Willkommen in der Hölle

Ein berechtigter Verriss des vielleicht widerlichsten Bundesstaates der USA. Von Denis Newiak

Kurz bevor ich meine Schwester nach Houston in Texas zu einem Kongress begleiten wollte, hatte ich mich erkältet. Es war fast so, als wollte mich die folgende Schwäche von meiner Reise abhalten. Doch ich fuhr trotzdem.

Auf die drei Tage in Texas größter Stadt hatte ich mich gefreut, an gutgelaunte Cowboys mit Lassos und Hüten gedacht, den Sound eines Countrysongs im Ohr, während ich über einen Highway der Sonne entgegen fahren und nur kurz für ein paar Stunden Schlaf im gemütlichen Motel unterkommen würde. Das alles hat sich als lächerliche Romantik herausgestellt, der ich mich nie wieder hingeben werde.

Houston, wir haben ein Problem. Die Stadt ist bekannt für das NASA-Kontrollzentrum. Laut Wikipedia gibt es dort auch „hervorragende biomedizinische Forschung“. Dafür mangelt es dem Ort an Menschenwürde. Gewagte Aussage? Abwarten.

Als wir in die Stadt einfahren, verschlingen uns die Hochhäuser. Es sind keine Hochhäuser wie in New York, die einem das Gefühl geben, dass sie leben, sondern solche, die einen erdrücken mit ihrer Kälte. Die Stadt ist wie ausgestorben, kaum ein Mensch ist auf der Straße, dabei befinden wir uns abends im Zentrum. Alle Geschäfte sind geschlossen, selbst der McDonald’s hat schon um sieben zugemacht. Auf unserer Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit begegnen uns zwei Leute: Einer fragt nach „Change“ (ein paar Dollar), der andere sagt uns, dass es in der Nähe keinen Supermarkt gibt – mitten in der Innenstadt? Er schickt uns zu einer Touristenfalle, wo es fast nichts gibt. Wir geben uns mit einer Packung Tee zufrieden, mit dem ich die wachsenden Halsschmerzen bekämpfen möchte. Honig gibt es keinen. Ich schlafe schlecht, wache schweißgebadet auf und huste mir die Seele aus dem Leib.

Am nächsten Morgen hoffe ich, dass sich der Tag der Ankunft als reines Pech entpuppt, dass sich der Ort einfach nicht gut präsentiert hat oder wir zu müde waren, um seine Schönheit zu erkennen. Doch die ganze Pracht der Hässlichkeit präsentiert sich uns erst im Tageslicht. Die Friteusen laufen auf Hochtouren und nebeln die staubigen Straßen mit widerlichen Fettgestank und stickiger Hitze ein.

Gut, dass ich sowieso nur noch durch den Mund atmen kann. In einem Einkaufszentrum treffe ich meine Schwester, um mit ihr in den Supermarkt zu gehen, doch außer einer heruntergekommenen Drogerie mit ein paar Oreo-Keksen finden wir nichts. Nur die überteuerten Bananen bei Starbucks wirken vertrauenswürdig. Aus Verzweiflung setzen wir uns an einen Plastiktisch und nehmen einen Snack zu uns: versalzener Salat mit Presshühnchen und Fischteilen, was alles nach Panade schmeckt. Zu zweit haben wir mit einer Mahlzeit ein viertel Kilo Müll fabriziert, die nicht essbaren „Speise“-Reste nicht eingerechnet. Die aufdringliche 70er-Jahre-Musik, die wie im schlechten Film die Kaufwütigen zum Konsum anheizen soll, schlägt uns in die Flucht. Natürlich hätten wir auch im Hotel oder einem edlen Restaurant essen können, doch das muss man sich leisten können.

Wir suchen den Ort auf, der als der einzig würdige wirkt: Eine Buchhandlung. Doch außer Biografien von Landesstolz Bush, Büchern mit Titeln wie „Art of War“ und einer ganzen Etage mit Bibeln in verschiedensten Ausführungen und entsprechendem Zubehör (ja, zu Bibeln gibt es hier Zubehör…) finden wir hier nichts – noch nicht einmal einen Fremdenführer zu Texas oder Houston! Zur Erinnerung: Das ist der Ort, in dem wir uns gerade gedanklich befinden. Doch wovon sollte man auch in so einem Reiseführer schreiben, wo es doch hier nicht einmal einen Supermarkt gibt? Bei dem Gedanken kommt uns die Panade hoch.

Die Halsschmerzen haben mir inzwischen die Stimme geklaut. Dieser Ort macht sprachlos. Und machtlos.

Der letzte Tag: Wir haben nicht aufgegeben. Unsere Suche nach einem Supermarkt führt uns in eine Kaufhalle, die erst vielversprechend aussieht. Doch die Klischees bestätigen sich: Jeweils ein Regal mit Keksen, mit Chips und mit Cola. Die Kosmetikabteilung nimmt zwei Drittel der Ladenfläche ein. Abgefülltes Wasser kostet das doppelte wie Limonade. Vor Hunger und Hoffnungslosigkeit werden wir wütend und gereizt. Als wir zufällig einen „Food Store“ entdecken, schöpfen wir zum letzten Mal Hoffnung – vergebens. Kekse, Chips, Cola. Auf dem Rückweg gehen wir an einem Fastfood-Laden vorbei: „Cooper’s Express“ – Ein Huhn mit menschlichem Gesicht guckt vor einem Berg von grauen frittierten Hähnchen- Leichenteilen hervor. Während ich das hier schreibe, glaube ich selbst kaum.

Am Tag der Rückfahrt denken wir nur an eines: Die Rückfahrt. Und an die Angst, den Flug zu verpassen. Als sich eine Stunde lang kein Bus zum Flughafen blicken lässt, steigen wir ins Taxi. Am Ende der Tour sagt der Fahrer: „Ich bin Demokrat. Die Republikaner wollen unsere Kinder verhungern lassen.“ Wir applaudieren ihm – und schöpfen Kraft. Ich fühle mich besser.

FAKTEN ZU TEXAS:

In Texas und 19 anderen US-Bundesstaaten ist das „Paddling“ an Schulen erlaubt. Dabei werden Kinder durch Schläge auf das Gesäß gezüchtigt. Texas ist unter den Top-5-Staaten mit den meisten Paddlings.

Ein Drittel aller Vollstreckungen der Todesstrafe in den USA findet in Texas statt.

In Texas leben so viele Kinder ohne Krankenversicherung (14 Prozent) wie in keinem anderen US-Bundesstaat.

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