Der Start ins neue Wintersemester: Drücken wir den Reset-Button oder bleiben wir Stand-By?

Griebnitzsee, Haus 6, Hörsaal H03-04 (Foto: ZIM)

Der Lockdown und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Studierendenleben haben viele positive wie auch negative Veränderungen mit sich gebracht. Die Frage, welche Auswirkungen die Pandemie auf berufliche und auch private Entscheidungen von Studierenden hatte, wurde hingegen viel zu selten gestellt. Sicher ist: Kein Stein blieb auf dem anderen. Viele Entscheidungen wurden umgeworfen und werden in Zukunft anders motiviert sein. Nicht selten hörte man den Satz „Eigentlich wollte ich…, aber dann kam Corona.“ An manchen scheint die Pandemie hingegen fast geräuschlos vorbeigezogen zu sein. Es sind Erfahrungen, die sich schwer generalisieren lassen. Die Reflexion hierüber ist jedoch entscheidend, um als Universität die richtigen Schlüsse für die zukünftige Gestaltung der Lehre zu ziehen. Von Luise Ritter

Im November 2021 kehrt die Universität Potsdam teils wieder zum Normalzustand zurück. Doch ist nach fast zwei Jahren eine Rückkehr zum Status Quo möglich oder gar wünschenswert?

Gehen wir noch einmal zurück an den Anfang 

Die Universität Potsdam befindet sich seit April 2020 wortwörtlich im Lockdown. Seit fast zwei Jahren erscheint der Mikrokosmos unserer Universität kleiner denn je. Durch die Verlagerung des Studierendenlebens in die eigenen vier Wände – oder die vier Wände der anderen (Eltern) – wurde die Universität für viele zu einem bloßen Verwaltungssitz mit Logo. Jetzt weiß jede:r, wie es sich anfühlt, ein Fernstudium abzuschließen, ohne sich je freiwillig an der Fern-Universität Hagen eingeschrieben zu haben. Und doch war die Situation eine völlig andere, denn die Universität Potsdam hatte nur ein Konzept für einen derart umfassenden Lockdown parat: den sogenannten Präsenznotbetrieb. Diese Idee hält tatsächlich nur so viel, wie sie verspricht. Sogar die Mensa, eine Konstante im Alltag vieler Studierenden, stellte zwischenzeitlich ihren Service ein.

Neben der Lehre standen in dieser Zeit viele Lebensbereiche der Studierenden vor der Wahl, dem Digitalisierungsdruck standzuhalten oder sich zwangsläufig zu verflüchtigen. Man könnte diesen selektiven Prozess deshalb auch gleich als digitalen Darwinismus bezeichnen. Dass die Transformation hin zur digitalen Bildung weit mehr als nur das Uploaden von Literatur und Aufgaben auf eine digitale Plattform erfordern würde, dämmerte allen spätestens nach einem Semester. Die zaghafte Reaktion auf die plötzliche Digitalisierungsnot zeigt, wie groß die Kluft zwischen dem traditionellen und dem zukunftsorientierten Bildungsweg eigentlich ist. Braucht es erst eine globale Pandemie, um Deutschlands Universitäten auf den richtigen Weg zu bringen?

Es war aber auch nicht alles schlecht: Auf einmal konnte man ganz einfach ein Erasmus von Deutschland aus machen oder sich für ein unbezahltes Remote Praktikum bewerben.

Aber jetzt mal ernsthaft! Tatsächlich hatte die Pandemie auch ihre positiven Seiten. Grundsätzlich stehen Studierende der Digitalisierung positiv gegenüber und sehen diese als echte Chance für Deutschland (EY Studie 2020). Begleitet von diesem Optimismus hatten viele Studierende die Möglichkeit, ihre Komfortzone einmal zu verlassen und sich wertvolle digitale Soft Skills anzueignen. 

Die Universität fand zudem viele kreative Lösungen mit Hinblick auf die Aufrechterhaltung studentischer Angebote, zum Beispiel beim Hochschulsport. Viele Workshops widmen sich heute den Themen Stressreduktion, mentaler Resilienz und Achtsamkeit im Alltag. Sie leisten dadurch einen wertvollen Beitrag zum (digitalen) Wohlbefinden von Studierenden. 

Hier einige Erfahrungen, die Studierende geteilt haben:

Emoji Student
Female Graduate Student Apple von NICEPNG.com

 

Die Pandemie hatte große Auswirkungen auf meine alltäglichen Entscheidungen. Die große Unsicherheit über die Frage, was verantwortungsvolles Handeln bedeutet, hat mich insbesondere bei meinem lange geplanten Umzug sehr gestresst. Hinzu kam die Angst, den Job zu verlieren und die allgemeine soziale Isolation.

 

Male Graduate Student Apple von NICEPNG.com

 

Die Pandemie hatte keine besonderen Auswirkungen, außer, dass ich ab und zu von zuhause gelernt habe. Das Jurastudium ist ja auch nicht so international, als dass ich da groß Pläne hatte ins Ausland zu gehen.

 

 

Male Graduate Student Apple von NICEPNG.com

 

Auf den inhaltlichen Verlauf des Studiums hatte Corona nicht so einen riesigen Einfluss. Ein Auslandssemester wäre noch so ein Ding gewesen, was ich eigentlich unbedingt noch machen wollte. Das hat sich aus Corona-Gründen dann natürlich zerschlagen.

 

 

Female Graduate Student Apple von NICEPNG.com

 

Ich würde sagen, die Pandemie hatte keine großen Auswirkungen auf meine Entscheidungen. Ich bin trotzdem ins Ausland gegangen. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren jedoch anders. Aufgrund strengerer Regelungen für WGs bin ich in Paris in ein Studentenwohnheim gezogen, um dort mit anderen Studierenden besser in Kontakt sein zu können.

 

 

Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, was eine Universität für Studierende sein muss, damit diese die Möglichkeit haben, sich professionell, aber auch persönlich weiterzuentwickeln. Neben größerer Flexibilität und Agilität, braucht es ein grundlegendes Verständnis dafür, dass die Universität für Studierende da ist. Nicht nur weil wir einen immer stolzer werdenden Semesterbeitrag zahlen, sondern weil nicht weniger als die Zukunft vieler junger Menschen hiervon abhängt.

Anstatt nur zu versuchen, den Betrieb der Universität am Laufen zu halten, bedarf es einer zielgerichteten Digitalisierungsstrategie, die auch entsprechend kommuniziert wird. Es ist heute im Vergleich zur Ausgangssituation eben nicht mehr nachvollziehbar, wieso wir immer noch ein Semester später anfangen und dadurch einen Monat pro Semester verlieren, oder wieso Sprechzeiten auf ein Minimum heruntergefahren werden, obwohl es nun digitale Tools zur Kommunikation gibt.

Die „digitale“ Universität sollte nicht das Schreckgespenst der letzten Jahre bleiben. Der Wille zum Ausbau digitaler Bestandteile in der Lehre wurde vom Präsidenten der Universität in einem Rundschreiben zum Wintersemester 2021/22 bereits bekundet. Der Digitalisierungsschub, den die Pandemie auf die Lehre hatte, lässt sich glücklicherweise nicht mehr rückgängig machen. Der Erfolg der angestoßenen digitalen Transformation hängt jedoch von der tatsächlichen Emanzipation von einem traditionellen Universitätsbild ab.

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