damit sich leistung wieder lohnt: „ja“ zu bologna

Eine Studierendenschaft – tausend Meinungen. Beim Thema Bachelor und Master verhält sich das ähnlich. Die Redaktion freut sich über einen Gastbeitrag von Christian Ott

Mit dem Bologna-Prozess wurden in der Bundesrepublik nicht nur die Bachelor- und Masterstudiengänge in die Hochschulen implementiert, sondern auch ein großes Missfallen hervorgerufen. Vor allem die Studierenden klagen über diese Umstrukturierung, aber auch manche Dozierende finden kritische Worte. Ich selbst habe in sechs Semestern so meine eigenen Erfahrungen mit dem neuen System im schwierigen Umbruchprozess gemacht und möchte nach meinem Bachelor-Abschluss meine Erfahrungen und meinen Standpunkt hierzu darlegen.

Hauptkritikpunkte, die man immer wieder liest, sind vor allem der Umfang der Lehrinhalte, die in der Regelstudienzeit nicht zu bewältigen seien, die geringe Wertschätzung des Bachelorabschlusses, die es Arbeitssuchenden nach dem Studium schwerer mache und die streng nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichteten Rahmenbedingungen, die zu einer Art „industriellen Produktion“ von Hochschulabsolvent_innen führe. Ich befürworte dieses neue System jedoch. Diejenigen, die lediglich einen Hochschulabschluss anstreben, um sich für den Beruf zu qualifizieren, können sich bereits nach drei Jahren Studium auf den Arbeitsmarkt begeben. Alle anderen, intrinsisch motivierten, die sich für die Lehrinhalte überdurchschnittlich interessieren und damit auch meist die besseren Leistungen erbringen, werden sich vertiefend im Masterstudium weiterbilden. Die damit verbundene Selektion sorgt für Unmut. Dabei wird vergessen, dass uns dieser Selektionsprozess schon vorher, etwa nach der Grundschule oder beim Zulassungsverfahren für das Bachelorstudium begegnet ist und uns bei der Arbeitsplatzsuche nach dem Studium noch sehr viel rücksichtsloser einholt.

Der Grund dieser Selektion ist für die Bewertung des Verfahrens unerheblich, das Ergebnis zählt: Zum einem wird „Know How“ schneller und vermehrt auf den Arbeitsmarkt gebracht, zum anderen führt dies zu einer gerechteren Einstufung der Abschlüsse: Es ist gerecht, dass diejenigen, die sich im Studium mehr Mühe geben,mehr Zeit beim Durchdenken der Inhalte aufwenden und damit im Endeffekt bessere Noten erzielen als Belohnung einen weiteren, vertiefenden Happen Bildung bekommen. Alle anderen, die lediglich aus extrinsischen Gründen, etwa für einen Abschluss und bessere Verdienstmöglichkeiten studieren, haben nach drei Jahren harter Arbeit immerhin einen akademischen Grad.

Wer Lehrkapazitäten fordert, muss eine Gegenleistung erbringen und sich diese durch entsprechende Ergebnisse verdienen. Denn Lehrkapazitäten sind mit der Leistung der Mitglieder unserer Gesellschaft geschaffen und müssen effizient eingesetzt werden. Leistungsgerechtigkeit ist ein Begriff, an den man sich in öffentlichen Diskussionen viel zu selten erinnert. Wer hier von Leistungsparanoia und Burnout spricht, der bzw. die sollte den Schritt ins Berufsleben erst garnicht wagen. Denn auf dem Arbeitsmarkt ist der Selektionsmechanismus wesentlich härter und die Sanktionen erbarmungsloser als an der Universität. Und wir alle können es den Bachelorabsolvent_innen leichter machen auf diesem zu bestehen, indem wir unsere Kommiliton_innen dazu aufrufen diesen Abschluss nicht ständig in der Öffentlichkeit, und damit auch in den Augen potenzieller Arbeitgeber, in seinem Ansehen abzuwerten. Sollte sich der Bachelor als Standardabschluss nicht durchsetzen, ist Bologna umsonst und alle Bestrebungen zerstört. Ganz zu schweigen von der Verschwendung der Mittel, die in einem solchen Fall zu beklagen wären.

Neuerungen haben es immer schwer. Ich finde es traurig, dass die Probleme im Umbruchprozess dazu benutzt werden allgemeine Probleme der akademischen Ausbildung auf den Bologna-Prozess zu schieben. Ganz im Gegensatz zu vielen angehenden Akademiker_innen begrüßt die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) das zweistufige System und sieht bei konsequenter Umsetzung und Weiterentwicklung große Chancen zur Verbesserung des Bildungsstandortes Deutschland.
Ich habe während meines Bachelor-Studiums sehr hart gearbeitet, um die Zulassungsvoraussetzungen für ein Masterstudium zu erfüllen und es in der Regelstudienzeit erfolgreich zu beenden. Ich habe Studierende kennengelernt, die sich wenig Mühe gegeben haben, sich für ihr Fach gar nicht wirklich interessierten, ihre schlechten Noten auf die schweren Klausuren geschoben haben. Ich finde, dass sich diese Studierenden einen Masterplatz nicht verdient haben. Man kann nicht immer alles geschenkt bekommen. Es forderten früher ja auch nicht alle Diplomabsolvent_innen eine Promotionsstelle, weil das Diplom der erste akademische Grad war. Wir können uns nicht gegenseitig in Watte packen und der Realität versperren. Auch wir müssen unseren Beitrag leisten und dürfen uns nicht in einer „Bildungswolke“ fangen lassen.

Ja, alle haben ein Recht auf Bildung. Doch wenn jemand in den Genuss dieses Rechtes kommt und sich nicht mit dem entsprechenden Engagement erkenntlich zeigt, sondern sich in seinen neu gewonnen Freiheiten verliert, hat er bzw. sie dieses Recht verwirkt.

Ich habe einmal „Gründe für Hochschulstudium“ gegoogelt und musste folgende, entsetzliche Liste auf „studenten-welt.de“ entdecken, die zeigt, dass offensichtlich einige Studierende ihre Zeit nicht zur Gestaltung von Bildungsinhalten nutzen und damit  dafür sorgen, dass der in einer breiten Schicht der Bevölkerung schlechte Ruf der Studierende auch auf mich zurückfällt:

  1. Bessere Jobaussichten
  2. Freie Zeiteinteilung beim Stundenplan
  3. Studenten können viele Vorteile wie Rabatte und Ermäßigungen genießen
  4. Viel Freizeit
  5. Abgeschlossenes Studium als Statussymbol
  6. Das Studentenleben ist einfach toll!
  7. Viele neue Kontakte und Horizonterweiterung
  8. Man kann in Jobs reinschnuppern
  9. Als Studenten hat man Zeit zu reisen
  10. Student sein ist cool

Ich kritisiere hier nicht alle Punkte. Welche ich meine, lässt sich aus dem Kontext dieses Artikels sicher deduzieren. Hier meine persönlichen Top Ten:

  1. Bessere Qualifikation für den Arbeitsmarkt
  2. Festeres und nachhaltigeres Fundament für die berufliche Zukunft
  3. Nach dem Studium bin ich in der Lage eine Qualifikation anzubieten, die auf dem Arbeitsmarkt relativ knapp ist (Fachkräftemangel)
  4. Persönliche Entfaltung durch selbständiges Gestalten des Studiums
  5. Freier Zugang zu Information (Bibliotheken, E-Books, Dozenten usw.)
  6. Zeit zur kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten
  7. Offenhalten der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten
  8. Bessere Verdienstmöglichkeiten
  9. Flexibleres Zeitmanagement
  10. Gesellschaftlicher Status

Ich warne ausdrücklich davor das Recht auf Bildung mit dem Recht auf angenehme Begleiterscheinungen zu verwechseln, die auf Kosten unserer Gemeinschaft dazu geschaffen wurden, um uns Studierenden einen möglichst schnellen Abschluss und die kritische Auseinandersetzung zu speziellen Themen zu ermöglichen. Eine Gesellschaft ohne einen gewissen Leistungsdruck, einem gewissen „gesunden“ Stresslevel und damit einem Zwang zur Veränderung ist nicht überlebensfähig, weil so ein Zustand zu Ineffizienzen und zu Verschwendung führt. Dem können sich auch angehende Akademiker_innen nicht versperren.

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