Wenn Pflegearbeit (nichts außer) die Wissenschaftskarriere kostet

Work from home - Was haben Gender und Produktivität miteinander zu tun?
Arbeiten von zu Hause aus. (Quelle: Nelly Antoniadou / unsplash)

Sind Kindergärten und Schulen geschlossen, bleiben Kinder zu Hause. Vermehrt übernehmen jetzt wieder Mütter, die auch als Sorge- oder Carearbeit bezeichneten, anfallenden Pflegeaufgaben. Ich habe selbst keine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Trotzdem stelle ich mir die Frage, welche Auswirkungen die Verschärfung der ungleichen Verteilung unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern hat. „Gender. Corona. Care.“ – mit diesem Dreiklang konturiert auch das Koordinationsbüro für Chancengleichheit unserer Universität einen Beitrag für die nahende Brandenburgischen Frauenwoche (März 2021). Wenn du jetzt einsteigst, können wir gern schon einmal eine Fahrt ins Thema wagen, um uns  vorab bereits „who cares?“  oder „Was bedeutet submission gap?“ zu fragen. Von Katja Schubel

Faszinierend an Lebensrealitäten ist ja irgendwie, dass sie im Format ziemlich flexibel sind. Geschehen dann relativ einschneidende Ereignisse, solche mit Lockdown-Charakter, dann haftet dem dennoch eine bemerkenswerte Facette an: Für einen Augenblick nämlich gleichen sich all jene Lebenswelten. All jene Welten, die noch zuvor so verschieden waren und es auch bleiben, es nur im Schockmoment eineiiger Befürchtungen und Ängste mal kurz vergaßen. Doch die Uhr tickt und ihre Silhouetten formen schnell schon einen alltagslosen Alltag – hinter verschlossener Tür. Und wo Türen zufallen,  da öffnen sich (manchmal) ganz neue Aussichten. Da geschehen Dinge, die von außen niemand vermuten würde. Und ich beziehe mich hier nicht nur auf den Anstieg häuslicher Gewalt (1) in den letzten Monaten, sondern auch darauf, dass wie – ganz nebenbei – alte Geschlechterrollen wieder zum Leben erwachen. Was sehen wir, wenn wir in ein paar Jahren in den Spiegel schauen? Wer ist diese Gesellschaft dann? Und wie buchstabiert sie Emanzipation, Fortschritt und Gleichberechtigung?

Normalität nach Nova

Wir alle erleben die Pandemie irgendwie seltsam gleich (und doch) divers. Die eigenen vier
Wände sind unterschiedlich lang und breit und hoch und soziale Distanz sehr
auslegungsbedürftig. Wer allein wohnt, vereinsamt oder bricht die Regeln. Wer einen zehn bis
gefühlt achtzehnköpfigen Hausstand hat (jedenfalls spricht die anfallende Wäsche für diese
Anzahl an Personen, habe ich mir sagen lassen), zerfällt in Abwasch und Carearbeit (2) von
häuslicher Arbeit zur Hausarbeit. Denn unter sich stapelnden Geschirr ragen Buchstaben angefangener Aufsätze hervor, die sich an Unverständnis für diese allgemeine Krisensituation schmiegen: Und Prokrastination mischt sich mit Kindergeschrei im Stockwerk drunter. Denn dort sitzt vielleicht wer, der/die zwar selbst keine Kinder hat – aber auch keine Motivation, um sich oder die Umgebung aufzuräumen. Der eigene Schreibtisch wird Abbild innerer Unzufriedenheit: Es häufen sich die Unterlagen, kongruent zerworfen und ins Chaotische zerteilt. Die Realität als Aliud – und weit und breit kein Kassenbon, um sie gegen das Davor einzutauschen.

Pflege ohne Lohn – vorwiegend weibliche Leistung

Schön ist, immerhin, dass Frau* ‚den Weg an den Herd‘ zurückfindet. Endlich, nach Jahren des ‚Abirrens‘. Dem abenteuerlichen Glauben erlegen, in ein für Männer gemachtes und einzig ihnen zustehendes Umfeld zu passen. Nach all den absurden Ideen, dass Frauen sich bilden können und die Erziehung der Kinder zwischen den dazu Berechtigten (und den dazu Ausgebildeten in Kitas und Schulen etc.) aufteilen sollte, siegt die Einsicht – so die Einen. Die Anderen, die sich nicht dem Antifeminismus (3) verschreiben, sind bestürzt: Ein Wiederfinden in den Normen althergebrachter Erwartungen, die sich zumeist unausgesprochen in der ungleichen Arbeitsteilung von Paaren spiegeln. Weibliche* Kraft, Nerven und Zeit liegen am Boden der Tatsachen, wie diese Metapher im Minenfeld des Abgekauten. 2020 – der absolute Rausch für all jene, die anhand des Geschlechts Kompetenzen und Aufgabenbereiche festmachen wollen: Traditionsrenaissance. Der Dank für die Übernahme der unbezahlten Tätigkeit? Kaum mehr denn Berührungen mit den Schuhsohlen der Wahrnehmung, welche sie auf eine perfide Art zu zertreten wissen: und der Topf mit den Zutaten für Geschlechtergerechtigkeit? Kurz mal nicht hingeschaut, schon mehr ausgekochte Phrase als ‚al dente‘.

Zerstäubter Fortschritt: Und historisch bedingte Strukturen lächeln hilfsbereit

Mütter am Limit. (Grafik: Katja Schubel)

Doch: Nur Fakten schaffen Wissen. Darum, darf ich vorstellen? Sie ist mir letztens begegnet und ich war äußerst verzückt davon, so sehr, dass ich weiß: Wir müssen sie loswerden, die Submission Gap (4). Das erste Mal trafen wir – sie und ich – uns im letzten Jahr, im April, um genau zu sein und die Sympathie war ganz auf keiner Seite. Im ersten Lockdown, am Anfang der Pandemie, sozusagen an der Schnittstelle zur einstigen Normalität, so weit liegt unser Kennenlernen zurück. Damals las ich den Bericht einer jungen Mutter und Sozialdemografin, Allessandra Minello, die, unter anderem, die Aufteilung von Hausarbeit und bezahlter Arbeit in Familien untersucht (5). Ihr wissenschaftlicher Fokus, so erläutert sie in dem Bericht, liege auf der Betrachtung der Gesellschaftsarchitektur. Mittlerweile fühle sie sich nun, als sei sie selbst zum Gegenstand ihrer eigenen Forschung geworden.  Warum? Weil sie als Wissenschaftlerin das Wissen nun – wie viele von uns Studierenden auch – von zu Hause schaffen muss, aber – wie nur einige von uns – auch als Mutter. “The next person who tweets about how productive Isaac Newton was while working from home gets my three year old posted to them!”, so leitet sie ihren Artikel ein. Seit die Universitäten geschlossen sind, hätte sie nämlich mehr Sonnenaufgänge gesehen, als je zuvor. Arbeit, das funktioniert für sie nur, wenn es still ist – was ihren Zweijährigen mit einer gewissenhaften Gleichgültigkeit erfüllt. Die Lösung: Früh – sehr früh – aufstehen.

Öffnet sich die Submission Gap?

Aber – anderen Eltern muss es doch auch so gehen? Mit dem zusätzlichen Stress, wenn zeitgleich zur Lohnarbeit kostenlos die Aufgaben von Mensa und Kita, Lehrer_in und Freund_in für die eigenen Kinder übernommen werden sollen. Diese Überlegung wird Ausgangspunkt ihrer Studie, denn sie will Daten: Vor allem unter dem Aspekt, dass Haus- und Pflegearbeit zumeist zur Aufgabe der Mütter gemacht wird: „So, what happens if both members of a heterosexual couple are at home? The greatest likelihood is that this will exacerbate gender inequality.“, schreibt Minello. Warum sie das glaubt? Für die Antwort darauf, komm doch etwa mit in den Haushalt eines verheirateten heterosexuellen Paars (6): Dort kann ich es dir am Beispiel erläutern. Ihr Kalender ist gefüllt mit der Übernahme von unbezahlter Sorgearbeit, vielleicht ungefragt, aber sie fühlt sich dafür verantwortlich, sich um die Plege zu kümmern. Was ihr von ihrer Arbeit bleibt sind halbfertige Ideen und die Forschung hängt in der Luft, neben Schürze und “ Schatz, was magst du essen“? Sein Tag hingegen besteht nun mitunter aus noch mehr Zeit dafür, sich voll und ganz der Wissenschaft zu widmen. Und dabei liegt dieser oder jene Auftrag für diese oder jene Fachzeitschrift unberührt oder unvollständig auf den Schreibtischen der eigenen Ehefrauen – vor allem in Beziehungen von zwei Personen, die in der Wissenschaft arbeiten (bei denen beide also grundsätzlich prima von zu Hause arbeiten könnten) ist es der Mann, der profitiert. Denn gerade im akademischen Arbeitssektor, in dem Karriere und Erfolg auf der Anzahl von wissenschaftlichen Produktionen basiert, hat es großen Einfluss, wenn Zeit und Konzentration am seidenen Faden hängen.

Es war einmal, es war noch nie, mit uns, liebe Gleichberechtigung

Öffnet das die Submission Gap? Es gab sie jedenfalls schon vor der Pandemie, je nach Fachbereich und Arbeitssektor unterschiedlich ausgeprägt. Vom Prinzip her dasselbe, wie die Gender Pay Gap (7) in der Wirtschaft. Nur, dass es in dieser Geschichte nicht um (bewiesene!) Gehaltsunterschiede, trotz gleicher Qualifikation zwischen den Geschlechtern, geht, sondern vom prozentual geringeren Anteil an Frauen* in der wissenschaftlichen Publikationsproduktivität handelt. Ob Politik-, Wirtschafts- oder Naturwissenschaften – es regiert ein geringerer Prozentsatz an Veröffentlichungen seitens weiblichen* Wissenschaftlerinnen. Und dann kommen die Herausforderungen der Pandemie hinzu. Monate verstreichen, sie befeuern diese Lücke. Auf anfängliche Skepsis gegenüber solcher „Behauptungen“, auf Stimmen, die Beweise fordern (doch Studien schreiben sich nicht unbedingt von allein) gibt es nun eine Antwort: Die Arbeit zweier Forscherinnen der University of Toronto lässt den Mythos zum Fakt werden (8).    Wer sich traut, und sich in allen Himmelsrichtungen ihrer Analyse unter dem Titel „Pandemic Penalty: The gendered effects of COVID-19 on scientific productivity“ umschaut, erkennt das wachsende Ausmaß der Submission Gap. Es handelt sich hier also nicht nur um eine bloße Vermutung (9). Es war also einmal, mit uns, lieber (steiniger) Weg zur Gleichberechtigung. Gerade besorgniserregend ist das auch unter dem Aspekt, dass Erstautor_innenschaft vor allem am Anfang einer wissenschaftlichen Karriere von hervorgehobener Bedeutung ist. (10)

Sag, Herr, denkst du nicht an sie? Von Klischee bis Krisenstab

Sollten dann nicht gerade Universitäten dann, wenn es darum geht im Shutdown Entscheidungen und Strategien zu finden, die Familienangelegenheiten mit bedenken? Schwierig. Denn die  homogen  Krisenstäbe, wie auch der unserer Hochschule es ist, strotzen vor männlichen Perspektiven und Anzugträgern. Anliegen wie Übernahme von Kinderbetreuung stehen hinten an, der Blick berührt sich nur aus Versehen, perlt ab: Lösungen, Maßnahmen, Anerkennung? En absoluto: Nada. Diese Aufgaben müssen aber dennoch erfüllt werden. Wie oben gezeigt, übernehmen die männlichen Verantwortungsträger_innen der Hochschule sie tendenziell eher nicht: Anders als bei diskriminierendem Sprachgebrauch (dem Nicht-Gendern als ignorantem Gewohnheitswohlfühltool), werden sie in ihren Maßnahmepapieren nicht mal „mitgemeint“, weil gar nicht angesprochen. Wirklichkeit ist, wie barfuß durch ein Feld mit Brennnesseln laufen. Aber vielleicht übertreibe ich auch. So sehr, wie ein bisschen Applaus auf Balkonen überteuerter Mitwohnungen ein angemessener Dank für Überstunden in risikobehafteten Berufen sein kann, die den (vorwiegend weiblichen) Rücken kaputtmachen, so schwer wiegt diese Übertreibung. Nein, die „Superheld_innen [sind] am Limit“ – und die Brandenburgische Frauenwoche im März nähert sich: Wo sich der Kegel des Scheinwerferlichtes endlich ihnen zuwenden wird. Nicht nur den Personen, die in der Wissenschaft tätig sind. Sondern allen. Und du bist herzlich eingeladen. Denn: If you don´t care for, (please) care about.

18. März 17.00-19.00 Uhr “Gender. Corona. Care. – Wer trägt Sorge?”, Online-Diskussionsveranstaltung mit Expert_innen aus Forschung und Praxis mit Dr. Käthe von Bose, Francis Seeck u. a., Anmeldung unter gba-referentin@uni-potsdam.de, weitere Informationen folgen unter https://www.uni-potsdam.de/de/gleichstellung/

 

(1) „Häusliche Gewalt nimmt vielerorts zu“, tagesschau, 12.07.2020,
https://www.tagesschau.de/inland/haeusliche-gewalt-corona-101.html.

(2) Synonym: Sorge-/ Pflegearbeit. (Unter anderem Thema der) Brandenburgische(n) Frauenwoche „Superheld*innen am Limit“ im März 2021. – https://www.frauenpolitischer-rat.de/veranstaltungen-brandenburgische-frauenwoche-2/

(3) Unbedingt Lesen: „Feindbild Emanzipation – Antifeminismus an der Hochschule“ (2019), AStA Frankfurt, https://asta-frankfurt.de/sites/default/files/dateien/feindbild-emanzipation-antifeminismus-hochschule/feindbildemanzipationweb2.pdf.

(4) Vorsicht – äußerst plumpe Platitüde, ist mit Fakten abzugleichen: „Jägerinnen in der Steinzeit“(Archäologischer Fund), Xenia Balzereit (taz), 05.11.2020, https://taz.de/Archaeologischer-Fund/!5726273/ .

(5)  „It Takes a Submission: Gendered Patterns in the Pages of AJPS1“ , Dolan, Kathleen; Lawless L., Jennifer, American Journal of Political Journal, 20 April, 2020;

“Women are getting less research done than men during this coronavirus pandemic” Frederickson, Megan ,The Conversation, 18. Mai 2020;  „The Pandemic and the Female Academic.“ Minello, Allesandra, Nature, 17. April 2020.

(6) Ich schreibe heterosexuell, weil die Datenerfassung rudimentär ist, binäre Geschlechterverhältnisse als (falsche) Prämisse hat und wenig Aussagen zu gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht.

(7) Das Statistische Bundesamt zum Gender Pay Gap 2019, 08. 12. 2020,
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/12/PD20_484_621.html.

(8) King, Molly, Frederickson, Megan, „The Pandemic Penalty“, https://www.unikonstanz.de/typo3temp/secure_downloads/109827/0/315ee3b807d83fb1ad1977f86e86345f49361605/King_Frederickson_2020_Pandemic_Penalty.pdf , dort auch zum Folgenden.

(9) Rusconi, Allessandra; Netz, Nicolai und Solga, Heike „Publizieren im Lockdown – Erfahrungen von Professorinnen und Professoren“ ,

Sugimoto, Cassidy R.; Vincent-Lamarre, Philippe; Larivière, Vincent, “The decline of women’s research production during the coronavirus pandemic”4 , Nature Index, 19. May 2020

(10) Siehe Fn. 5.

 

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