einem kleinem Cabrio nahm uns dann doch zum Bahnhof mit. Dort zogen wir uns trockenere Kleidung an, denn auch der Rucksack samt Inhalt hatte den Regen nicht unbeschadet überstanden.

Da sich auch keine Couchsurfer:innen gemeldet hatten und wir einfach nur noch ins Warme und Trockene wollten, entschieden wir uns für ein Hotelzimmer. Natürlich gab es auch hier kleinere Schwierigkeiten, die wir jedoch schnell regeln konnten. Ich ging davon aus, dass wir mit dem Bus zum Hotel fahren würden. Aber Franzi hatte schon vor dem Bahnhof eine ältere Dame gefragt, ob sie uns mitnehmen könnte. Eigentlich wollte diese in eine ganz andere Richtung, entschloss sich aber aus Neugierde uns zum Hotel zu bringen. Stolz berichtete sie, dass sie noch ein paar Wörter Deutsch sprechen könne. Wir unterhielten uns, sie in ihrem gebrochenen Englisch und Deutsch und wir versuchten es mit unserem gebrochenen Französisch. Ihre ungemein freundliche Art heiterte meine doch bedrückte Stimmung erheblich auf. Im Hotelzimmer angekommen, hingen wir Schlafsäcke und Kleidung kreuz und quer in dem etwa 10qm großen Raum auf und erfreuten uns eines Bettes.

Doch wie kamen wir nun weiter? Die Fähre war eine Möglichkeit. Da Bustickets inklusive Fährfahrt deutlich preiswerter sind als nur „Fußgängertickets“ (kleiner Geheimtipp), buchte ich diese. Franzi suchte währenddessen erfolgreich nach Couchsurfing-Hosts. Jetzt konnte ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Am nächsten Morgen „borgten“ wir uns etwas Pappe aus den Containern des Hotels und machten uns auf den Weg zur Fähre. Dort irrten wir jedoch erneut auf einem riesigen Gelände ohne jegliche Beschilderung herum. Allein die folgenden Stunden könnten Seiten füllen. Daher fasse ich kurz zusammen: Die Organisation und Kommunikation des Geländepersonals und des Busunternehmens waren eine Katastrophe – Franzi und ich verloren uns sogar zwischenzeitlich. Irgendwann, nach drei Stunden Verspätung und verzweifelten Anrufen bei internationalen Bushotlines, waren wir dann endlich auf dem Wasser. Selbstverständlich gab es auch Grenzkontrollen. Aber natürlich gerieten wir in eine zusätzliche Kontrolle. Franzis Hula-Hoop-Reifen mussten ja auf mögliche Schmuggelware durchleuchtet werden.

Die weißen Klippen von Dover. (Foto: Lea Hauprich)

In Dover angekommen stellten wir fest, dass wir den Bus wirklich nur vom einen bis zum anderen Ufer gebucht hatten. Also mussten wir irgendwie von der Zollstation in die Stadt kommen. Wieder Fußmarsch, an die Straße stellen, Pappschild und Finger raushalten. Doch es war schon recht dunkel und das Schild nicht mehr gut lesbar. Auf jeden Fall mussten wir an diesem Abend für unsere Schlafmöglichkeit noch weiter nach Canterbury. Mel, unsere Gastgeberin, bot uns sogar an, uns in Dover abzuholen. Wir wollten jedoch keine Umstände bereiten, liefen nach Dover und fuhren von dort mit dem Bus nach Canterbury. Empfangen wurden wir mit Feuerwerk, denn es war der fünfte November („Remember, remember the fifth of november…“).

In Canterbury verbrachten wir die längste Zeit unserer Kurzreise. Mit Mel und ihrem Freund Luke freundeten wir uns an und blieben ungeplant insgesamt zwei Tage. Am zweiten Tag teilten wir uns ihre kleine Wohnung sogar zu sechst. Ein französisches Pärchen, das zuvor schon einmal bei Mel war, stattete ihnen auf ihrer Rückreise erneut einen Besuch ab. Gemeinsam spielten wir abends Karten und führten super interessante Gespräche. Dann hieß es Abschied nehmen. Mel ist eine wirklich begabte Künstlerin und studiert mittlerweile auch Kunst. Das war ein großer Traum von ihr, den sie sich tatsächlich nach unseren Gesprächen erfüllte. Sie malte uns ein Pappschild. Das erleichterte die letzte Etappe deutlich.

Zunächst nahm uns ein pensionierter iranischer Arzt mit, der uns von seinen spannenden Reisen als Helfer in Krisengebieten berichtete. Auch erzählte er uns von seinen beiden Töchtern. An einer Raststätte setzte er uns ab. Wir entschlossen uns ein kleines Päusschen zu machen wurden wir das erste Mal angesprochen, wo wir hinwollten und ob man uns mitnehmen könne: Ein Gefängnisgärtner mit einem E-Auto lud uns zum Mitfahren ein und wir nahmen dankend an. Auch er hatte viel Spannendes zu erzählen. Er selbst war bereits zweimal durch Neuseeland getrampt und hätte dort nur Positives erfahren. Das Reisen und Trampen habe er zur Zeit etwas eingestellt, da er einen zweijährigen Sohn hat. Aber auf lange Sicht gesehen, wolle er auch mit ihm bald weiter weg verreisen.  An einer Raststätte kurz vor London ließ er uns raus. Zum Glück musste sein Auto aufgeladen werden, denn Franzi bemerkte erst nach 30 Minuten, dass ihr Handy noch im Auto lag. Kurz vor London kamen wir zwar mit vielen Menschen ins Gespräch, aber niemand konnte uns mitnehmen. Wir befanden uns nämlich auf der falschen Seite der Autobahn…was auch sonst?

Ein junges Paar war so hilfsbereit, dass sie sich kurzer Hand dazu entschlossen, uns nach London zu fahren.  Sie berichteten über ihr Leben: Aufgewachsen seien die beiden in Afrika und als Liebespaar dann nach England gezogen. Hier seien sie sehr glücklich. Doch obwohl sie keine Stunde von London entfernt wohnten, meinten sie, bestimmt drei Jahre nicht mehr mit dem Auto in der Stadt gewesen zu sein. Wir verstanden schnell warum. In London sind die Straßen für SUVs viel zu eng und der Verkehr ist eine Katastrophe. Mitten in der Stadt ließen sie uns raus und wir tauschten Handynummern.

In London hatten wir spontan einen Host finden können. Er selbst war zwar in Italien, aber wir konnten den Schlüssel an einer Rezeption abholen. Gespannt fuhren wir zu der Wohnung, freundeten uns mit dem Hauswart an und bekamen dann einen kleinen Schreck. Die Wohnung war super gelegen, das Gebäude modern, aber die Wohnung sehr unangenehm (ich musste erstmal putzten). Abends skypten wir mit dem Host, bedankten uns zwar für die Unterkunft, sein Vertrauen und fütterten seine Fische, für den nächsten Tag buchte ich uns aber ein Hostel. Nachdem wir unser Ziel nach fünf Tagen erreicht hatten, genossen Franzi und ich noch die kurze gemeinsame Zeit in London. Dann reiste sie weiter nach Bristol und ich stieg in den Bus zurück nach Hause.

Fazit

Obwohl es nur eine wirklich kurze Reise war, fühlte es sich nicht wie eine Woche an. Es war aufregend, wenig planen zu können, sich ständig auf neue Situationen einlassen zu müssen und viele liebe und so unterschiedliche Menschen kennenlernen zu dürfen. Einen kleinen Einblick in ihre Leben und ihre eigenen Reisegeschichten gewinnen zu können.  Es wird definitiv nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir zusammen getrampt sind. In unserem Umfeld traf und trifft das nicht immer auf Zustimmung. Viele sag(t)en uns, dass Trampen gefährlich sei. Das will ich auch nicht unbedingt verneinen. Wir haben fremden Menschen vertraut und dabei keine unangenehmen Situationen erlebt, im Gegenteil. Ich würde aber auch nicht sagen, dass wir einfach nur Glück hatten. Nein, „wir hatten wahrscheinlich einfach kein Unglück“ (Gwendolin Weissner in „Weit – Einmal um die Welt“).

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