Ich bin da ganz anders

Wartezeit in Brandenburg. (Bild: Swantje Hennings)

Die Bahn kam pünktlich – Oskar nicht. Mangels anderer Möglichkeiten in der Brandenburger Peripherie bleibt er am Bahnhof und wartet. Was in seinen letzten zehn Minuten passiert, warum er am Ende dann vielleicht doch noch seinen Zug verpasst und welche Rolle ein Paar Einweghandschuhe dabei spielt? Klingt vielleicht nicht allzu spannend, aber das wisst ihr erst, nachdem ihr es gelesen habt. Von Björn Ole Müller.

Progressiv

Die Bahn kommt in 10 Minuten… Ich warte auf die Bahn. Wenn das ein Text wäre, hätte er nen provokativen Namen und flachen Inhalt. Die Szene ist mir so bekannt, dass ich mein eigenes Leben schlampig inszeniert finde. Fühle mich wie ein Klischee. Kennt man ja, immer wieder ein Ding mit den Öffentlichen – die sind unpünktlich und so und dann wird über die Leute hergezogen. Alle sind ja irgendwo so scheiße lustig, wenn man sie nur toll beobachtet. Also Mettbrot, Zwiebeln und Sitzbeiwerk mit lauter Musik einfügen.

Wenn’s progressiv werden soll, vielleicht noch über die Erste-Klasse-Abteile herziehen und auf jeden Fall das Wort progressiv einbauen. Voilà… schlimmer nur Leute, die glauben, sich darüber aufzuregen sei besser. Ich, Oskar – Teil des Problems… aber ich bin da ganz anders… ich mach’s mit Charme, erzähle, worauf niemand kommt. Na zumindest… mache ich an den richtigen Stellen Kunstpausen, jede_r mag… Cliffhanger innerhalb einer Kurzgeschichte.

Drei Menschen in Brandenburg

Die Bahn kommt in 9 Minuten und ich sitze hier in dem Glaskasten, weil mein Zeitmanagement so ist, wie die Leute, die die DB-Welle tot reiten, die Bahn gern hätten. Ich frag mich, wann die merken, dass dieser Witz sich verhält, wie meine Idee im Sinne des Nichts-wegwerfen-Wollens die ganze Packung Backpulver in die Kekse zu wemmsen. Es bläht unnatürlich auf, im Kern staubt‘s und ich kann‘s nicht schlucken, ohne dass ich kotzen könnte. Im Grunde warte ich ja hier gerade, weil die pünktlich waren. Und wenn ich mich so umsehe, ist an einer Haltestelle in Brandenburg gar nicht so viel los. Wir sind hier zu dritt und hängen auf einer langen Bank, die aussieht wie ein Käsehobel von innen. Alle leicht nach vorne gebeugt.

Scheiben von diesen Haltestellen neigen nämlich dazu, nicht angesprayt, sondern in einem feinen Splitterhaufen vollständig am Boden zerstört zu sein – manchmal schreibe ich Sätze, die finde ich selbst scheiße, lasse sie aber, in der Hoffnung, mich zu irren – da sitzen wir also, drei Menschen in einem glaslosen Glaskasten, auf einer geplätteten Wäschetrommel in einer Haltung, als wären wir beim letzten der drei K’s am Morgen angekommen. Natürlich hören wir alle Musik und ja – eben alle. Also keine Ahnung, was bei denen neben mir abgeht. Jemand, der_die die Musik des_der anderen hört, kann im 21. Jahrhundert nur: Entweder seine_ihre Kopfhörer vergessen haben oder belauscht, ohne es zuzugeben, gerne Gespräche der anderen Fahrgäste.

In meinem Kopf bin ich cool

7 Minuten. Der Typ neben mir flankt seine glimmende Kippe auf das Brandenburger Kopfsteinpflaster. Sie verlischt in einer dieser Pfützen, die zu den Bahnhöfen dazugehören, die auch ohne Regen da sind, die selbst bei strahlender Sonne bräunlich-schwarz sind, über die ich mir häufig viel zu viele Gedanken mache. In meinem Kopf hebe ich sie auf, schnippe sie ihm cool gegen die Windjacke und weise ihn in gelassener Überlegenheit darauf hin, wie wenig er gerade mitgedacht hat. In unerwarteter Selbstreflektion fällt mir zuerst das Pfützenproblem auf… unbekannte Flüssigkeiten würden mir ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen, müsste ich doch mit meinen Neurosen dazu Einweghandschuhe benutzen, was mir nicht nur Coolness, sondern auch das moralische Oberwasser nähme.

Außerdem kann ich solche Handschuhe im Sommer nur auf zwei Arten anziehen, mit mühsamem abwechselndem Schieben und geräuschvollem Luft einströmen lassen oder ich schaff es schwungvoll in einem Rutsch und beende es mit einem lauten Fatsch und zwangsläufig schmierig wirkendem Blick, beides würde das falsche Signal senden, denke ich. Als zweites fällt mir auf, dass ich ihn schon die ganze Zeit aus etwa 20 Zentimetern Entfernung mit leeren Augen anstarre. Irgendwann muss sich unser Blick getroffen haben, er schaut irritiert zurück. Um ihm nicht die Genugtuung zu geben, mich ertappt zu haben, frage ich ihn, ob er mal Feuer habe… er versteht mich nicht – wir hören ja Musik.

Gruppenzwang

6 Minuten und es wird ernst. Er zieht einen Kopfhörer aus dem Ohr, was heutzutage einem Zwang jetzt auch abzuliefern gleich kommt. Scheiße. Das Feuer-Ding ist verbraucht, ich frage ihn also – und ziehe dabei vor Aufregung französisch ergonomisch alle Wörter zu einem Ganzen zusammen – ob der Zug über Potsdam fahre, es war das Erste, das mir in den Sinn kam. Seine Antwort: Das Selbe, das mir mein Fußballtrainer entgegenschrie, als ich mit 6 Jahren mein erstes und einziges Tor geschossen habe, Falsche Richtung du Idiot. Perfekt. Was zum Fick mach ich denn jetzt. Die Frau neben uns, mit der ich hier die letzten 15 Minuten saß, ist auf das Gespräch aufmerksam geworden und schaut mich ein bisschen bemitleidend an. Ihre beiden Blicke erwarten mein Gehen, gibt ja nun keinen Grund mehr für mich, hier zu warten. Unendlich langsam stehe ich auf, vor dieser Art Gruppenzwang warnt keine Sau.

3 Minuten. Ich stehe nun seitdem hinter der öffentlichen Toilette und warte auf meinen Zug. Ich fühle mich paranoid. Die beiden haben mich ja sicher dahinter verschwinden, aber seitdem nicht wieder hervorkommen sehen. Von hier aus muss ich ihn also erwischen. Wie stelle ich das an? Es sind gut 150 Meter bis zu dem Gleis und die beiden dürfen mich nach allem, was passiert ist, auf keinen Fall sehen. Auf Menschenmassen in der Brandenburger Pampa brauche ich nicht zu hoffen. Mich zerreißt hier eher eines dieser viel gefürchteten Rudel Wölfe oder ich sterbe an einem Fuchsbandwurm vom Brombeerbusch, als dass ich 19 Uhr mehr als zehn Menschen auf einmal sehe. Ich setze die Kopfhörer ab, um nun auf die Lautsprecherdurchsagen zu warten.

Keine Minute zu früh

Letzte Minute. Mein RE kommt pünktlich. Super. Ich liebe die Deutsche Bahn für ihre Pünktlichkeit. Wie ein Uhrwerk schiebt er sich durch das mit Dönerbuden und Subways gepimpte Überbleibsel aus mehrfach renovierter DDR-Architektur. Die Türen öffnen sich und ich stehe vor der Wahl; rennen oder warten? Ich lasse mich von keinem Knigge einsperren, als Sozialnormrevolutionär tippel ich auf diese besondere Weise zu den Türen, die eigens für das Rennen zum Zug erfunden wurde. Es ist dieses Rennen, das gerne laufen will und die Fußspitzen wie bei einer unmotivierten Ballerina leicht nach unten wegklappen lässt – die Arme dabei unnatürlich stoisch in Position haltend – um eine früher-saß-ich-im-Bus-hinten-Aura zu simulieren und eine_n in auffallender Lächerlichkeit im leichten Trab vor den Augen der Sitzenden blamiert. Pünktlich erreiche ich den Zug und steige ein.

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