„Wir werden eben keine Nazis…“ – Premiere im Hans Otto Theater

Jeder stirbt für sich allein im Hans Otto Theater. (Foto: Thomas M. Jauk)

Zwei Menschen verteilen Postkarten und Briefe gegen das NS-Regime und bezahlen ihren Protest mit dem Leben. Ein Kommissar verhaftet einen Hochverräter und richtet sich selbst. Ein junges Paar bereut seinen Rückzug aus dem Widerstand und stirbt noch vor der Verhandlung – Das Hans Otto Theater spielt „Jeder stirbt für sich allein“. Von Angelina Streich.

Das imposante Bühnenbild verspricht ein gut choreografiertes Stück. Der verschachtelte Bau mit mehreren Ebenen und Nischen schafft durch Lichteffekte und Drehungen immer wieder neue Räume, die die verschiedenen Wohnungen und Plätze in und um die Jablonskistraße, aber auch das Gestapo-Revier und später die Gefängniszellen zeigen.

Ein stetiger Perspektivenwechsel springt in der Erzählung von einer Person zur anderen. Am Ende ist es die Geschichte von Gewissen und Verrat, von Widerstand und Kadavergehorsam, von Tod und Vernichtung. Der letzte Roman Hans Falladas malt ein düsteres Bild mit Figuren voller Misstrauen, einer vergifteten Gesellschaft, die nur das eigene Überleben interessiert und inmitten die Eheleute Quangel. Nach dem Tod ihres Sohnes an der Front beschließen sie, nicht mehr länger still zu sein. Sie wollen Postkarten schreiben, Postkarten gegen die Regierung, gegen den Krieg, gegen Hitler selbst. „Der erste Satz unserer ersten Karte wird lauten: Mutter! Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet…“

Der stille Protest von Otto und Anna

Die anfängliche Sorge, dass die Karten vielleicht etwas zu wenig Widerstand sind, weicht schnell der Vorstellung, die Finder_innen würden selbst so denken, wie Otto und Anna Quangel. Sie stellen sich vor, wie die Karten in den Fabriken und Häusern herumgereicht werden, wie sie immer mehr Menschen aufwecken, wie plötzlich Nachahmer_innen weitere Karten schreiben, ja sogar wie die Karten dem Führer persönlich vorgelegt werden. Doch auch die drohende Gefahr ist den beiden bewusst. Was sie da tun, könnte ihnen den Kopf kosten.

Das innere Ungleichgewicht zwischen Realität und Euphorie wird glänzend von Jon-Karre Kopp und dem neuen Gesicht Katja Zinsmeister gespielt. Beide sind in ihrer Darstellung nah am Roman, ihre Rollen bleiben trotz einer langen Ehe und der Verschwörung zum Widerstand einander distanziert. Eine fast schon unbeholfene Umarmung bleibt der einzige zärtliche Kontakt zwischen ihnen. Rund um das Arbeiter-Ehepaar spinnt sich nun das Stück zwischen den verschiedenen Personen, die sich nach und nach im Gefüge der Diktatur positionieren.

Der ewige Herumtreiber Enno Kluge ist das erste Opfer der Karten, die in den nächsten zwei Jahren von den Quangels in Berliner Hausflure gelegt werden. Nachdem seine Frau Eva ihm und dem Regime den Rücken gekehrt hat und aufs Land gezogen ist, lungert er mal hier mal dort herum. Ein Zufall bringt ihn mit den Karten in Verbindung und somit rückt er ins Visier des Gestapo-Kommissars Escherich, herausragend von Arne Lenk verkörpert. Dieser sucht den „Klabautermann“ mit erbittertem Willen und beinahe unheimlichen Gespür. Er hofft auf den einen Fehler, der den Kartenschreiber entlarvt. Druck bekommt er von Obergruppenführer Prall, einem linientreuen und zum Jähzorn neigenden SS-Funktionär.

Indes wird Otto Quangel beim Ablegen der Karten zunehmend leichtsinnig, bis er eines Tages von der ehemaligen Verlobten seines Sohnes, Trudel, beobachtet wird. Wenige Wochen später geschieht das Unvermeidliche: Otto Quangel verliert zwei Karten inmitten seiner Werkstatt und kann nur noch den Ahnungslosen spielen. Doch die Stunde Escherichs hat geschlagen. Er hat den „Klabautermann“.

276 Karten, 9 Briefe

Die Potsdamer Inszenierung in einer Fassung von Dramaturg Christopher Hanf und Regisseurin Annette Pullen tritt wiederholt aus dem dramatischen Werk heraus und verschafft damit den Zwischentönen und Erklärungen des Romans Raum. Nicht immer passen Erzählung und Handlung zusammen, doch es entstehen teils gut gemachte Situationen, die vom Ensemble ausgespielt werden. Pointiert wechseln Erzählung und Dialog, Erklärung und Spiel. Falladas derbe, naive Sprache verliert trotz Dialekt nichts von seiner Aussagekraft.

Die Textfassung ist auf die wesentlichen Handlungsstränge um die Quangels heruntergekürzt; die Familie Persicke, der Pastor, Dollfuß und fast alle Beteiligten der Verhandlung fehlen in dieser Fassung. Dass der Richter Feisler dann doch nicht mehr als fünf Minuten auftritt und in dieser Zeit eine ekelhafte Hasstirade ins Mikro brüllt, ist enttäuschend für diejenigen, die den Schauprozess im Roman erwartet hatten. Andreas Spaniol spielt seine anderen Rollen im Stück (Kammergerichtsrat Fromm, Grigoleit, Prall) hier um einiges ausdifferenzierter.

Nichtsdestotrotz ist das Stück äußerst sehenswert, wenngleich mit über drei Stunden dem Publikum gehöriges Sitzfleisch abverlangt wird. Der Theaterabend endete mit einem minutenlangen Applaus und einer Frage, die wohl jede Person im Publikum nach dieser Vorstellung im Herzen trug: Was hätte ich getan?

Die nächsten Vorstellungen finden an folgenden Tagen statt: Sonntag, 21.04., 18 Uhr und Freitag, 03.05., Donnerstag, 09.05, Freitag, 10.5. jeweils 19.30 Uhr mit einer Werkeinführung um 18.45 Uhr. Karten und weiter Infos findet ihr hier.

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