Die letzte Videothek Brandenburgs

Die leeren DVD-Hüllen mit Ausleihkarte – typisch Videothek. Foto: Victoria Lisek.

Wie die letzte Videothek Brandenburgs überleben konnte, warum Menschen trotz Netflix und Co. in Videotheken gehen und ob Videotheken nicht die besseren Streaming-Dienste sind. Von Victoria Lisek.

Fein säuberlich reihen sich die DVD-Cover in den Regalen, als ich den Laden betrete, der laut DHL-Zettel mein Paket hütet. Als Kind durfte ich mir oft am Freitag in der Videothek einen Film für das Wochenende aussuchen. Eine schwierige Entscheidung. „Mein Freund Knerten“ oder „Die Vorstadtkrokodile“ – Langeweile oder Abenteuer, was würde mich erwarten? Keine Spur von Hinweisen wie „Dieser Film passt zu 93% zu den Filmen, die du ohnehin magst“ oder „Andere Zuschauer:innen bewerteten den Film mit 4 Sternen“.

Diese Videothek hier ist aber keine nostalgische Kindheitserinnerung. Sie existiert tatsächlich: Die DHL-Station am Weidendamm in Potsdam ist zur Hälfte auch eine Videothek. Die letzte Videothek Brandenburgs.

DVDs in Zeiten des Streamings

In den 1980er-Jahren standen noch an jeder Ecke Videotheken. Mit ihrem Video-on-Demand-Angebot ohne Leihfristen wurden Streaming-Dienste jedoch die besseren Videotheken. Gab es zu Hochzeiten fast 50.000 Geschäfte, so schrumpfte der Bestand in Deutschland um knapp 99% mit etwa 50 Videotheken.

Wie konnte dieses gallische Dorf aus DVDs und Blu-rays scheinbar widrig dem Imperium der Streaming-Dienste trotzen? Fragt man den Inhaber Andrea Klisch, so liegt das daran, dass sie rechtzeitig den Trend zu den Streaming-Angeboten erkannt und daher frühzeitig ihr Geschäftskonzept angepasst haben. „Wir haben mit einem kleinen Post-Partner-Shop angefangen und sind jetzt die wohl zweitgrößte Postfiliale der Stadt“, erklärt Klisch. Hinzugekommen seien der Verkauf von Schreibartikeln, Getränken wie lokalen Whiskysorten und Dienstleistungen wie Drucken, Scannen, Kopieren oder der Soda-Stream-Tausch. Kurz: Videothek allein reichte nicht mehr aus, das Angebot musste erweitert werden.

Videotheken – Die besseren Streaming-Dienste

Das Geschäft hat überlebt. Aber wieso gibt es noch den Videothek-Bereich? Wer macht sich auf den Weg zur Videothek, statt mit einem Klick die nächste Folge zu schauen?

Mögen sie manchmal auch makellos erscheinen, so haben auch die Streaming-Dienste ihre Marotten. Das Angebot wechselt häufig und ehe man sich versieht, wurde die Lieblings-Comfort-Serie wieder von der Plattform genommen. Oft verleihen Streaming-Dienste Filme und Serien exklusiv nur bei sich. Will ich ein Tarantino-Marathon machen mit den Filmen Inglourious Basterds, Django Unchained und Pulp Fiction, so müsste ich für monatlich 18 Euro drei Abos abschließen. Seit der Pandemie haben zudem zahlreiche Streaming-Dienste die Preise für ein Abonnement angehoben, das Teilen von Accounts wird immer schwerer und Werbung wurde teilweise eingeführt.

Das hat Folgen, denn der Gegentrend scheint im Anmarsch zu sein. Seit 2018 leihen Menschen wieder mehr aus [1,2,3]. Die Videothek in Potsdam bekomme Blockbuster fast zeitgleich mit Streaminganbietern in das Programm und pro Geschäftstag kostet jeder Film in der Ausleihe der Videothek 1,70 Euro, so Klisch. Auf Instagram postet die Videothek Filme aus dem aktuellen Sortiment. Der Großteil besteht aus Filmen, die in diesem Jahr im Kino liefen, wie „Wonka“, „Poor Things“ oder „Die Tribute von Panem. The Ballad of Songbirds & Snakes“. Die Neuheiten seien besonders bei den Stammkunden beliebt, beobachtet Klisch. Außerdem sei das Geschäft jeden Tag im Jahr offen. In der Hinsicht ist diese Videothek vielleicht der bessere Streaming Dienst.

Mit der ständigen Verfügbarkeit, den Empfehlungen und der bequemen Auswahl von der Couch hat das Streaming außerdem eines nicht: das Abenteuer. Wie oft erwische ich mich dabei, während des Filmabends auf das Handy zu schauen oder wie ich bei dem Versuch, den perfekten Film zu finden, vor der schieren Vielfalt kapituliere und einen Film zum x-ten Mal schaue. „Viele Kunden genießen es, vor den Regalen zu stehen und die Cover der Filme in die Hand zu nehmen, die Texte zu lesen und so zu entscheiden“, das sei es, was Kund:innen zur Videothek bewegt, so der Inhaber. Und dabei entdeckt man vielleicht einen Film, auf den man sonst nicht gestoßen wäre.

Vielleicht muss ein neuer Trend den alten nicht vollständig ersetzen. Vielleicht können sowohl Streaming-Dienste als auch Videotheken nebeneinander existieren.

 

Quellen

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76399/umfrage/anzahl-der-vermietvorgaenge-im-dvd-verleih-seit-2006/

[2] https://www.abendblatt.de/hamburg/kultur/article242265768/Warum-die-Generation-Netflix-die-Videothek-wiederentdeckt.html

[3] https://www.br.de/nachrichten/bayern/dvd-vs-streaming-eine-der-letzten-videotheken-bayerns,U52IHHG

 

 

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