Tote Zeit in der S-Bahn: Die Reanimation

Foto: privat
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Für diejenigen Studierenden der UP, die aus Berlin nach Potsdam pendeln, ist die „verlorene“ Zeit in Bus, S-Bahn oder Regionalzug zumeist ein leidiges Thema. Hier kommen die passenden Ideen zur Nutzung der Pendelzeit für diejenigen, die gern in Berlin bleiben. Von Mariana Jentsch.

Wintersemester 2010/2011 – gerade frisch an der Uni Potsdam angekommen, war meine Motivation für das Studium sehr hoch und die Sorge um die lange Pendelzeit sehr gering – in Bus und Bahn lässt es sich ja bekanntlich gut lesen, lernen oder ins Leere starren. Schon bald wurde es jedoch so kalt, dass ich auch beim Warten auf den Zug kaum mehr ein Buch in der Hand halten konnte. Zwar fand ich es nicht besonders schlimm, stattdessen gemütlich Musik zu hören, doch sank leider die Lautstärke meines MP3-Players proportional zum Anstieg der Durchsagenanzahl auf dem Bahnsteig über die Probleme bei der S-Bahn und den Regionalzügen. Man will ja auch noch mitbekommen, wann und ob überhaupt die Öffentlichen einen noch nach Potsdam befördern können. Unter solchen Bedingungen blieb einem oftmals nur das Ins-Leere-Starren und das wiederum lässt einem das Pendeln wie Zeitverschwendung erscheinen. Wenn man es noch dazu an Tagen mit nur einem Seminar für glatte 30 Minuten in die Uni schafft und dann demotiviert und durchgefroren wieder nach Hause fährt, wird der Besuch in der Uni allemal ein lehrreicher Aufenthalt.

Pro Pendelzeit

Trotz dem Frust über solche Umstände blieb ich in Berlin. Warum? Weil ich, zusammen mit anderen meiner Art, nach jedem Unitag in Potsdam mit dem Zug in die Hauptstadt einfuhr und beim Anblick der ersten Westberliner Häuser die Arme hochriss und „Halleluja Berlin!“ rief. Rainald Grebe weiß dieses stolze Gefühl zu beschreiben.

Die Frage blieb nur: Wie kann man die Fahrzeit nutzen, ohne dauerhaft schlecht gelaunt zu sein? Einen absoluten Pluspunkt bekommt die Pendelzeit eben dadurch, dass man mit Kommiliton_innen gemeinsam fahren kann, was einem die Möglichkeit zum Gespräch bietet. Tatsächlich, finde ich, ist dies die beste Gelegenheit zum „Sozialisieren“, denn im Zug hat man kaum die Möglichkeit zu fliehen und wird anfangs zu kurzem Smalltalk angehalten, später ist man dann sogar dankbar für die zusätzliche Zeit, die man mit neuen Freunden verbringen kann.

Für die einsamen Fahrten oder unsozialeren Tage, wie man sie eben manchmal so hat, bieten sich sämtliche kleinere Freizeitaktivitäten an. Dazu gehören natürlich das Lesen privater Lektüre, Musikhören und das Gedanken-schweifen-lassen – einfache Dinge, die man „aus Spaß an der Freude“ tun kann, wodurch man sie zu Hause ggf. gar nicht oder mit leichtem schlechten Gewissen macht. Ich zum Beispiel habe vor einigen Jahren ein Zeitungs-Abonnement abgeschlossen, nehme mir zu Hause allerdings fast nie die Zeit, die ganze Zeitung durchzugehen, da ich mir immer denke, ich müsste etwas „Produktiveres“ tun oder zumindest etwas für die Uni Relevantes lesen. Mittlerweile packe ich die Zeitung jeden Morgen in meinen Rucksack und nutze einfach die unmotivierte Zeit in der Bahn, um sie zu lesen. Wenn mir die Zeitung nichts spannendes Aktuelles mehr zu bieten hat, dann richte ich meine Augen auch mal nach oben und lasse sie umherschweifen. „People Watching“ – super aktuell und eine gute Methode, um Menschen zu beobachten und etwas über sie zu lernen, z.B. wie viele von ihnen selbst gar nichts von ihrer Umwelt mitbekommen, weil ihre kleinen medialen Hilfsgeräte ihre gesamte Aufmerksamkeit benötigen.

Inspiration leistet das „People Watching“ auch in Bezug auf Zug-Beschäftigungen: Immer mehr junge Leute habe ich im letzten Winter gesehen, die das vermeintlich langweilige Stricken für sich (wieder-)entdeckt haben. Wenn man sonst nichts zu tun hat, dann werden solche beiläufigen Beschäftigungen durchaus reizvoll. Das trifft ebenso auf andere monotone Beschäftigungen zu, wie z.B. dem Lernen von Lateinvokabeln, dem Erstellen einer Einkaufsliste usw.

Wenn es, vor allem im Wintersemester, durch verspätete, überfüllte Züge und die eigene Müdigkeit schwer werden kann, sich aufs Lesen oder Lernen zu konzentrieren, dann können einem Podcasts die Fahrt versüßen. Hier gibt es die Möglichkeit, sich Bücher vorlesen zu lassen, die verpasste Radiosendung vom Vortag anzuhören oder Vokabeln durch Hören zu lernen. Zumindest kann man dabei das Problem der zentnerschweren Augenlider umgehen, die einem morgens 7 Uhr in aller Müdigkeit beim Querlesen eines Seminartextes schon mal einen Strich durch die Rechnung machen können.

Planung ist gefragt

Die Abgeschlagenheit beim Pendeln ist natürlich eines der Dinge, die man am schmerzlichsten zu spüren bekommt, wenn einem täglich drei Stunden kostbarer Schlafens- und Freizeit gestohlen werden. Dies ist auch ein Grund, warum es ratsam ist, als Pendler den eigenen Stundenplan so kompakt wie möglich zu gestalten und im günstigsten Falle nicht nur den obligatorischen Freitag, sondern womöglich auch einen weiteren Tag freizuhalten. So gut man auch die Zeit, die man im Zug verbringt, nutzen kann – eine ungeschickte Kursplanung lässt einen nicht nur mit Einschränkungen in der Freizeitgestaltung zurück: Auch die eingeschränkte Organisation eines Nebenjobs sowie ungefüllte Freiblöcke können frustrierend sein (Lisa Büntemeyer hat sich im Juli 2012 für die speakUP mit dem Problem der „Zwischenzeit“-Gestaltung in der Uni beschäftigt).

Viele der Probleme beim Pendeln verschwinden zum Glück, sobald der Frühling mal endlich bereit ist, sein wahres Gesicht zu zeigen. Dann ist es morgens wieder hell und auch die Wartezeit auf den Bahnhöfen und zwischen den Seminaren lässt sich ohne Erfrierungen voll auskosten. Dann lohnt sich eine Fahrt nach Potsdam auch, wenn es nur um die Sprechstunde eines Dozenten, ein Arbeitstreffen mit Kommiliton_innen oder einen Bibliotheksbesuch geht.

3 Replies to “Tote Zeit in der S-Bahn: Die Reanimation

  1. Ok also in Sachen Podcasts kann ich euch natürlich die zahllosen guten Musik- und Themensendungen vom Campusradio ( http://www.funkUP.me ) empfehlen. Alles auch zum runterladen für den mp3 Player.

    Und sonst? Ich finde Pendelzeiten von drei Stunden pro Tag eher anstrengend. Eine Stunde reicht mir völlig und ist sogar ganz angenehm zum abschalten.

    Allerdings möchte ich hier mal einen wunderbaren Tipp loswerden: Lernen und arbeiten im Zug quer durch ganz Brandenburg. Semesterticket machts möglich! Der beste Arbeitsplatz den es gibt. Schaut man aus dem Fenster sieht man immer andere Landschaften. Es gibt kaum Internet und vor allem kein Youtube & co… Konzentration pur : )

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