Lolita und die traurige Realität der Kindfrau

Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert sexuelle Gewalt an Minderjährigen.

Ein engelsgleiches Nymphchen (Quelle: wikiarts)

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta.“ 

Mit diesen einleitenden Worten wird Vladimir Nabokovs skandalöser Roman 1955 veröffentlicht. Die Geschichte vom 37-jährigen Humbert Humbert, welcher sich in das 12-jährige Nymphchen (sein eigens ausgedachter Begriff für besonders schöne Kinder) Dolores Haze verliebt, fasziniert und verstört bis heute etliche Leser:innen.
Und so liegt das in schwarzem Leder eingebundene Buch nun seit einem halben Jahr auf meinem Nachttisch. Es hat die Bekanntschaft etlicher anderer Bücher gemacht, denn ich habe es lange hinausgeschoben, mich damit zu beschäftigen.

Warum? Mir sind viele Meinungen und viele Versionen von Lolita im Laufe meines Lebens begegnet: Die romantisierte Lolita, die verstörte Dolores und die traurige Lo.
Meine Gesprächspartner:innen verstanden nicht, wieso jemand solch ein Buch lesen wollen würde. Und auch ich hatte anfänglich mit der Angst zu kämpfen, doch meine Neugierde gewann letztendlich. Ich schlug Lolita auf und machte mir ein eigenes Bild.
Von Anna Maria Faust.

Eine Zusammenfassung für alle, die keine 450 Seiten über Kindesmissbrauch lesen wollen

Der Literaturprofessor Humbert Humbert lässt im Gefängnis sein Leben Revue passieren. Er erzählt von seiner verstorbenen Mutter und der jüngeren Annabel, welche seine Jugendliebe war und im Kindesalter ebenfalls den Tod fand. Detailliert beschreibt er die Art Mädchen („Nymphchen“) im Alter zwischen 9 und 14 Jahren, welche „die Koboldgrazie, den angreifbaren, verschmitzten, seelenzerrüttenden, heimtückischen Zauber“ (Vgl. S. 21) versprühen.
Als Humbert Humbert nun mit 37 Jahren einen Aufenthaltsort für den Sommer sucht, trifft er auf die verwitwete Charlotte Haze und ihre Tochter Dolores – ein genaues Abbild des beschriebenen Nymphchens – und ist voller Vorfreude.
Er sucht in der Tarnung ihrer kindlichen Gutgläubigkeit ständigen Körperkontakt und heiratet sogar Charlotte, für die er kein Interesse übrig hat, nur um seiner geliebten Lolita näher zu sein. Irgendwann findet Charlotte aber die Wahrheit heraus, läuft panisch auf die Straße, wird von einem Auto überfahren und stirbt.
Ein Jahr lang fährt Humbert Humbert danach als Lolitas vermeintlicher Vater von einem Motel in das nächste und versucht, sie unter dem Einfluss von Tabletten zu vergewaltigen. Sie merkt es und willigt (aus seiner Sicht) ein, es sei ja schließlich nur ein Spiel. Er vergewaltigt sie für den Rest des Romans immer wieder, isoliert sie komplett von der Außenwelt. Sie bekommt schließlich eine Infektion, wird in ein Krankenhaus gebracht und verschwindet scheinbar spurlos.
Mit 17 Jahren schreibt sie ihm hochschwanger einen Brief, er besucht sie und erschießt bei der Gelegenheit noch ihren Lebensgefährten, welcher sie damals aus dem Krankenhaus geholt hatte.
Anschließend wird er verhaftet und stirbt im Gefängnis an einem Herzinfarkt. Lolita verstirbt bei der Geburt ihres Kindes.

Der überzeugende Ich-Erzähler

Das eigentlich Schockierende an dem Buch ist die Tatsache, dass wir alles aus den Augen des pädophilen Humbert Humbert erleben. Die gesamte Geschichte ist seine Verteidigung (er richtet sich teilweise direkt an die Geschworenen) und seine Version der Handlung. 

Das Doppelspiel von Humbert Humbert (Quelle: rawpixel)

Es gibt keine Lolita. Es gibt nur eine Dolores Haze; ein traumatisiertes junges Mädchen, welches immer wieder Opfer sexueller Gewalt und Freiheitsberaubung wird. Nichts Schönes lässt sich in solch einer traurigen Geschichte finden.
Lolita hingegen wird erschaffen, wird romantisiert, wird ohne eigene Persönlichkeitszüge dargestellt. Sie ist eine Kreation von Humberts Sehnsüchten.
Wir erfahren im gesamten Verlauf nichts über die wahre Dolores, denn Humbert Humbert interessiert nur das Nymphchen, welches ihm den Verstand raubt. Ihr Aussehen wird uns ausdrücklich und begehrenswert geschildert. Es wirkt durch die Augen des Ich-Erzählers so, als würde Lolita Humbert Humbert verführen, als wäre alles nur ein Spiel für sie.
Als Leser:in sehen wir genauso unklar und triebgesteuert wie er. Und vielleicht ist genau dies der Grund für die Faszination, welche dieses Buch versprüht. Beim Lesen werden die genauen Gedanken eines morallosen Verbrechers in unser aller Köpfe gestreut und erschrecken uns immer wieder davor, dass es tatsächlich so denkende Menschen gibt, denn die Authentizität von Nabokovs Schreibweise ist überwältigend. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Vladimir Nabokov sich deutlich und mehrfach von Pädophilie distanziert hat und Lolita keine Liebesgeschichte für ihn darstellt.)

Das Lana-Del-Rey-Syndrom

Persönlich muss ich mich wohl vor meiner Stellungnahme als Fan der US-Sängerin Lana Del Rey bekennen. Jedoch spielt sie eine nicht unwichtige Rolle bei der Romantisierung einer verstörenden Geschichte. Dies spiegelt sich nicht nur offensichtlich in ihrem Song „Lolita“ wieder. In „Off to the Races“ besingt sie ihren sie liebevoll schlecht behandelnden „old man“ und die oben zitierten Anfangssätze des Romanes.
Für ihre Hörer:innen ist es nichts Neues, wenn Lana Del Rey ihre „Daddy Issues“ kundtut. Die Wirkung auf ihre treuen Fans ist enorm. Sie hören ihre Musik, sehen ihr kindliches und  trotzdem ladyhaftes Aussehen und verbreiten die Babydoll-Ästhetik im Internet.
So ist es nicht verwunderlich, dass die etlichen Tiktoks, welche aus Zusammenschnitten des 1997 erschienenen Lolita-Films bestehen, meistens Lana Del Rey im Hintergrund abspielen.
Auch weitere Künstler:innen wie Britney Spears und Melanie Martinez treiben die Sexualisierung von jungen Mädchen immer weiter. Auch die Beatles bereiten mir jedes Mal aufs Neue ein unangenehmes Gefühl, wenn sie ihren Song „I saw her standing there“ mit den Worten „She was just seventeen and you know what I mean“ beginnen.
Natürlich führt eine solche Darstellung dazu, dass kleine Mädchen ihre Ideale in solch einer Ästhetik finden und selber versuchen, Objekt der Begierde zu werden.
Und so hat Lolita nun wieder eine neue Generation durch ihre beliebten Sänger:innen und Social Media-Plattformen erreicht. 

Das Phänomen der Kindfrau

Die „Kindfrau“ bezeichnet genau so wie Lolita einen Typ Mädchen, welches besonders feminine Züge und gleichzeitig kindliche Proportionen besitzt. Nabokov ist nicht der einzige Autor, welcher sich von dieser Art Ästhetik in seinen Werken inspirieren ließ. Ein weiteres bekanntes Beispiel dürfte für die meisten wohl Fontanes Effi Briest darstellen, welche wie Lolita für den Lesenden erwachsen und doch naiv und kindlich rüberkommt.
Wir können also eine bestimmte Richtung feststellen, welche uns trotz moralischer Verwerflichkeit und illegalen Handlungen immer wieder in der Gesellschaft begegnet.
Als erstes sucht man die Lösung dieses Problems in der männliche Lust. Denken Sie einmal darüber nach, wie normal kommen Ihnen erotische Schulmädchenkostüme vor?
Aber auch Eltern nutzen Ihr Kind nur zu gerne in der Rolle der Kindfrau. So sind Schönheitswettbewerbe wie aus der Reality-Show „Toddlers and Tiaras“ in den USA besonders bei Kindern beliebt. Auch Influencer-Mütter ziehen ihre Kleinkinder nur zu gerne wie kleine Erwachsene in Skinny Jeans und Crop Top an, ohne sich Gedanken über die etlichen, realen Humbert Humberts des Internets zu machen, welche nur allzu freudig auf solche  Bilder warten.
Die Kindermode fördert zudem von Geburt an geschlechterspezifische Klischees. Angefangen bei etwas so Banalem wie die reine Farbe der Kleidung, bis hin zu den Textzügen auf T-Shirts. Während auf pinken Mädchenoberteilen so etwas wie „Daddy’s Princess“ oder „I’m too pretty to do math“ steht, haben kleine Jungs die Auswahl zwischen „Superman“ und „Future Doctor“. 

Mädchen erfahren von Kindesalter an Sexismus (Quelle: rawpixel)

Von Anfang an lernen Mädchen folglich, wie wichtig ihr Aussehen und ihr Vater für ihre Entwicklung sind. Beim Heranwachsen beginnt dann die Tabuisierung der weiblichen Sexualität und die gleichzeitige Verherrlichung der schüchternen Unschuld.
Die Idee dahinter sollte uns allen noch aus der eigenen Kindheit bekannt sein. Umso verbotener eine Handlung war, umso mehr wollten wir sie ausprobieren. 

Und auch so verhält es sich mit Ideen über die Sexualität der jungen Frau. Das Verbotene und Mysteriöse bietet mehr als genug Fläche für Fantasien, die sich niemals um die eigentlichen Bedürfnisse der Mädchen drehen. 

Ein abschließendes Fazit

Lolita ist ein zugleich faszinierendes und tief verstörendes Buch. Ich bereue nicht, es gelesen zu haben, denn es gewährt durchaus Einblicke in die traurige Welt von Dolores Haze und ihrem Peiniger.
Eine Frage die sich mir jedoch nicht ganz beantwortet hat, ist, warum unsere Gesellschaft sich dazu entschieden hat, eine romantische Geschichte zwischen diesen Seiten zu finden. Zu keinem Moment hatte ich schöne Bilder oder gar Liebe vor meinem inneren Auge. Ich bin mir sicher, wie enttäuscht Nabokov von dieser Entwicklung wäre.
Es ist nur eins von vielen Beispielen für den Umgang mit Mädchen und es liegt bei uns, liebe Komilliton:innen, unsere Kinder richtig aufzuklären und diesem falschen Bild von Zärtlichkeit ein Ende zu setzen; und zwar mit Lolitas Hilfe als Negativbeispiel.

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