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Einsteinturm

Der Einsteinturm auf dem Telegrafenberg in Potsdam (Foto: Astrophysikalisches Institut Potsdam)

Wer auf dem Telegrafenberg in Potsdam spazieren geht, stößt unweigerlich auf den Einsteinturm. Das sonderbare Bauwerk des Architekten Mendelsohn zieht mit seinen Formen und Konturen die Blicke auf sich. Es gilt als eines der Meisterwerke der modernen Architektur. Die Geschichte des Gebäudes ist dabei mindestens genauso interessant wie sein Anblick selbst. Von Morris Hoffmann.

Die Idee

“Auf theoretischem Wege lässt sich da nichts machen”, soll Albert Einstein über seine Relativitätstheorie gesagt haben. In den 1910er Jahren stand die wissenschaftliche Welt der neuen Theorie Einsteins zunächst skeptisch gegenüber und forderte daher die Theorie experimentell zu überprüfen. Einer der vorhergesagten Effekte war die Rotverschiebung des Lichtes im Schwerefeld der Sonne. Einstein behauptete, dass Licht eine Masse besitzt. Folglich müsste Licht, das von der Sonne ausgeht, ebenso gegen das Schwerefeld des Sterns ankämpfen müssen wie alle anderen Körper mit einer Masse auch. Wenn es dabei Energie verliert, sollte sich das Licht rötlich verfärben. Könnte man diese Rotverschiebung messen, wäre das also ein Beweis für die Relativitätstheorie. Doch um das nachzuweisen, brauchte Einstein ein hochmodernes und gut ausgestattetes Observatorium.

Die sonderbaren Formen des Einsteinturms ziehen die Blicke auf sich. (Foto: Jean-Pierre Dalbéra)

Zunächst fragte Einstein das preußische Kultusministerium an, bat um finanzielle und personelle Unterstützung. Doch wegen des noch andauernden 1. Weltkrieges konnte dieser Bitte nicht entsprochen werden. In diesen Tagen meldete sich ein alter Bekannter Einsteins: Der Astrophysiker Erwin Finlay Freundlich. Freundlich arbeitete zu jener Zeit an der Berliner Sternwarte mit Sitz in Babelsberg. Er war von der Relativitätstheorie überzeugt. Zusammen mit Einstein plante er ab 1917 ein Observatorium, das für die speziellen Messungen geeignet war.

Um das fehlende Startkapital zu besorgen, rief er eine Spendenaktion, die „Albert-Einstein-Spende“, ins Leben. In allen deutschen Tageszeitungen wurde 1919 zur finanziellen Großzügigkeit für die Wissenschaft aufgerufen. Und der berühmte Name Einstein zeigte seine Wirkung. Viele Industrielle unterstützten das Projekt. Aber nicht nur Geld wurde angeboten. So spendete zum Beispiel die Firma Carl Zeiss Jena optische Anlagen im Wert von 300.000 Mark.

Nun war der Astrophysiker Freundlich auf der Suche nach einem_r Architekten_in, der_die das Vorhaben realisieren konnte. Seine Wahl fiel auf einen Freund der Familie. Der Architekt Erich Mendelsohn hatte in Berlin und München Architektur studiert und den Wissenschaftler bereits durch seine Frau kennengelernt. Denn der Astrophysiker Freundlich verband mit Luise Mendelsohn das gemeinsame Musizieren am Cello. So kam es, dass Mendelsohn den Auftrag erhielt, das Projekt Einsteins und Freundlichs Realität werden zu lassen.

Der Bau 

Zwischen 1920 und 1922 entstand auf dem Telegrafenberg in Potsdam ein Observatorium mit einer für seine Zeit hypermodernen Bauweise. Mendelsohn selbst ordnete sein Werk der Organischen Architektur zu. Damit wollte er ausdrücken, dass das Gebäude vor allem eine Unterordnung der Form gegenüber der wissenschaftlichen Funktion darstellt. Mendelsohn erklärte: “Ich übertrage zum ersten Mal Funktion und Dynamik als Gegensatzpaar auf das Gebiet der Architektur.”

Zwei Jahre nach der Beendigung der Arbeiten an dem Gebäude waren schließlich auch alle notwendigen wissenschaftlichen Geräte installiert. Das Observatorium konnte am 6. Dezember 1924 in Betrieb genommen werden. Einstein selbst leitete im Arbeitsraum des Observatoriums die erste Sitzung. Nicht verwunderlich ist, dass die Bezeichnung “Einsteinturm” für das kuriose Bauwerk schnell allgemein üblich wurde.

Mendelsohn ordnete den Einsteinturm dem Stil der Organischen Architektur zu. (Foto: Jean-Pierre Dalbéra)

Die Enttäuschung 

Nach all den Jahren galt es nun endlich die Relativitätstheorie Einsteins zu beweisen. Erwin Freundlich machte sich an die Arbeit und suchte in den Spektrallinien des Sonnenlichts nach der vorhergesagten Rotverschiebung. Doch er konnte sie nicht finden. Die Linien zeigten keinerlei Verschiebung hin zum roten Farbspektrum.

Die Enttäuschung Einsteins und Freundlichs war mehr als verständlich, das ehrgeizige Vorhaben zunächst gescheitert. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis der Grund für das Fehlen der Rotverschiebung aufgeklärt wurde. Das Problem: Während der Messungen der Physiker im Einsteinturm herrschten auf der Sonne atmosphärische Turbulenzen. Diese verschoben die Farbe des Sonnenlichts ins Blaue, sodass dass die gesuchte Rotverschiebung nicht zu sehen wahr. Einstein und Freundlich hatten also nie die Möglichkeit, den Effekt zu messen.

Erst 1959 konnten die roten Farben in den USA beobachtet werden und der Beweis für die Theorie Einsteins erbracht werden. Doch dann war es schon zu spät: Bereits 1919 hatte der britische Astronom Arthur Eddington bei einer Sonnenfinsternis einen anderen Effekt der allgemeinen Relativitätstheorie bewiesen und somit den Durchbruch für Einstein ermöglicht.

Das Heute

Seit den Tagen Einsteins und Freundlichs sind viele Jahrzehnte vergangen und noch viel mehr ist passiert. Im Zweiten Weltkrieg explodierte eine Luftmine in der Nähe des Einsteinturms und beschädigte das Gebäude. Nach der Wiederherstellung 1950 folgte in den Jahren 1997 bis 1999 die bisher gründlichste Sanierung mit Kosten von etwa drei Millionen Euro. Mitllerweile wird das Teleskop noch zur Erstellung von Magnetfeldkarten der Sonne sowie zur Ausbildung von Studierenden genutzt. Heute gehört es zum Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, dessen Hauptsitz in Babelsberg ist – in dem Gebäude, in dem vor 100 Jahren Erwin Finlay Freundlich den Bau des Einsteinturms plante.

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