Trampen – Ein Reisebericht

Unser Ziel: London [Foto: Lea Hauprich]
Seit Monaten schwelgt so manche:r in Erinnerungen, so auch ich. Dann packt mich das Fernweh, die Reiselust, die Sehnsucht nach Rauskommen. An eine meiner Reisen habe ich in letzter Zeit besonders viel gedacht. Über diese möchte ich gerne berichten. Von Lea Hauprich.

November 2019.

Die Reise begann mit einer meiner engsten Freundin, Franzi. Wir hatten im Juni gemeinsam unser Abitur absolviert, den Sommer mit Festivals und Städtereisen genossen und suchten allmählich mit Einkehr des Winters nach Zukunftsperspektiven. Franzi entschloss sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in England. Doch sie wollte weder mit dem Auto, noch mit dem Zug, geschweige denn mit dem Flugzeug in ihre neue Heimat reisen. Nein, Franzi entschied sich für’s Trampen und suchte nach einer abenteuerfreudigen Begleitung.

Unüberlegt sagte ich zu, denn wie plant man überhaupt eine Reise, die man nicht planen kann? Wir legten London als Ziel fest und suchten nach unterschiedlichen Routen dorthin. Voraussetzung war ein geringes Tagesbudget und eine Zeitbegrenzung von etwa einer Woche. Unterkünfte buchen ohne zu wissen, wann oder wo wir ankommen – unmöglich! Die Plattform Couchsurfing, auf der Menschen kostenlos Übernachtungsmöglichkeiten gewähren, bot uns die Gelegenheit der Spontanität.

Doch kurz vor unserer Abreise wollte ich absagen. Wird uns überhaupt jemand mitnehmen? Zu Fremden ins Auto steigen und bei Fremden (Couchsurfern:innen) übernachten? Der Planerin in mir gefiel das ganz und gar nicht, meiner abenteuerlustigen Persönlichkeit  hingegen schon. Es gab kein Zurück mehr und mit bereits erheblicher Verspätung (Franzi ist eine tiefenentspannte Person) starteten wir am 02.11.2019 von Trier nach Köln. Den ersten Teil der Strecke, zu einer Tankstelle nahe der Autobahn, fuhr uns ihr Freund. Mit Pappschild in den Händen und in der Hoffnung, dass darauf Aachen zu lesen war, hieß es abwarten. Mit Naivität und einer großen Portion Nervosität warteten wir zwei Stunden vergebens. In Anbetracht der Dämmerung entschlossen wir uns dazu, Menschen auf der Tankstelle direkt anzusprechen.

Freundlicherweise sagte uns Sabine zu. Mit zwei riesigen Rucksäcken – Franzi hatte immerhin Gepäck für ein halbes Jahr UND ihre Hula-Hoop-Reifen dabei – quetschten wir uns in das winzige Auto, in dem auch noch eine Arbeitskollegin von Sabine saß. Jetzt ging das Abenteuer wirklich los. Sabine rauchte während der Fahrt eine Zigarette nach der anderen, erzählte aus ihrem Leben und raste mit einem latent aggressiven Fahrstil die Autobahn Richtung Aachen entlang. An einer Baustelle übersah sie ein Schild – worauf ein gewagtes Einfädelungsmanöver folgte und das Auto hinter uns geschlagene zehn Minuten Lichthupe gab.

Noch nie habe ich mich so sehr gefreut einen Stadtbahnhof zu sehen und Franzi erging es genauso.  Wir bedankten uns vielmals (eher bei etwas Übermächtigem, dass wir noch lebten) und standen nun in Aachen. Jetzt mussten wir nur noch über Couchsurfing eine Unterkunft finden. Ein Student namens Andreas war so freundlich, uns den Ort des Schlüsselverstecks für seine Wohnung mitzuteilen, da er selbst nicht Zuhause war. Ja, dieses blinde Vertrauen würde uns noch ein paar Mal auf dieser Reise überraschen. Irgendwann nachts kam Andreas nach Hause und wir lernten uns am nächsten Tag beim gemeinsamen Frühstück kennen.

Dann sollte es weiter Richtung Brüssel gehen. Insgesamt wartete wir vier Stunden, bis zwei Belgier, ein junger Mann und seine Mutter, die eigentlich nur schnell einen Snack am Kiosk kaufen wollten, uns mitnahmen. Diese Autofahrt war deutlich entspannter, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie uns auf der Abfahrtsspur der Autobahn rauslassen wollten und einfach dort anhielten. Da uns das zu gefährlich erschien, fuhren sie uns bis zu einem Mitfahrerparkplatz weiter. Die nächste Mitfahrgelegenheit war ein Familienvater, der sogar seine Tochter versetze, um uns zu nächsten Autobahnraststätte zu fahren. Dort hätten wir mehr Glück, meinte er. Er behielt Recht und es dauerte keine fünf Minuten, bis ein älteres Rocker-Ehepärchen uns einlud mitzufahren. An der nächsten Tankstelle folgte ein junges Pärchen in unserem Alter.

Alle unsere Mitreisenden waren grundlegend verschiedene Menschentypen. Aber was sie alle gemeinsam hatten, war, dass sie freiwillig für uns weitere Strecken oder gar Umwege fuhren. Alle berichteten über ihr Leben, waren aber auch neugierig und hielten uns für mutig oder verrückt (vermutlich oft beides). Die Kommunikation verlief auf Englisch, Deutsch und manchmal auch mit Händen und Füßen.

An diesem Tag entschieden wir uns um und kamen in der Stadt Brügge an. Denn dort gewährte Simon uns einen Schlafplatz. Zusammen mit seinem Bruder hatte er ein großes Haus gekauft und empfing fast täglich Couchsurfer:innen aus aller Welt. Sein größter Wunsch war es, in Brasilien ein Hostel aufzumachen und wir versprachen ihm, dort hinzureisen, wenn es soweit sei. Auch Simon vertraute uns und verließ abends das Haus. Wir durften kochen, duschen und es uns auf der Couch gemütlich machen. Als Dankeschön gab es für unsere Hosts immer eine Kleinigkeit in Form von Süßigkeiten oder einem Frühstück. An diesem Abend nutzten wir die Zeit, einmal alles Revue passieren zu lassen. Es fühlte sich nicht fremd an bei Fremden mitzufahren und zu übernachten. Nein, die Menschen entgegneten uns mit viel Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit und Offenheit.

Das neue Ritual am Morgen war immer eine kurze Lagebesprechung mit groben Routenplan und die Vorbereitung der Pappschilder. Unser nächstes Ziel am 04.11. war Calais. Von Brügge fuhr uns ein Mann mittleren Alters zu einem gut gelegenen Parkplatz. Es dauerte nicht lange, bis uns erneut ein Pärchen bis zur nächsten Autobahnraststätte mitnahm. Dort angekommen entdeckten wir einen alten VW-Bus mit genau drei Sitzen und genügend Stauraum für unser Gepäck. Die Eigentümerin, eine französische Künstlerin, bot uns die zwei freien Plätze an, erzählte vom Theaterspielen und ihren Busreisen. Sie nahm einen Umweg über Calais und ließ uns an einer Raststätte raus. Es schüttete in Strömen, es war kalt und es war eben November.

It’s raining cats and dogs. [Foto: Lea Hauprich]
Nicht gerade die beste Zeit, um ohne gebuchte Unterkünfte nach England zu reisen. Zum Glück fand sich ein junger Mann, der uns einfach so zum Eurotunnel fuhr. Jedoch hatten wir nicht mit eingeplant, dass uns vor dem Tunnel keiner einfach so mitnehmen durfte. Es folgte eine Situation, an die ich oft zurückdenke. Voll bepackt liefen wir vor den Grenzzäunen umher. Das Sicherheitspersonal schickte uns natürlich weg. Komplett durchnässt – meinen Schirm hatte ich natürlich im Auto liegen lassen – irrten wir auf diesem weitläufigen Grenzgebiet umher, abseits der Stadt. Dem Ziel England waren wir so nah und doch so fern. Es war das erste Mal, dass ich ein Gefühl von Befremdung empfand. Wir standen an der Grenze und kamen nicht weiter.

Fortsetzung folgt…

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