Erstes Semester: Von einer Online-Lehre zur nächsten

Person als Teilnehmer einer Videokonferenz (Quelle: Anna Shvets von Pexels)

Von Homeschooling in die Online-Universität. Das Erste Semester an einer Universität ist ein Wechsel, aber inwieweit gleicht Corona die Lehren an und wie hat ein Ersti sein erstes Semester wahrgenommen? Ein Kommentar von Tobias Pilz.

Freitag, der 13. März 2020 in einer Schule in Mecklenburg-Vorpommern: Ich bin wie jeden Schultag aufgestanden, habe gefrühstückt und bin mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Angekommen bin ich zu meinem Schulspind und bei Freund:innen wurde sich über alle Neuigkeiten des gestrigen Tages ausgetauscht. Schon in der ersten Schulstunde schien irgendwas anders als sonst. Die Lehrperson thematisierte den Elefanten im Raum nicht, aber schon am Ende des Tages kam die Nachricht: Rein aus Vorsichtsmaßnahme sollen alle Schüler:innen der gesamten Schule ihre Spinde leeren und alle Schulsachen mit nach Hause nehmen. Wundernd über die unerwartete Meldung versuchte ich Stoffbeutel, Rücksäcke und Tragmöglichkeiten aufzusuchen, um alle Schulsachen auf meinem Fahrrad irgendwie nach Hause zu zerren. Lachend haben Mitschüler:innen zur Verabschiedung schonmal schöne Ostern gewünscht. Es schien unmöglich, dass wir uns wirklich nicht mehr vor den Osterferien sehen. Am Sonntag, den 15. März 2020 kam dann die Meldung: Schulschließung und Homeschooling. Eine Woche später trat der erste bundesweite Corona-Lockdown in Kraft und die Reise der Online-Lehre begann. Ich sitze nun im Februar 2022 in einer neuen Stadt, in einer eigenen Wohnung, in einer Universität eingeschrieben und am Ende des ersten Semesters am Schreibtisch und bin seit fast zwei Jahren durchgängiger Teilnehmer an dem Projekt der Online-Lehre.

Pläne nach dem Abitur und Corona

Nach dem erfolgreichen Abitur wollte ich eigentlich ein Auslandsjahr in Peru, Südamerika machen und ein bisschen was sehen. Danach etwas studieren oder doch noch vorher eine Ausbildung absolvieren. Ich sollte jedoch nie mein Auslandsjahr antreten oder die Entscheidung, was nach dem Abitur kommt, verschieben. Die Corona-Pandemie hat vieles unmöglich gemacht und jetzt studiere ich direkt nach dem Abitur an der Universität Potsdam Soziologie. Die Entscheidung fiel nicht leicht, denn ich habe keinen Akademiker:innen-Hintergrund, bin somit der erste Studierende aus meiner Familie und das ganze System hinter der Organisation Universität war mir bisher absolut fern. Umso aufgeregter war ich, als ich die ersten universitären Veranstaltungen hatte, damit ich das für mich unbekannte Terrain kennenlernen konnte.

Der Semesterstart

Meine erste Veranstaltung an der Uni war ein Mathe-Brückenkurs vor der Vorlesungszeit des Wintersemesters 2021/22, denn nach dem Umzug nach Potsdam wollte ich Leute kennenlernen und mit diesen die Mensa und Universität erkunden. Dieser Mathe-Brückenkurs war nämlich in Präsenz und in mir entfachte die Hoffnung, dass ich nach über einem Jahr Homeschooling, endlich wieder mit Personen in einem Raum sitzen könnte und mein erstes Semester größtenteils nicht vor dem Bildschirm stattfände. Das vielgezeichnete

Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam (Quelle: Tobias Pilz)

Bild der Pre-Corona Studierenden von einem vollen Campus und spannenden Personen, die man trifft, schien wahr zu werden. Ich war voller Zuversicht und Freude, was sich aber im Nachhinein als absolute Naivität herausstellte. Alle Soziologieveranstaltungen waren online und trotz Umzug und anderer Lehrorganisation saß ich wie in der Homeschooling-Zeit den ganzen Tag am Laptop und tue es bis heute.

Schwarze Kacheln und Online-Lehre

Ich stehe wie beim Homeschooling jeden Tag auf, fahre meinen Laptop hoch und die Lehre findet ausschließlich in Online-Konferenzen statt. Die ersten Vorlesungen, Seminare und Veranstaltungen quälte man sich durch diese Online-Angebote, denn die Aufmerksamkeitsspanne nimmt mit jeder verstreichenden Minute ab. Moodle, Zoom, Exam.UP etc. bilden meine bisherige Universität. Zoomkonferenzen ähneln sich: die dozierende Person und schwarze Kacheln, dahinter wahrscheinlich Studierende. Manchmal Ausnahmen und man sieht seine Mitstudierenden, aber dann war das auch das Highlight der universitären Woche. Ich merkte schnell, dass diese Online-Lehre mich nicht wirklich glücklich machte, und entschied mich, durch den Fachschaftsrat und außerhalb der Universität Potsdam Personen kennenzulernen. Ich wollte mein Leben im Semester nicht nur vor dem Laptop verbringen und so engagierte ich mich bei verschiedenen Sachen. Ich halte die Corona-Maßnahmen für sinnvoll und ich weiß warum ich Online-Lehre in den monotonen Zoom-Konferenzen habe, aber wenn die Regeln wenigstens für alle Studierenden gelten würden…

Unterschiedliche Corona-Regeln

Wenn alle Studierenden vor den schwarzen Kacheln bei Zoom studieren und der Präsenz-Uni nachsehen oder hinträumen, dann wüsste man wenigstens, dass man nicht allein ist. Geteiltes Leid ist nun mal halbes Leid – aber es ist halt nun mal kein geteiltes Leid. Zwei Beispiele: Jeden Tag laufe ich an einigen Vorlesungssälen vorbei und dort sehe ich Veranstaltungen von Jura-Studierenden, die ihre Übungen in Präsenz haben. Und ich wohne in einer WG und mein Mitbewohner ist ebenfalls Ersti und studiert Biologie, nur ist Online-Lehre bei ihm eher die Ausnahme als die Regel! Ich möchte nicht die Studierenden kritisieren, die die Lehrräume der Universität regelmäßig von innen sehen können, aber zu sehen, wie Präsenzlehre möglich ist, während man selbst den Campus höchstens für die Mensa und ein kleines Tutorium sieht, ist demotivierend. Ich habe nicht einmal die Vorstellungskraft, mir einen vollen Campus und volle Vorlesungssäle vorzustellen, überhaupt mich selbst in dem Ganzen zu sehen.

Romantisierung der Online-Lehre

Ich will die Online-Lehre nicht nur als etwas Negatives abstempeln, denn diese hat auch ihre klaren Vorteile und ich meine, die Homeschooling-Phase hat mich mehr für die Universität vorbereitet als jede einzelne Hilfestellung der Schule. Alle Aufgaben online verfügbar zu haben sorgt für viel Flexibilität und die Zeiteinteilung in der Woche bleibt jeder:m allein überlassen. Es zählt nur, dass die Abgaben zum Datum x da sein sollen. Selbstständigkeit zahlt sich hier aus und genau das kommt mir auch bei der Online-Lehre an der Universität zugute. Durch den reibungslosen Wechsel von Homeschooling auf die Lehre an der Universität habe ich in meinem „work flow“ fast keine Unterschiede und wenig Probleme in der Lehre an der Universität

Ein Schreibtisch während der Online-Lehre (Quelle: Tobias Pilz)

anzukommen. Auch jeden morgen etwas länger im Bett bleiben und mit frischem Tee in den Tag zu starten, während man die Arbeit des Tages individuell an den eigenen Rhythmus anpasst, hat seine Vorteile. Außerdem die Möglichkeiten Vorlesungen im Nachhinein anzuschauen, auf doppelter Geschwindigkeit abzuspielen und zu pausieren, sowie zurückzuspulen, wenn einem etwas unklar ist.

Und trotz der Vorteile der Online-Lehre, so glaube und hoffe ich, dass das kommende Sommersemester nach allen Versprechungen, Informationen der Universität und der prognostizierten Corona Situation ein lebendiges Campusleben und Präsenzveranstaltungen ermöglicht. Vielleicht ist der Begriff des Erstis“ erst dann für mich die passende Bezeichnung, denn dann werde ich wohl erst die Universität kennenlernen. Bis dahin bleibt mir der Laptop auf meinem Schreibtisch wohl meine ganz eigene Universität.

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