Das Mädchen im Wald: Auf der Premiere von „Bilder deiner großen Liebe“ im Hans Otto Theater

Nina Gummich spielt die Hauptfigur Isa in "Bilder deiner großen Liebe" (Foto: HL Böhme)
Nina Gummich spielt die Hauptfigur Isa in „Bilder deiner großen Liebe“ (Foto: HL Böhme)

Mit den Büchern „Im Plüschgewitter“, „Sand“ und „Tschick“ wurde Wolfgang Herrndorf zu einem der bedeutendsten Literaten der Gegenwart. Er überzeugte Kritiker und Publikum mit seiner klaren, schnörkellosen Sprache. Sein letztes, unvollendetes Werk feierte am 22. Januar Premiere im Hans Otto Theater. Wolfgang Herrndorf nahm sich im August 2013 das Leben. Von Angelina Schüler.

Wir kenne sie alle: die Ausreißer. Die Holden Caulfields und Huckleberry Finns unter uns, die den Mut besitzen, einfach wegzugehen und das Leben geschehen lassen. Wolfgang Herrndorf hat mit seiner Figur der Isa eine weitere Ausreißerin geschaffen, die aus einer psychiatrischen Klinik ausbricht und nach einem Gefühl von früher sucht. In der Bearbeitung von Robert Koall wurde ihre Geschichte nun im Hans Otto Theater aufgeführt. Bereits 2012 wurde der Erfolgsroman „Tschick“ hier gespielt – ein Jahr bevor Herrndorf sich dazu entschied, seinem Leben und dem jahrelangen Kampf gegen einen Gehirntumor ein Ende zu setzen.

Auf der Suche und Flucht

Isa, das Mädchen, das aus einer Klinik ausbricht und in den Wald läuft, wird von Nina Gummich mit viel Energie und Hektik gespielt. Isa ist laut, frech und in ihrer kindlichen Naivität fast philosophisch. Sie erzählt immer wieder von ihrem Vater, der irgendwie aus ihrem Leben ging. Wann und warum, bleibt ihr verborgen. Sie stellt sich vor, dass er starb. Dabei scheint die Beziehung ihrer Eltern einfach in die Brüche gegangen zu sein. Diese Möglichkeit zieht Isa jedoch nicht in Betracht, denn das würde ihrer Vorstellung einer heilen Welt widersprechen.

Isa läuft lieber weg und trifft auf ihrem Weg immer wieder auf Vaterfiguren und Vertraute, denen sie folgen will. Der Binnenschiffer mit krimineller Vergangenheit, der einsame Schriftsteller, die zwei Jungs Maik und Tschick. Sie bleibt immer bei den Lebenden und flüchtet vor den Toten. Isa verkörpert die Sehnsucht der jungen Menschen, die orientierungslos durch ihr Leben stolpern. Ihr Halt ist das Tagebuch, in dem sie ihre Gedanken notiert. Ihre Träume, Vorstellungen und Trugbilder sind oftmals nicht mehr von der Realität zu trennen. War der Jäger wirklich tot? Gab es den Jungen mit den Fröschen tatsächlich?

Isas Schicksal wirft die Frage nach einer optimierten Gesellschaft auf, die „Verrückte“ wegsperrt und heilen will. Aber wer sind die Verrückten in der Welt? Erich Fromm ging davon aus, dass es die Normalen und Angepassten sind, die in dieser Welt die wirklich Verrückten sind. Und neue Therapien und Medikamente kann nicht die Rettung für diejenigen sein, die außerhalb dieser Welt stehen, weil sie nicht anders können oder nicht anders wollen.

Immer wieder allein

Im Kontrast dazu gibt es die Figur des Mannes – mit viel Feingefühl gespielt von René Schwittay –, der alle anderen Personen darstellt, die Isa trifft. Auch diese Rollen sind außerhalb der Gesellschaft, sind verrückt oder einfach nur einsam. Isa klammert sich an die gemeinsamen Stunden mit dem ehemaligen Bankräuber Max Hiller, dem nichts geblieben ist von seinem Ruhm und dem erbeuteten Geld. Sie klammert sich an die zwei verrückten Jungs mit ihrem geklauten Auto, die dann doch wegfahren und sie wieder allein lassen. Der Mann hilft ihr, erzählt seine Geschichten und unterstützt Isa dabei, ihre zu erzählen. Dabei kommen die beiden nie aus dem kalten Bühnenbild heraus, das wie die Eingangshalle der Klinik anmutet, aus der Isa geflohen ist. Nur ab und zu öffnen sich die Türen zum Wald, in dem es weitläufig und schön zu sein scheint.

Das Team um Regisseur Tobias Wellemeyer hat mit dieser Produktion dem Romanfragment alle Ehre erwiesen. Mit der atmosphärischen Musik und den langen, aber kunstvollen Monologen von Isa bekommt das Publikum den Eindruck, nicht nur ein junges Mädchen bei der Flucht, sondern auch beim Erwachsenwerden zuzuschauen. Hinter den Gesichtern der Spielenden erblickt man manchmal das scheue Abbild eines Mannes, der ehrlich und pragmatisch mit seiner Krankheit und dem vermeintlichen Ruhm umgegangen ist. Es lohnt sich, diese Vorstellung zu besuchen. Auf dem Nachhauseweg wird der Nachthimmel verändert sein.

Wir beglückwünschen das Hans Otto Theater für diese gelungene Premiere.

Die nächsten Vorstellungen von „Bilder deiner großen Liebe“ finden statt am 30. Januar, am 20. Februar, jeweils 19.30 Uhr und am 21. Februar 18.00 Uhr. Hans Otto Theater, Reithalle. Weitere Informationen: www.hansottotheater.de.

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