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campusKULTUR Featured Ganz vorn — 04 Dezember 2018

Blick in die Marie-Juchacz-Straße im Potsdamer Kirchsteigfeld. Niedrige Mehrfamilienhäuser und Einfamilienhäuser prägen hier das Straßenbild. (Foto: Julia Hennig)

In der fünften Folge unserer Reihe “Mehr als nur ein Name” über die Geschichte der Potsdamer Straßennamen nehmen wir euch mit ins Potsdamer Kirchsteigfeld. Das besondere an diesem jungen Stadtteil ist, dass hier die meisten Straßennamen nach Frauen und nicht wie sonst überwiegend Männern benannt wurden. Im Fokus unseres Artikels steht die Namensgeberin der Marie-Juchacz-Straße, die nach der Einführung des Frauenwahlrechts am 12. November 1918 als erste Frau in einem deutschen Parlament am 19. Februar 1919 eine Rede hielt und im gleichen Jahr die Arbeiterwohlfaht (AWO) gründete. Von Julia Hennig.

Das Kirchsteigfeld: Junger Stadtteil im Südosten Potsdams

Auf einer Fläche von fast 59 Hektar liegt das Kirchsteigfeld, das man mit den Tramlinien 92 und 96 in rund 20 Minuten vom Potsdamer Hauptbahnhof aus erreicht. Der von den Stadtplanern Christoph Kohl und Rob Krier von 1991 bis 1997 entwickelte Stadtteil gehört zu den größten Wohnungsbauvorhaben nach 1990 in den neuen Bundesländern. Auf dem bisher unbebauten Gelände sollte ein neuer Stadtteil realisiert werden, um die starke Nachfrage nach Wohnraum zu befriedigen.

Der Name leitet sich aus dem überlieferten Flurnamen des landwirtschaftlich genutzten Geländes ab, über das eine Wegeführung zur Dorfkirche in Drewitz führte. Ziel des Bauprojekts war, eine “Stadt der kurzen Wege” und kein reines Wohngebiet zu schaffen. Dabei sollten Läden, Gaststätten, Schulen, Kindergärten sowie Freizeit- und Sportanlagen parallel zum Wohnungsbau von sozialen und frei geförderten Wohnungen entstehen. Die Geschichte des Stadtteils kann in dem Buch “Potsdam Kirchsteigfeld. Eine Stadt entsteht” von Rob Krier und Christoph Kohl aus dem Jahr 1997 aus der Sicht der am Bau beteiligten Personen nachgelesen werden.

Die Versöhnungskirche im Kirchsteigfeld, am 30. November 1997 eingeweiht. (Foto: Julia Hennig)

Den Mittelpunkt des Stadtteils bildet, für einen neuen Stadtteil in einem neuen Bundesland ungewöhnlich, die Versöhnungskirche der evangelisch-methodistischen Gemeinde. In dem kirchlich-kommunalem Zentrum befinden sich auch Vortragsräume der Volkshochschule, eine Bibliothek und der “Stadtteilladen” als Bildungs- und Begegnungszentrum des Stadtteils. Neben der Kirche ist auch der einzige Supermarkt REWE im Stadtteil, der dort nach einem anderthalb Jahre dauernden Leerstand im August 2017 einzog. In einem Gespräch mit der MAZ im September 2016 beklagte der Stadtplaner Christoph Kohl den “Mangel an Kaufläden, Künstlern und Kiezkneipen”. Außerdem wurde ein Teil seines Projektes nicht verwirklicht, da er auf der Brache bis zur A 115 ein Gewerbegebiet mit bis zu 5.000 Arbeitsplätzen ansiedeln wollte. Alternativ könne er sich aktuell aber auch Wohnungsbau vorstellen, um den Stadtteil mit mehr Bewohner_innen zu beleben.

Marie Juchacz: “Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin”

Marie Juchacz wurde am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen, rund 80 Kilometer nordöstlich von Frankfurt an der Oder gelegen, geboren. Sie wuchs als Tochter eines Zimmermanns mit zwei Geschwistern in bescheidenen, aber liebevollen Verhältnissen auf. Den Zugang zur Bildung in Form von Büchern und Zeitungen erhielten ihre jüngere Schwester Elisabeth und sie durch ihren Vater sowie ihren älteren Bruder Otto. Nach ihrem Besuch der Volksschule arbeitete sie zunächst in der brandenburgischen Landirren-Anstalt und besuchte später Kurse in Weißnähen (Wäsche nähen) und der Schneiderei. Anschließend arbeitete sie in der Werkstatt des Schneidermeisters Bernhard Juchacz, den sie im Jahre 1903 heiratete und mit dem sie ihre beiden Kinder Lotte und Paul bekam.

Drei Jahre später trennte sie sich jedoch von ihrem Mann, nachdem dieser sie nach einer Auseinandersetzung geschlagen hatte. Sie zog zusammen mit ihrer Schwester und ihren beiden Kindern zu ihrem Bruder Otto nach Berlin. Dort engagierten sich die beiden Schwestern politisch und hielten Reden über die Lage und Rechte der Frauen. 1913 wurde Marie Juchacz schließlich bezahlte Frauensekretärin der SPD in Köln, 1917 Zentrale Frauensekretärin der SPD in Berlin. Während des ersten Weltkriegs engagierte sie sich in den Aktionen und Hilfsprojekten der Nationalen Frauengemeinschaft für Köln, die eine Verbesserung der Lage der Frauen zum Ziel hatte. Das Besondere an dieser Gemeinschaft war, dass sich in ihr bürgerliche und sozialdemokratische Frauen zusammenschlossen, um ihre Situation gemeinsam zu verbessern.

Geprägt durch ihre Erfahrung in der staatlichen und privaten Fürsorge rief sie am 13. Dezember 1919 den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt (AWO) beim Parteivorstand der SPD ins Leben und übernahm deren Vorsitz, um dadurch die staatliche Fürsorge zu verbessern. Daneben betätigte sie sich politisch als SPD-Mitglied und zog zusammen mit ihrer Schwester und 35 anderen Frauen als Abgeordnete in die Weimarer Nationalversammlung ein. Von 1920 bis 1933 gehörte Marie Juchacz als SPD-Abgeordnete dem Reichstag an und setzte sich dort für sozialpolitische Fragen ein. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh sie zunächst ins Saarland, dann über Frankreich in die USA. 1949 kehrte sie schließlich nach Deutschland zurück und widmete sich dort bis zu ihrem Tod als Ehrenvorsitzende der Arbeit für die Arbeiterwohlfahrt.

100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland

Am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Frau in einem deutschen Parlament ihre berühmte Rede und betonte hierin: “Ich möchte hier feststellen, und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.” Denn am 12. November 1918 wurde den Frauen durch den Rat der Volksbeauftragten das aktive und passive Wahlrecht zugesprochen.

Bei den anstehenden Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung in Weimar machten 82% der Wählerinnen von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Während die Wählerinnen ihre Stimme überwiegend den konservativen Parteien gaben, waren die meisten Parlamentarierinnen Abgeordnete der SPD. Insgesamt betrug der Anteil der weiblichen Abgeordnetinnen 9,6% – ein Wert, der erst 1983 im deutschen Bundestag mit einem Anteil der weiblichen Abgeordneten von 9,8% überboten wurde. Mehr zur langen Geschichte des Frauenwahlrechts erfahrt auf der Seite des Digitalen Deutschen Frauenarchivs.

Das Frauenwahllokal: ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft

Blick in die Ausstellung im oberen Stockwerk des Cafés “Eva’s Sünde” in der Dortustraße 22 (Foto: Irene Kirchner)

100 Jahre Frauenwahlrecht: Dieses Ereignis nahm die parteiübergreifende Initiative in Trägerschaft des Autonomen Frauenzentrums Potsdam e.V. zum Anlass, um der Geschichte des Frauenwahlrechts mit dem Bezug zu Potsdam eine Ausstellung zu widmen. 100 Tage lang soll die Ausstellung von der Eröffnung am 23.11.2018 mit einer Winterpause im Januar und Februar 2019 über eine Wiederöffnung am 8. März 2019 bis zur großen Finissage am 26. Mai 2019 geöffnet haben. Die Besucher_innen können sich im Café Evas Sünde anhand der Geschichte von engagierten Frauen, darunter auch Potsdamer_innen, über die Entwicklung des Frauenwahlrechts informieren.

Neben einem Blick in die Vergangenheit soll es aber mit Hinblick auf die kommenden Kommunal-, Landtags- und Europawahlen im nächsten Jahr auch Veranstaltungen mit Vertreter_innen der Potsdamer Parteien geben. Hier können sich interessierte Frauen am 7. Dezember um 18 Uhr informieren, wie sie auf die Liste der Parteien kommen und am 10. März sowie an den folgenden drei Sonntagen um 10:30 Uhr an einem Kommunalen Kandidatinnen-Frühstück/Speedmentoring teilnehmen. Das Frauenwahllokal bietet also die Möglichkeit, einen entspannten Cafénachmittag mit einer kleinen Geschichtsstunde zu verbinden. Mehr Infos zum Frauenwahllokal bekommt ihr hier.

Mehr zu den Geschichten der Potsdamer Straßennamen erfahrt ihr im Buch “Die Straßennamen der Stadt Potsdam. Geschichte und Bedeutung” von Klaus Arlt aus dem Jahre 2010. Die bisher erschienenen Artikel zur Dortustraße, Hermann-Elflein-Straße, Kiepenheuerallee und Kaiser-Friedrich-Straße findet ihr hier. Für die nächsten Artikel unserer neuen Reihe suchen wir noch eure Ideen und Vorschläge: Die Geschichte welcher Straßen wolltet ihr schon immer erfahren? Schreibt uns euren Wunschstraßennamen per Facebook, Twitter, Instagram oder Mail an redaktion@speakup.to

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