Was denkst Du über religiöse Menschen?

Orthodoxe Juden beten an der Klagemauer in Jerusalem (Foto: pixabay)

Haben wir nicht alle Vorurteile? Denken wir nicht alle in plakativen Bildern von Menschen, die wir gar nicht richtig kennen? Und wo fängt Anderssein bei religiösen Menschen eigentlich an? Das waren Fragen, die mich während und nach dem Seminar „Anti-Rassismus in der Praxis – ein Reflexionsprojekt“ beschäftigt haben. Also habe ich mit zwei Kommilitoninnen (Aydan, und Alicia, beide studieren BWL) eine Befragung mit Studierenden am Campus Am Neuen Palais durchgeführt. In diesem Artikel möchte ich eine kleine Zusammenfassung der Ergebnisse, meine persönlichen Erkenntnisse und einen möglichen Ausblick auf das Thema geben. Von Jana Voldman.

Manchmal braucht es einen Safe Space

Im Oktober 2019 begann das Seminar über Rassismus, was ich als Blockseminar für Studiumplus belegt habe. Ich hatte von Anfang an Lust auf solch ein Projekt, weil ich wichtige Themen im Studium gerne auch einmal in die Praxis umsetzen wollte, anstatt immer nur zu reden, und zwar immer mit den gleichen Leuten. Gleich zu Beginn haben wir Regeln im Seminar aufgestellt, wie wir miteinander umgehen und vor allem auch sprechen wollen. Es gab einen sicheren Raum, aber es herrschte auch Angst, etwas Falsches zu sagen und sich damit als rassistisch zu outen.

Eine der Aufgaben war, ein Rassismus-Tagebuch zu führen, in dem wir Situationen mit rassistischen Inhalten beschreiben und unsere Gefühle und den Umgang damit festhalten sollen. Relativ schnell habe ich mich da (trotz doppelter Minderheit als Migrantin und Jüdin) mit eigenen Vorurteilen gegenüber so vielem und vielen ertappt und mich konsequenterweise schuldig gefühlt. So hörte ich relativ schnell auf, andere für ihre Schwachstellen zu verurteilen.

Ich war neugierig, mich selbst mehr zu beobachten, um aus der Illusion herauszukommen, es seien immer nur die Anderen rassistisch, antisemitisch, aber auch feindlich gegenüber anderen Minderheiten oder vermeintlich schwächeren Gruppen.

Und so hatte ich plötzlich viel mehr Lust, auch mit anderen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, anstatt sie wegen ihrer Vorurteile auszuschließen und für „nicht mit meinen Werten kompatibel“ abzustempeln. Was ich dafür zuerst tun musste, war nicht, meine eigenen Vorurteile zu rechtfertigen oder verstehen zu wollen, sondern mir zu vergeben. Nur so konnte ich auch den Anderen vergeben und ein gemeinsames friedliches Diskutieren zulassen. Ich wollte auch anderen Menschen den Raum geben, sich zu reflektieren.

Mein persönlicher Hintergrund

Da ich Jüdische Studien studiere, wollte ich mich dann beim Projekt speziell auf das Thema Religion beziehen. So haben Aydan, Alicia und ich zunächst entschieden, die Befragung über die Kontakthypothese durchzuführen. Das hieß, ab einem Punkt in der Befragung würden wir uns als jüdisch/ muslimisch/ christlich geprägt outen und die Studierenden auffordern, uns jeweils zu dieser Religion und unseren Erfahrungen Fragen zu stellen. Ziel davon wäre gewesen, eine Möglichkeit zu schaffen, offen und direkt über diese Themen zu sprechen und uns Drei als „Expertinnen“ in diesem Gebiet anzusehen. Zwar ist niemand von uns stark religiös, aber genau das wollten wir transportieren, nämlich dass Religionen sehr individuell ausgelebt werden können. Unsere Seminarleiter_innen waren gespaltener Meinung, rieten uns dann aber doch aus Sicherheitsgründen davon ab.

Ich für meinen Teil bekam dann auch Angst: Was ist, wenn auch Leute wissen, dass ich jüdisch bin, die vielleicht antisemitisch sind? Bin ich dann noch sicher?

Ohne Fragen kein Hinterfragen

Wir haben uns dann dagegen entschieden und stattdessen folgende Fragen gestellt, ohne unsere persönlichen Erfahrungen zu thematisieren:

Die Antworten wurden schriftlich gesammelt (Foto: pixabay)

1. Was denkst Du über Menschen des a) Judentums, b) Islams, c) Christentums?

2. War Dir das bewusst?

3. Wie viele Menschen kennst Du von diesen drei Religionen?

4. Woher hast Du (dann) dieses Wissen?

5. Beobachtungen notieren (unsere Wahrnehmung der Befragten)

Insgesamt haben wir 20 Studierende (zufällig 11 männlich, 9 weiblich) anonym befragt und die Antworten selbst mitgeschrieben. Die kommenden Ergebnisse stellen nur unsere Wahrnehmung auf die gehörten Antworten dar und sind nicht unbedingt wissenschaftlich zu belegen. Die Dauer und Intensität der Befragung variierten stark. Wir haben zum Teil zwei Menschen auf einmal befragt. Und wir fragten immer in unterschiedliche Richtungen nach, je nachdem, was die Studierenden uns erzählten. Man lese also bitte mit Distanz. Ziel war, Vorurteile aus den Leuten herauszukitzeln, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie welche haben, um sie überhaupt reflektieren und verändern zu können. Doch das war wohl gar nicht so einfach…

Die Antworten der Studierenden

Über jüdische Menschen wurde kein einziges Vorurteil genannt. Vereinzelt haben Studierende damit bestimmte jüdische Feste oder die Kipa als Kopfbedeckung der Männer assoziiert. Die meisten hatten keine Berührungspunkte zu Menschen dieser Religion und kannten niemanden. Wir hatten den Eindruck, dass Antisemitismus (vielleicht besonders in Deutschland) immer noch ein Tabuthema ist, womit sich wenige auseinandersetzen. Schließlich wurden kaum Gedanken darüber mit uns geteilt. Entweder hatten die Befragten keine eindeutige Meinung zu dem Thema oder sie wollten nicht darüber sprechen.

So oder so wirkte es auf uns, als ob der Holocaust noch einen Schatten auf das Thema wirft. Dann ist keine Auseinandersetzung aber auch eine Form des Umgangs mit vielleicht verdrängten Gefühlen, behaupte ich als Hobby-Psychologin. Eine befragte Person war der Meinung, Aufklärungsarbeit und Prävention sei wichtig, um den doch noch vorhandenen Antisemitismus zu bekämpfen.

Über muslimische Menschen sah es dann etwas anders aus. Die meisten hatten Freund_innen oder Bekannte, die muslimisch waren. Trotzdem hatten die wenigsten tatsächlich konkretes Wissen über das Ausleben der Religion. Viele sagten, das Thema sei ihnen zu privat. So war es für sie übergriffig, danach zu fragen. Dies passte mit einigen Aussagen zusammen, bei denen die Befragten eben auf keine oder vereinzelte, eher weniger nahe Menschen Bezug nahmen, um ihre Vorstellungen über muslimische Menschen zu begründen.

Teilweise hatten die Studierenden Erfahrungen mit geflüchteten muslimischen Kindern, die sie unterstützten, aber eben doch in einem Kontext von Traumatisierung durch Flucht. So entstand eher das Bild von Hilfsbedürftigkeit und Problemen. Ein paar sprachen von Kontakten auf Reisen, in denen eher über die Religion (im anderen Land) gesprochen wurde, aber nicht unbedingt ein Erleben der Religion selbst von den Studierenden. Die meisten konnten aber nur wenige bis keine realen Beispiele für ihre Beschreibungen geben. Der Kontakt auf Freundschafts- oder Bekanntenebene wurde wenig thematisiert. Gemeinsame religiöse Erfahrungen wurden nicht beschrieben.

Viele der Bilder waren eher negativ und meistens sehr extrem. Man sprach zum Teil in Klischees, die offensichtlich von der Medienwelt gestaltet und provoziert wurden. Es schien, als sei es weniger ein Tabu, jene (negativen) Bilder zu verbalisieren, als bei den Vorteilen gegenüber den anderen beiden Religionen.

Christliche Menschen in einer Kirche beim Gottesdienst (Foto: pixabay)

Wirklich religiös christliche Menschen kannten ebenfalls nur wenige. Das Christentum wurde häufig positiv assoziiert mit Worten wie „Glaube“ und „Gott“. Hier schien es als einziges eher ein spirituelles Thema zu sein, anstatt etwas, das durch ein Verhalten oder ein Aussehen gekennzeichnet ist. Einige sagten, sie seien christlich, aber nicht gläubig, wollten aber trotzdem nicht aus der Kirche austreten.

Der Weg ist das Ziel

Insgesamt kann ich für mich sagen, dass mir weniger die Auswahl dieser bestimmten Fragen geholfen hat, als die Unterhaltungen selbst. Wir haben nämlich ganz natürlich bei jeder befragten Person versucht, ein Gespräch aufzubauen, das eben nicht dabei enden sollte, sich bloßzustellen und eigene Vorurteile zu benennen. Nein, wir wollten eine Reflexion! Wir wollten dieselbe Reflexion anregen, zu der wir im Seminar schon motiviert wurden. Wir wollten von den persönlichen, ehrlichen Wahrnehmungen erfahren. Wir wollten einfach mit den Leuten sprechen und waren begeistert, wie viele von ihnen wir mit einem persönlichen Fragezeichen verlassen haben. Denn erst, wenn man sich selbst hinterfragt, kann man das eigene Denken und Handeln auch verändern, meine ich.

Zwei muslimische Frauen in New York (Foto: pixabay)

Außerdem haben wir gemerkt, wie überrascht die meisten über das Thema waren. Es wirkte so, als ob die meisten Studierenden sich doch sehr in ihrer eigenen Blase und Peer-Group und den eigenen Problemen befanden, wo es keinen Raum gab für andere, vielleicht neue Themen. Einige verwendeten sogar selbst das Wort „Blase“.

Vielleicht ist eine Blase nicht nur etwas, dass uns vor äußeren Einflüssen schützt, sondern auch etwas, dass uns vor der Konfrontation mit unseren eigenen Fehlern und Schwächen bewahrt?! Denn wie kann man Empathie gegenüber anderen Menschen empfinden und sie verstehen lernen, wenn man nur über sie spricht, statt mit ihnen in den Dialog zu gehen? Und wie kann man wiederum Religion verstehen, wenn man sich nur darüber unterhält, aber sie nie miterlebt?

Neben den Ergebnissen fand ich schon die Vorbereitung auf die Befragung und unsere dabei entstandenen Diskussionen in der Kleingruppe so bereichernd für die Reflexion und dadurch sehr ehrlich, auch was unsere eigenen Befürchtungen und Vorurteile angeht. Wir waren von unseren Erfahrungen und Hintergründen sehr unterschiedlich und hatten dementsprechend verschiedene Zugänge zum Thema Religion, aber auch gegenüber Menschen, denen wir eine andere Kultur als unsere eigene zugeschrieben hatten.

Vielleicht ein kleiner Ausblick

Was ich aus dem Seminar mitgenommen habe, ist, dass es bei Rassismus nicht darum geht, wie wir etwas gemeint haben, sondern ob sich jemand davon verletzt fühlt! Wir mussten akzeptieren, dass wir auch zu denen gehören, auf die wir normalerweise mit dem Finger zeigen. Und das war irgendwie schmerzhaft, aber auch schön. Denn auf einmal gab es keine Grenze mehr zu „den Rassist_innen“ oder den „schlechten Menschen“ unter uns. Wir waren alle gleich, weil wir alle Fehler machen. Die einen reflektieren sie früher, die anderen später. Aber am Reflektieren und Ehrlichsein mit sich selbst führt kein Weg vorbei.

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