Kommentar: Garnisonkirche wäre Mahnmal

Die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ kämpft mit Unterstützung der Studierenden gegen den Wiederaufbau der Kirche – hier auf dem Campus Golm. (Foto: Alicia Mettig)
Die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ kämpft mit Unterstützung der Studierenden gegen den Wiederaufbau der Kirche – hier auf dem Campus Golm. (Foto: Alicia Mettig)

Im Streit um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche bildet sich reger Widerstand, der die Meinungen der Bürger spaltet. Einige Argumente der Aufbaugegner sind nachvollziehbar, andere jedoch lassen Sachlichkeit vermissen und beschränken sich allzu oft an der Zuweisung einer Symbolik. Politisches Engagement und demokratisches Bewusstsein sind schön und gut – aber bitte mit qualifizierten Argumenten. Von Marius Nellinger

Der „Tag von Potsdam“ ging in die Geschichte ein. Am 21. März 1933 wurde die Garnisonkirche von dem kürzlich gewählten NS-Regime im Zuge der konstituierenden Sitzung des Reichstags instrumentalisiert, als Hitler und Hindenburg aufeinander trafen. Das Bild des Handschlages zwischen dem neuen Reichskanzler und dem Reichspräsidenten wurde als Bündnis der alten Ordnung, also dem monarchischen, konservativen Preußen mit den Nationalsozialisten interpretiert. Die erste große Inszenierung eines nationalsozialistischen Akts, er könnte nun der Garnisonkirche zum Verhängnis werden. Das Hauptargument der Aufbaugegner ist der „Tag von Potsdam“. Die Kirche verkörpere Militarismus, Krieg und Nationalsozialismus, so die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“.

Der Grund war, dass kurz zuvor der Reichstag brannte und ein alternativer Versammlungsort gebraucht wurde – die Garnisonkirche wurde auserwählt. Als Antwort auf den Brand wurde die Reichstagsbrandverordnung erlassen. Mit ihrer Hilfe und der des Ermächtigungsgesetzes wurden die Grundrechte beseitigt und das Parlament ausgeschaltet. Dies bedeutete den Tod der Demokratie. Dafür steht auch symbolisch die niedergebrannte Reichstagskuppel. Jedenfalls, wenn man der Logik der Initiative folgt. Und nach der selben hätte man niemals die Kuppel wiedererrichten dürfen. Nein, das wäre doch wirklich absurd, und genauso ist es im Falle der Garnisonkirche. Deshalb gilt das Argument der Initiative nicht. Die Gegner machen es sich zu einfach.

Stattdessen arbeiten sie mit Unterstellungen und bloßen Behauptungen. Woher möchten sie wissen, dass niemand diese Kirche braucht? Und dass die Touristen ob der „pseudo-historischen Fassaden“ in der Stadtmitte irritiert sein und Potsdam meiden werden, scheint auch mehr Angstmacherei als Fakt zu sein. Dass, nachdem die Kirche errichtet würde, die gesamte Innenstadt umgestaltet und keine Diversität mehr haben wird, bedarf auch enormen Fähigkeiten in die Zukunft zu schauen.

Die Initiative würde sich selbst einen großen Gefallen tun, wenn sie sich auf ihre wahren Argumente berufen würde: Dass die Finanzierung schleppend verläuft und eventuell Steuermittel hinzugezogen werden müssten; oder, dass die Mietsituation schlecht aussieht und Wohnungen vielleicht dringender gebraucht würden. Warum setzen die Gegner so stark auf das Militarismus-Argument? Haben sie sonst zu wenig andere Argumente oder vertrauen sie ihren eigenen nicht genug?

Lieber wird sich der Symbolkraft und damit eines Vorteils bedient: der Macht des Bildes. Es ist das Bild des Reichskanzlers und des -präsidenten, die sich die Hände schütteln. Vergangenes vor über 80 Jahren dient heute als abschreckendes Argument. Mehr nicht. Die Initiative schürt die Angst, dass mit der Kirche ein Wallfahrtsort für Neonazis geschaffen und ihre fatale Symbolik zu dominant in der Stadtmitte sei, mit ihrem alles überragenden Turmbau. Er soll 88m hoch sein. Bloßer Zufall? So wird der Diskurs emotionalisiert und plakativ gestaltet, statt sachlich diskutierend. Die Verbindung von 1933 zu heute ist für die Diskussion nicht hilfreich.

Zweifelsfrei würde sich die Garnisonkirche hervorragend in die bestehende Kulturlandschaft einfügen. Sie gehört zur Identität Potsdams. Viele Touristen bewundern diese Stadt für ihr großes, zusammenhängendes Ensemble an Schlössern, Parks und eben auch Kirchen. Dazu muss die Stadt stehen.

Denn: Was kann eigentlich die Kirche dafür, was sich in ihr vor über 80 Jahren abspielte? Richtig, das Bauwerk hat sich dies nicht ausgesucht. Gerade durch ihre Geschichte kann sie jedoch hervorragend als Mahnmal der Geschehnisse wirken. Potsdam war nun mal eine Garnison- und Residenzstadt. Das ist ihr Erbe und ihre Geschichte.

Eine Antwort auf „Kommentar: Garnisonkirche wäre Mahnmal“

  1. -Dass, eine Kirche mit 3000 Sitzplätzen in Postdam nicht gebraucht wird, bestreitet nicht einmal die Stiftung Garnisonkirche, die ehemalige Gemeinde braucht sie nicht, denn die hat ihre Gemeinderäume in der Kiezstr..
    -Dass ein 88m hohes Gebäude mit Abstand das höchste der Innenstadt wäre (ca x 1,5 Mercure) ist ein Fakt.
    -Zum Verhängnis wurden der Kirche die Kriegspolitik Hitlers und die Kirchenfeindlichkeit Ulbrichts und nicht die angeblich verkürzende Kritik der KopieaufbaugegnerInnen.
    -Etwas abzureißen und etwas nicht als Kopie wieder aufzubauen sind zwei sehr verschiedene Dinge, die nicht in einen Topf geworfen werden sollten.
    -Wenn Steuergelder involviert sind, ist es sehr wohl richtig, die Bedarfsfrage zu stellen, und die 12 Millionen aus Bundesmitteln für den Denkmalschutz fehlen zum Beispiel bei der Erhaltung der Friedenskirche ganz dringend.
    -Dass die Garnisonkirche zur Identität Potsdams gehöre, ist eine blosse Behauptung, die von einem fragwürdigen Identitätsbegriff ausgeht, der meint, die DDR sei ein Unfall der Geschichte gewesen, der möglichst vertuscht gehöre.

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