6 Semester – was bleibt?

Lesesaal Bibliothek GolmFür tausende Studierende beginnt in diesen Tagen mit dem ersten Semester an der Uni Potsdam ein neuer Lebensabschnitt – und für wieder andere tausende Studis ist dieser am 30. September zu Ende gegangen. In drei Jahren entwickelt man Erwartungshaltungen und Hoffnungen, zugleich verwirft man naive Vorstellungen und Träume. Meistens kommt dann am Ende doch alles ganz anders. Denis Newiak blickt zurück auf sechs Semester – ohne übertriebene Euphorie, aber auch frei von Pessimismus.

Oktober 2009. Am Tag der Einführungsveranstaltung setze ich mich in dem bereits knackig gefüllten Seminarraum auf den einzigen verbliebenen Platz neben eine freundlich daher blickende junge Dame, die ich nun meine „Kommilitonin“ nennen darf. Irgendwie habe ich in dem Moment geglaubt, dass mich mit meinem „Erstkontakt“ eine drei Jahre andauernde Freundschaft verbinden würde. Wer weiß.
Die Kolonnade am Neuen Palais ist eingemummt – und die „alten Hasen“ machen einem keine großen Hoffnungen, dass die Sanierungsarbeiten jemals abgeschlossen würden, auf jeden Fall nicht in den nächsten drei Jahren. Während das Audimax von erbosten Studis besetzt ist, sitzen in Mäntel eingepackte Leute in einem beheizten Großzelt auf dem Sportplatz. So sieht also mein Campus im Ausnahmezustand aus.

In meiner ersten Übung wird eine Anwesenheitsliste nach der anderen weggemampft – die weltweiten Studierendenproteste (die sich unter anderem gegen die Anwesenheitspflicht richten) sind hungrig. Seit dem Verschwinden der Listen scheinen weniger übermüdete Studierende in den Veranstaltungen zu sitzen. Logisch: Zu Hause kann man sich ja auch besser einkuscheln.

November 2009. Ich glaube, hier bleibe ich. Unser Prof erklärt uns, warum wir immer eine Kopie unserer Leistungsscheine im Sekretariat des Studienganges aufbewahren sollen: „Wenn Ihre Wohnung abbrennt, haben Sie wenigstens noch die Duplikate in der Uni. Und wenn die Universität in Flammen aufgeht, haben Sie noch die Originale. Und wenn Uni und Ihr Zuhause abfackeln“ – demütig und mit zitternder Unterlippe – „ja, … dann brauchen Sie eigentlich auch nicht weiterstudieren“. Er hat Recht. Die Uni ist jetzt wie ein zweites Zuhause.

Juli 2010. Schulzeit und Studium sollen angeblich die schönste Zeit im Leben sein. Das haben uns die Eltern zumindest immer einreden wollen. Doch inzwischen deuten alle Zeichen darauf hin, dass sie Recht behalten dürften: Wann wird man im Laufe seines Lebens wohl wieder ein selbstgestaltetes Filmfestival ausrichten, über den „Mythos des Westerns“ anhand von Beispielen diskutieren, bei einem Mittag für 1,20 Euro mit seinen Kommiliton_innen über die Gegenwart und Zukunft der Medien debattieren können und dabei noch ganz nebenbei verstehen, was menschliche Kultur eigentlich ist? Wenn man manchen Leuten (die zum Beispiel in den USA oder in Großbritannien leben) erzählt, dass man das alles nicht nur kostenlos bekommt, sondern fürs Schlauerwerden auch noch monetäre und ideelle Förderung kriegt, wird man sich erst bewusst, wie wertvoll das ist. Bei allen Verrücktheiten des Bologna-Prozesses, zwischen Credit-Points-Bulimie und Verwaltungsirrsinn, vergisst man das manchmal zu leicht.

Mai 2011. Gerade mal im vierten Semester und der Bachelor soll schon fast zu Ende sein? Was ist denn das für ein Anfänger-Studium? Gerade noch habe ich das erste Mal Geld auf meine PUCK eingezahlt, und jetzt muss ich mir schon erste Gedanken zur Abschlussarbeit machen? Und es ist ja auch schon an der Zeit, sich etwas für das „Danach“ zu überlegen!
Unbestritten: Im modularisierten Europa rennen einem die Semester davon, als gäbe es kostenlose Mate-Brause für alle. Wenn man noch ein halbes Jahr ins Ausland gehen will – was wohl nicht die dümmste Entscheidung ist, wenn einem Auslands-Bafög und Erasmus-Pauschale im jeweiligen Land zum Überleben reichen – bleibt nicht viel Zeit, um in die Tiefe zu gehen, seine Spezialitäten zu finden. Vielleicht ist das ja auch gar nicht gewollt, schließlich wartet ja der sogenannte „Arbeitsmarkt“ auf praxiswütige Absolvent_innen. Komisch, dass die Unternehmen immer weniger Steuern zahlen müssen, während sie zu stagnierenden Löhnen immer qualifiziertere Fachkräfte bekommen, deren Ausbildung für die Wirtschaft gratis ist. Welche Irren denken sich so etwas nur aus?

April 2012. Jetzt ging plötzlich alles so schnell! Fünf Monate voller Hot-Dogs, Dänisch-Stunden und Lars-von-Trier-Filme in Kopenhagen waren zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatten. Umso schöner sind die Erinnerungen. Und jetzt sitze ich hier und soll meine Bachelorarbeit anmelden. Von den Leuten, die hier auf dem Flur kichern und nervös ihre hoffentlich vollständigen Leistungsscheine durchblättern, kenne ich viele gar nicht, die meisten habe ich Ewigkeiten nicht gesehen. Manche sehen inzwischen ganz anders aus, als am ersten Tag im Oktober 2009. Wahrscheinlich sollte ich mal wieder in den Spiegel schauen, um zu sehen, wie ich mich selbst in den drei Jahren verändert habe.

Juli 2012. Die letzten Seiten. Ich habe noch nie so viel in so kurzer Zeit gelesen und geschrieben wie in den letzten Monaten. Und es hat Spaß gemacht, sich wirklich auf eine Sache voll und ganz einzulassen, das Gefühl für die Komplexität eines Themas, für die Komplexität der Kultur zu entwickeln. Das unbarmherzige Gefühl der chronischen Halbwissenheit ist dieses Mal nicht so stark ausgeprägt wie bei den Hausarbeiten, für welche einem der Bologna-Prozess jeweils nur 120 Zeitstunden eingeräumt hat. Und doch hat diese gute Erfahrung ihre Schattenseiten: 1. Man kann sie mit fast niemandem teilen, wenn man beim Betriebsschluss der Bibliothek der Letzte ist und in der Mensa nur Unbekannte umhergeistern. 2. Eigentlich wurde einem doch versprochen, dass das ganze Studium so reich an Erkenntnissen sein würde. Darauf hätte ich gefasst sein sollen.

September 2012. Nach meiner Disputation (der mündlichen Verteidigung meiner Abschlussarbeit) hätte ich Bäume ausreißen können, so gut hat sie getan. Ich habe nicht nur meine beiden Prüfer überzeugt, sondern auch mich selbst. Nun freue ich mich, meine Bücher abgeben zu dürfen, einen Schlussstrich zu ziehen. Vor Erleichterung könnte ich alle Bibliothekar_innen umarmen – ein Glück für sie, dass ich stets den Schüchternen gebe.
Mit meinem „Erstkontakt“ aus der Einführungsveranstaltung habe ich ein Jahr lang nicht mehr gesprochen. Dafür aber umso mehr mit denen, die ich im Laufe des Studiums schätzen gelernt habe. Jetzt merke ich erst, dass ich zumindest zu einigen wenigen Themen tatsächlich etwas sagen kann. Nach dem Master wird die Ahnungslosigkeit vielleicht noch weiter geschrumpft sein.
Die Anwesenheitspflicht ist schon lange abgeschafft. Und selbst die Kolonnade am Neuen Palais hat sich inzwischen entblößt. Unglaublich! Es kommt manchmal eben doch alles ganz anders, als man ahnt.

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