Ritalin – Freund oder Feind der Studierenden?

Ritalin – Freund oder Feind der Studierenden? Foto: Fotolia-ipag.com
Ritalin – Freund oder Feind der Studierenden?
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Es ist ein aktuelles Thema, mit dem mehr Studierende konfrontiert sind, als man glauben würde: Ritalin. Scheinbar greifen immer mehr zu dem Medikament, um ihre Leistungen zu steigern. Spielt es den Helfer in der studentischen Not? Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, wie er mit Ritalin umgeht. Von Alicia Michele Mettig.

Hinter Ritalin verbirgt sich das Arzneimittel Methylphenidat, welches hauptsächlich für ADHS-Kranke (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom) gedacht ist. Kindern, die an dieser Krankheit leiden, fällt es schwer, sich zu konzentrieren. Durch Ritalin soll ihnen die Aufmerksamkeit gegeben werden, welche sie brauchen, damit sie in der Schule besser lernen können.

Doch nicht nur erkrankte Personen nehmen Ritalin, das Interesse an dieser Droge ist schon längst auf Studierende übergegriffen. Wer auf dem Campus kennt es nicht? Dem permanenten Druck ausgesetzt zu sein, jeden Dozierenden in seinen Vorlesungen und Seminaren zu verstehen, die beiliegenden Übungsaufgaben zu absolvieren und sich nebenbei durch einige Lehrbücher auf die nächste Sitzung vorzubereiten? Ab und zu wird nach einem Referat gefragt, stets den Blick auf den Kalender, die Klausurenphase liegt nicht mehr weit entfernt, da rechnet man im Kopf schon wieder die Leistungspunkte aus, welche man erreichen muss, um bloß nicht die Regelstudienzeit zu überschreiten…

Welche Wege gibt es,um diesen Leistungsdruck zu überstehen?

Einige Student_innen scheinen einen vermeintlichen Ausweg gefunden zu haben: Statt nach den üblichen, mittlerweile gesellschaftlich akzeptierten Wachmachern wie diversen Kaffeesorten, Energydrinks und Mate-Getränken zu greifen, entscheiden sich immer mehr Student_innen für den Medizinschrank. In Amerika sollen bereits jede_r vierte Student_in und jede_r fünfte Professor_in Ritalin nehmen. In Deutschland greift mittlerweile jede fünfte Person nach leistungssteigernden Mitteln, gibt eine Studie der Uni Mainz wieder. Genaue Zahlen bezüglich des Ritalinkonsums in Deutschland gibt es jedoch noch nicht. Nichtsdestotrotz ist die Annahme groß, in der Universität Potsdam schon mit jemandem in Kontakt gekommen zu sein, der bereits mit Ritalin zu tun hatte.

Aber wie wirkt Ritalin eigentlich? In einem Artikel in der Zeit im Jahr 2013 äußert sich Robin, ein Jura-Student, zu seinen Erfahrungen: „Diese unglaubliche Fokussierung. Kein Abschweifen mehr, nur noch der Text und ich.“ Er vergleicht die Wirkung mit innerlicher Ruhe, Dämpfung jeglicher Geräusche und einer Verengung seines optischen Wahrnehmungskreises. Ein anderer Student schreibt: „Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher auf voller Lautstärke läuft – ich hatte ihn gar nicht gehört“. Er erklärt auch, dass andere Drogen einen Rausch bewirken, Ritalin hingegen sehr nüchtern macht.

Welche Beweggründe stecken dahinter?

Wurden vor einigen Dekaden noch Drogen konsumiert, um gegen das System zu rebellieren, dient heutzutage Ritalin dazu, der Gesellschaft und ihren Erwartungen gerecht zu werden. Inzwischen ist es „in“, an einen gut bezahlten Job zu kommen, um in den Urlaub fahren zu können. Es ist vielmehr von jedem Einzelnen gewollt – nein, gemusst. Die heutige Leistungsgesellschaft begleitet uns mit dem ständigen Gedanken, zu versagen. Also wollen wir erfolgreich sein – das beginnt spätestens in der Uni, vielleicht schon früher. Und das setzt sich auf dem Arbeitsmarkt fort.

Aber welchen Anteil hat die Bologna-Reform? Man kann vermuten, dass durch die Regelstudienzeit und das Punktesystem der Druck auf Studierende wächst. Dominik Z., Student des Wirtschaftsingenieurwesens an einer Berliner Universität, der selbst schon nach Ritalin griff, sagt: „Leistungsdruck? Der hat nen hohen Korrelationsgrad. So schnell muss alles durch, der Bachelor muss fertig werden. Gerade mit diesem Druck, seine Vorgaben erreichen zu müssen und nicht die eigenen Ziele.“ Auch die Angst um das BAföG sei ein starker Grund, danach zu greifen, meint er. Denn nach einer gewissen Zeit wird der staatliche Zuschuss gestrichen, falls nicht ausreichend Leistungspunkte erreicht werden. Also ist Bologna schuld? Genau wissen tut das keine_r. Zu den Pillen zu greifen setzt schließlich immer auch eine Bereitschaft des Individuums voraus.

Was macht Ritalin letztendlich mit uns?

Mit Ritalin geht zwar eine enorme Leistungssteigerung einher, aber noch lange nicht jede_r verwandelt sich in einen „Lernzombie“. Es bleibt sowieso fraglich, ob man dadurch ein besserer Studierender wird, geschweige denn bessere Noten schreibt: Man ist lediglich produktiver, aber nicht schlauer. Ist es das wert, seine geistige Autonomie aufzugeben? „So möchte ich nicht lernen. Die Konzentration war auch nicht hoch genug“, sagt Dominik Z. Er nimmt es, um Spaß zu haben. Die Meisten nehmen es zum Lernen, davon ist er überzeugt. „Der Typ, von dem ich es hab‘, nimmt es oft zum Lernen. Der Vater ist Professor und nimmt es auch“, fügt er hinzu.

So nützlich Ritalin auch sein mag, Erfahrungsberichte legen womöglich eine schwerwiegende Folge nahe: Da sich durch das Mittel ein Tunnelblick bildet und alles, was ablenkt, ausgeblendet wird, leidet das Sozialleben. Denn ein Treffen mit Freund_innen bringt den Abschluss der Hausarbeit nicht näher, sie scheinen „unproduktiv“ zu sein und werden als Ablenkung wahrgenommen, so Robin in dem Artikel.

Natürlich muss dies nicht bei allen Konsument_innen der Fall sein. Dabei ist noch nicht viel über die Langzeitfolgen bekannt. Seit Jahren wird diskutiert, ob die langfristige Einnahme von Ritalin das Risiko für Herzleiden erhöht. Es gibt Hinweise dafür, dass der Ritalin-Wirkstoff den Blutdruck bei 80 Prozent der Patienten steigert. Bei starkem und dauerhaftem Anstieg ergibt sich sogar das Risiko für eine spätere Arteriosklerose. Zugleich birgt die Bewusstseinsveränderung natürlich auch das Risiko, unter Einfluss der Droge wichtige Umwelteinflüsse nicht mehr ausreichend wahrnehmen zu können – nicht nur im Straßenverkehr kann das fatale Folgen haben.

Vielleicht ist Ritalin sogar wissenschaftliches Doping. Dann würde sich auch eine Frage der Moral stellen: Ist es fair gegenüber meinen Kommilitonen? Verschaffe ich mir damit nicht einen Vorteil und lasse ich die anderen neben mir nicht schlechter dastehen? Oder dient das Doping einem höherem Zweck, vielleicht dem Fortschritt der Wissenschaft?

Letztendlich muss jede_r selbst entscheiden, wie er mit Ritalin umgeht. Es als ausschließlich „gut“ oder „schlecht“ abzustempeln, wäre zu banal. Viel interessanter ist die Frage, wie stark wir uns vom Bildungssystem unter Druck setzen und wie stark es uns beeinflusst. Wir dürfen den wahren Sinn der Bildung nicht vergessen. Dominik Z. meint, sein Studienalltag habe sich für ihn nicht geändert, aber der Kommilitone, von dem er das Ritalin bekomme, nehme es regelmäßig. „Ja, er würde seinen Studentenalltag nicht mehr ohne auf die Reihe kriegen.“ Er lerne viel besser, seitdem er Ritalin nimmt. Wenn er es schließlich absetzen müsste, würde sich sehr viel für ihn verändern. Ohne Ritalin würde er sein Studium vielleicht nicht mehr bewerkstelligen können.
Diese Tatsache sollte uns zum Nachdenken bringen. In was für einer Gesellschaft leben wir, dass wir glauben, unseren Alltag nur noch mit Aufputschmitteln bewältigen zu können?

Mehr Infos
Die Initiative ritalin-kritik.de übt “Kritik an Ritalin und allen anderen ADHS-Medikamenten mit dem Wirkstoff Methylphenidat wie z.B. Concerta, Medikinet, Methylphenidat-Hexal oder Equasym” und möchte u.a. über die bisher kaum bekannten Langzeitfolgen von Ritalin aufklären. Reinschauen lohnt sich!

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