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campusKULTUR Featured Ganz vorn — 08 März 2019

Blick in die Clara-Zetkin-Straße in der Brandenburger Vorstadt. (Foto: Julia Hennig)

Der 8. März ist ab diesem Jahr ein gesetzlicher Feiertag in Berlin. Daher stellen wir euch in der siebten Folge unserer Reihe “Mehr als nur ein Name” über die Geschichte der Potsdamer Straßennamen die Clara-Zetkin-Straße und deren Namensgeberin vor. Auf deren Initiative fand am 19. März 1911 der erste internationale Frauentag in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den USA statt. Außerdem informieren wir euch darüber, nach welchen Personen die Straßen in der Brandenburger Vorstadt in der Nähe vom Bahnhof Charlottenhof ursprünglich benannt wurden. Von Julia Hennig.

Kaiserliches Viertel in der Brandenburger Vorstadt

Auf dem Kartenausschnitt erkennt ihr die Straßen rund um die Clara-Zetkin-Straße. Die rot eingekreisten Straßen wurden ursprünglich nach den Kindern Kaiser Friedrichs III. (1831-1888) benannt, die gelb eingekreisten nach Kaiserinnen.

Die Brandenburger Vorstadt liegt zwischen der Havel und dem Park Sanssouci mit dem Schloss Sanssouci, dem Neuen Palais und dem Schloss Charlottenhof. Die Gebäude wurden überwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg gebaut, so dass heute ein überwiegend geschlossenes Altbauensemble erhalten ist. Dies spiegelt sich auch in der fast 300 Meter langen Clara-Zetkin-Straße wider, die mehrheitlich von Altbaugebäuden gesäumt wird. Passend zur Erbauungszeit des Wohnviertels in der Zeit des deutschen Kaiserreichs wurden die Straßen nach Personen der kaiserlichen Familie benannt. Die meisten Straßen wurden dabei nach Kindern Kaiser Friedrichs III. benannt, der im Neuen Palais geboren wurde und gestorben ist und nach dem die Kaiser-Friedrich-Straße in Eiche benannt wurde.

Die heutige Hans-Sachs-Straße hieß von 1907 bis 1945 Sigismundstraße nach dem Prinzen Sigismund (1864-1866) und ist heute benannt nach dem Dichter und Meistersinger Hans Sachs (1494-1576). Die parallel verlaufende Carl-von-Ossietzky-Straße hieß bis 1950 Margaretenstraße nach der Prinzessin Margarete (1872-1954) und ist heute benannt nach dem Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938). Die quer verlaufende Meistersingerstraße hieß von 1904 bis 1950 Sophienstraße nach der Prinzessin Sophie (1870-1932) und ist heute benannt nach der handwerksmäßig betriebenen, bürgerlichen Poesie und Liedkunst des 14. bis 16. Jahrhunderts.

Straßenschild an der Ecke Meistersingerstraße und Clara-Zetkin-Straße. (Foto: Julia Hennig)

Die Clara-Zetkin-Straße hieß von 1880 bis 1949 Heinrichstraße nach dem Prinzen Heinrich (1862-1929) und ist heute benannt nach der KPD-Politikerin der Frauenbewegung Clara Zetkin (1857-1933). Die östlich parallel verlaufende Sellostraße hieß von 1878 bis 1950 Waldemarstraße nach dem Prinzen Waldemar (1868-1879). Sie wurde im Jahre 1950 in “Straße der Gemeinschaft” umbenannt, weil hier die erste Hausgemeinschaft der “Nationalen Front der DDR” in Potsdam gebildet wurde. Seit 1993 trägt sie den Namen der in Potsdam im 18. und 19. Jahrhundert tätigen Hofgärtnerfamilie Sello. Während diese fünf Straßen nach Kindern Kaiser Friedrichs III. benannt wurden, wurden die folgenden beiden Straßen nach Kaiserinnen benannt.

Die heutige Nansenstraße hieß von 1895 bis 1945 Auguste-Viktoria-Straße nach der Kaiserin Auguste Viktoria (1858-1921, verheiratet mit Kaiser Wilhelm II.), die das Protektorat über den Bau der hier gelegenen, 1898 eingeweihten Erlöserkirche hatte. Seit 1945 ist sie benannt nach dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930). Die bekannte Geschwister-Scholl-Straße mit ihren vielen kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants hieß von 1860 bis 1945 Viktoria-Straße nach der Prinzessin Viktoria, der späteren Ehefrau des Kaisers Friedrich III. Seit 1945 ist sie benannt nach den hingerichteten Widerstandskämpfer_innen gegen das NS-Regime, den Geschwistern Sophie (1921-1943) und Hans (1918-1943) Scholl der Widerstandsgruppe “Weiße Rose”.

Clara Zetkin: Politikerin und Frauenrechtlerin

Clara Zetkin wurde am 5. Juli 1857 als Tochter des Dorfschullehrers Gottfried Eißner und dessen Frau Josephine (geb. Vitale) in Wiederau in Sachsen geboren. Von 1874 bis 1878 besuchte sie das von der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt geleitete Lehrerinnenseminar in Leipzig. In dieser Zeit nahm sie an Diskutiernachmittagen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins teil und knüpfte erste Kontakte zur Sozialdemokratie. 1878 trat sie der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), der späteren SPD, bei.

Vier Jahre später ging sie nach Paris, wo sie mit dem dem sieben Jahre älteren ukrainischen Sozialrevolutionär Ossip Zetkin zusammenlebte. Clara Eißner nahm zwar den Namen von Ossip Zetkin an, heiratete diesen jedoch nicht, wodurch sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft behielt. Nach dem Tod von Ossip Zetkin im Jahre 1889 engagierte sie sich verstärkt für den Sozialismus und für die Rechte der Frauen. Ihre erste Rede vor einem größeren Publikum über die Rechte der Frauen hielt sie im Jahre 1889 auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris. Dort forderte sie die vollständige berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau sowie ihre aktive Teilnahme am Klassenkampf.

Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg auf dem Weg zum SPD-Kongress in Magdeburg im Jahre 1910. (Foto: gemeinfrei, Details auf Wikipedia)

1907 wurde sie auf der ersten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen in Stuttgart zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. Drei Jahre später schlug sie auf der zweiten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen in Kopenhagen die Einrichtung eines Internationalen Frauentags vor. Dieser wurde ein Jahr später unter dem Motto “Heraus mit dem Frauenwahlrecht!” erstmals begangen. Als eine der ersten Frauen zog sie nach der Einführung des Frauenwahlrechts am 12. November 1918 in die verfassungsgebende Landesversammlung Württembergs, wo sie am 28. Januar 1919 eine Rede hielt.

Einen Monat später hielt Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste Frau in einem gesamtdeutschen Parlament in der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar ihre Rede. Clara Zetkin war anschließend als Abgeordnete der KPD von 1920 bis 1933 Mitglied des Reichstags. Bereits körperlich geschwächt, eröffnete sie als 75-Jährige am 30. August als Alterspräsidentin den neugewählten Reichstag. In ihrer Rede warnte sie vor den Gefahren des Nationalsozialismus und forderte daher eine Einheitsfront aller demokratischen Kräfte. Sie starb am 20. Juni 1933 nach schwerer Krankheit in Archangelskoje bei Moskau.

Geschichte des Internationalen Frauentages

Auf Initiative von Clara Zetkin beschlossen am 27. August 1910 100 Delegierte aus 17 Ländern auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentags. Dieser wurde ein Jahr später als erster internationaler Frauentag am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den USA begangen. Im Anschluss wechselte das Datum des Internationalen Frauentages, bis auf der Zweiten Internationalen Konferenz der Kommunistinnen im Jahre 1921 der 8. März als Datum festgelegt wurde.

Plakat der Frauenbewegung zum Frauentag 8. März 1914 mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht (Foto: gemeinfrei, Details auf Wikipedia)

An diesem Datum hatte nach der westeuropäischen Datierung im Jahre 1917 in Russland eine Demonstration zum Frauentag in einen Generalstreik gemündet, der den Zarismus stürzte. Während die Ziele des Internationalen Frauentags anfangs in der Erlangung des Frauenwahlrechts bestanden, lag in den folgenden Jahren der Fokus vor allem auf dem Recht der Frauen auf Erwerb, also Frauenarbeit.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Internationale Frauentag auf unterschiedliche Art und Weise in den beiden neuen Staaten begangen. In der DDR wurde der Internationale Frauentag von staatlicher Seite aus in den volkseigenen Betrieben gefeiert. An diesem Tag wurde ab 1954 jährlich die Clara-Zetkin-Medaille an verdienstvolle berufstätige Mütter verliehen. In der BRD protestierten die Frauen am Internationalen Frauentag in den 50er Jahren für den Frieden, in den 60ern wurde der Tag jedoch weitgehend vergessen.

1975 wurde schließlich das Internationale Jahr der Frau durch die Vereinten Nationen ausgerufen, vier Jahre später kam es in der BRD wieder zu einem ersten kleinen Frauentag. 1982 wurde auf dem 12. Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes die jährliche Feier des Internationalen Frauentages beschlossen.

Seit der Einführung des Internationalen Frauentages haben sich die Themen zwar gewandelt, im Fokus stand und steht aber immer das Recht der Frauen auf bezahlte Erwerbsarbeit und die Gleichberechtigung der Frauen. Erstmalig ist der Internationale Frauentag ab diesem Jahr in Berlin ein Feiertag, womit die deutsche Hauptstadt jedoch nicht allein steht: Auf der offiziellen Seite des Internationalen Frauentages werden insgesamt 27 Staaten aufgeführt, von denen in drei Staaten der gesetzliche Feiertag nur für Frauen gilt. Mehr zur Geschichte des Internationalen Frauentags könnt ihr hier nachlesen.

Ein Tipp zum Schluss: Das Frauenwahllokal im Café Evas Sünde

Blick in die Ausstellung im oberen Stockwerk des Cafés “Eva’s Sünde” (Foto: Irene Kirchner)

Seit dem 1. März 2019 ist das Café Evas Sünde in der Dortustraße nach einer Winterpause im Januar und Februar wieder geöffnet. Dort wurde am 23. November 2018 die Ausstellung zum Thema “100 Jahre Frauenwahlrecht” des Frauenwahllokals in Trägerschaft des Autonomen Frauenzentrums Potsdam e.V. eröffnet. Bis zur großen Finissage am 26. Mai 2019 können sich die Besucher_innen im Café Evas Sünde anhand der Geschichte von engagierten Frauen, darunter auch Potsdamer_innen, über die Entwicklung des Frauenwahlrechts informieren.

Dazu kann man leckeres Eis, hausgemachten Kuchen sowie warme und kalte Getränke genießen. Außerdem gibt es verschiedene Veranstaltungen zur Geschichte des Frauenwahlrechts, aber auch zu den anstehenden Kommunalwahlen am 26. Mai 2019. Die nächste Veranstaltung findet am 18. März 2019 um 19:30 Uhr im Museum Barberini statt, bei der mit einer Festveranstaltung dem 100-jährigen Jubiläum der ersten Potsdamer Stadtverordnetenversammlung mit weiblichen Abgeordneten gedacht wird. Eine Anmeldung ist auf der Homepage des Frauenwahllokals erforderlich.

Mehr zu den Geschichten der Potsdamer Straßennamen erfahrt ihr im Buch “Die Straßennamen der Stadt Potsdam. Geschichte und Bedeutung” von Klaus Arlt aus dem Jahre 2010. Die bisher erschienenen Artikel zur Dortustraße, Hermann-Elflein-Straße, Kiepenheuerallee, Kaiser-Friedrich-Straße, Marie-Juchacz-Straße und Karl-Liebknecht-Straße findet ihr hier. Für die nächsten Artikel unserer neuen Reihe suchen wir noch eure Ideen und Vorschläge: Die Geschichte welcher Straßen wolltet ihr schon immer erfahren? Schreibt uns euren Wunschstraßennamen per Facebook, Twitter, Instagram oder Mail an redaktion@speakup.to

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