Warum sich Einmischen lohnt – Die Bedeutung politischer Teilhabe im Wahljahr

Mach auf Probleme aufmerksam (Quelle: flaticons).

Der Kampagnen-Wettbewerb VOLKER fiel aus, doch der Workshop „Wie tickt Deutschland im Superwahljahr?“ mit Jana Faus fand trotzdem statt. Über Gefahren der Demokratie, warum deine Meinung wichtiger ist denn je und wie du etwas verändern kannst. Von Victoria Lisek

Normalerweise würde im April der Verein Artikel 1. e. V. den Wettbewerb VOLKER starten.  Der Name des Wettbewerbs soll eine Antwort auf die Verwendung der Parole „Wir sind das Volk“ von Rechtsextremisten sein, denn durch den Wettbewerb werden kreative Kampagnen für mehr Demokratie von Teilnehmenden zwischen 18 und 35 Jahren gefördert. Dieses Jahr widmet der Verein seine Reichweite und Ressourcen allerdings nicht VOLKER, sondern anderen Projekten. Dennoch fand der begleitende Workshop mit der Vorstandsvorsitzenden des Artikel 1 e.V. Jana Faus statt. Wir haben nachgefragt: Was sind aktuelle Tendenzen, welche die Demokratie gefährden; weshalb ist es wichtig, sich selbst zu beteiligen und welche Rolle spielen dabei politische Kampagnen?

„Die Mitte überlässt den Rändern das Schreien“

Jana Faus ist ebenfalls Teil der Geschäftsführung von pollytix, einer Politikberatungs-Agentur, und hat unter anderem die Motivation von jungen Wähler:innen und Nichtwähler:innen erforscht. Ihren Erkenntnissen zufolge werden Entscheidungen weniger über eine tiefe Wertebasis getroffen, was man auch an einer hohen Wechselwähler:innen-Quote vor allem unter den jungen Wähler:innen erkennen könne, so Faus.

So hätten Zugehörigkeiten zu einer Religion oder Gewerkschaft nur noch einen geringen Einfluss darauf, wo junge Wähler:innen das Kreuzchen auf dem Stimmzettel setzen [1]. Wer beispielsweise Gewerkschaftsmitglied ist, wählt heute nicht mehr unbedingt die Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD). Stattdessen werden aktuelle Konfliktlinien, wie die zwischen „Nationalisten“ und „Weltbürgern“ [2], entscheidender. Diese Tendenzen sind keineswegs erst in dieser Wahlperiode aufgetaucht. Sie haben sich aber im Laufe der Zeit weiter vertieft.

Auf der anderen Seite scheint es so, als seien die Filterblase und Echokammer bereits ins „echte“ Leben geschwappt [3]. Aufgrund des confirmation bias beschäftigen wir uns überwiegend mit Beiträgen, die ohnehin unser eigenes Weltbild bestätigen.

Die wenigsten jungen Wähler:innen seien zudem Mitglied in Parteien oder Vereinen, und auf Familienfeiern diskutiere man meistens auch nicht, veranschaulicht Faus. So gibt es weniger Berührungspunkte mit Andersdenkenden. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen dürfte sich dieser Trend außerdem verstärkt haben.
Meinungen werden wichtiger, aber wir diskutieren darüber weniger miteinander. Das hat Folgen: „Die Mitte überlässt den Rändern das Schreien“, unterstreicht Faus. Das macht kompromissloser.

Das Potenzial der Nichtwähler:innen

An den Nichtwähler:innen kann man erkennen, was gerade schiefläuft. Zum Beispiel stellte Jana Faus in Interviews mit jungen Nichtwähler:innen fest, dass die Teilnehmenden lieber gar nicht wählen, anstatt Kompromisse zwischen ihrer Meinung und den Positionen von Parteien einzugehen.

Außerdem seien sich viele von ihnen ihrer Selbstwirksamkeit nicht bewusst. Der Gedanke „auf mich hört ja eh keiner“ sei verbreitet. Sie hätten das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren und verspürten deshalb ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. So fühlten sich viele der jungen Nichtwähler:innen noch nicht dazu in der Lage, politisch aktiv werden zu dürfen. Erst wenn sie eine gewisse Stabilität, wie einen festen Job oder eine eigene Familie erreicht hätten, berichtet Faus, sähen sie politische Beteiligung als ihre Angelegenheit an.

Hinzu kommt, dass durch den demografischen Wandel in Deutschland der Anteil der über 50-Jährigen unter den Wahlberechtigten überwiegt [4]. Das bewirkt, dass junge Wähler:innen Parteien links liegen lassen, weil sie keinen relevanten Stimmenblock mehr bilden [5].

Das Problem: Nehmen junge Wähler:innen an ihren ersten Wahlen nicht teil, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass sie auch in Zukunft nicht wählen gehen, erläutert Jana Faus.

Was kann dagegen getan werden?

Nutze Deine Stimme (Quelle: Polina Kovaleva über Pexels).

„Die Demokratie steht und fällt
mit dem Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger“ resümierte der ehemalige Präsident des Bundestages Norbert Lammert [6]. Der Schlüssel lautet also Teilhabe, oder besser gesagt Partizipation. So kann auch außerhalb von Wahlen Einfluss auf das politische Geschehen ausgeübt werden. Jeder kann selbst etwas zu mehr Demokratie beitragen. Du kannst dich etwa informieren, in Twitter-Debatten oder auf Feiern konstruktiv diskutieren, bei der Wahl des Studierendenparlament (Stupa) oder des Bundestages teilnehmen, demonstrieren gehen oder eine eigene politische Kampagne starten.

HOW TO politische Kampagne

Politische Kampagnen sind ein Instrument der Interessenvermittlung und zielen darauf ab, in einer begrenzten Zeit öffentliche Aufmerksamkeit für ein Anliegen zu gewinnen, um dessen Dringlichkeit hervorzuheben.

Entsprechend den Zielen gibt es verschiedene Arten von Kampagnen: Infokampagnen klären auf oder verbreiten eine bestimmte Meinung; Aktionskampagnen setzen Entscheidungsträger:innen, Institutionen oder Privatpersonen unter Handlungsdruck, und Imagekampagnen möchten das öffentliche Bild einer Bewegung oder Person positiv verändern.

Die Mittel, die politische Kampagnen nutzen, kennt man zum Teil auch aus dem Marketing, wie Stände, Plakate oder Flyer-Aktionen. Aber auch Social Media Hashtags wie #flattenthecurve, Demonstrationen, wie etwa Fridays for Future, oder Imagekampagnen im Zuge des Wahlkampfes sind politische Kampagnen.

Wie kann man mit seiner Kampagne Menschen erreichen, die nicht schon der gleichen Meinung sind? Dazu nennt Jana Faus zwei mögliche Lösungen, die häufig unterschätzt werden: das Radio und kostenlose Flyer, die in Briefkästen verteilt werden. Radio höre jeder passiv nebenbei, ob beim Zähneputzen oder Kochen. Hinzu kommt, dass momentan mehr Audioformate konsumiert werden [4]. Eine Radiowerbung oder ein Podcast kann demnach eine große Zielgruppe erreichen. Zudem bleibe kein SPIEGEL so lange im Haus wie manche Flyer, erklärt Faus.

Da wir gerade sowieso ständig online sind, bietet Social Media enorme Chancen. Der Vorteil dieser Kanäle ist es, sich leichter zu vernetzten, sowohl mit anderen Bewegungen um sich zu unterstützen, als auch mit Entscheidungsträger:innen oder mit der Zielgruppe. Diese Möglichkeit, betont Jana Faus, sollte man auch wirklich nutzen. Eine Kombination aus verschiedenen Kanälen, on- sowie offline, wäre natürlich am effektivsten, da so möglichst viele und diverse Zielgruppen angesprochen werden können. Dabei sollte die Botschaft jedoch immer die Gleiche bleiben und vor allem gleich verständlich, weist Faus hin. Wie ein elevator pitch sollte die Message so auf den Punkt gebracht werden, dass man damit einen Fremden während einer Fahrt im Aufzug überzeugen kann.

Neugierig geworden?
Mehr über die aktuellen Trends: www.pollytix.de/wahltrend/
Unterstützung für Eure Kampagnen: www.unmutenow.org, www.projecttogether.org/, www.united4bundestag.de, www.demokratie-ist-alles.de

Quellen
[1] Vgl. Antonia Görtz: Sozialstrukturelle Ursachen für Wechselwahl: Warum wechseln WählerInnen von der SPD zur AfD?. 2020.
[2] Vgl. Ingeborg Breuer. Ungleichheit in Deutschland. Die alten Konfliktlinien gelten nicht  mehr. 28.03.2019.
[3] Vgl. Nils Kinkel, Bettina Less: Wie geht’s raus aus der Facebook-Filterblase?. 12.01.2017.
[4] Vgl. Bundestagswahl 2021. 60,4 Millionen Wahlberechtigte.17.02.2021.
[5] Vgl. Maximilian Probst: Die Jugend zählt nicht. Der demografische Wandel führt in einen Teufelskreis. 11.08.2017.
[6] Vgl. Plenarprotokoll (Bundestag) 18. Wahlperiode/245. Sitzung. 5.09.2017. S.5.
[7] Vgl. Studie: Deutschland nutzt in der Pandemie intensiv Radio. 29.04.2021.

 

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