So klingt unsere Welt

Tiefen des Alls
Wie klingt das Universum? (Foto: Tjefferson – Fotolia.com)

Wo setzt man sich am besten hin, wenn man das Universum belauschen will? Und gibt es da eigentlich etwas zu hören, im scheinbar unendlichen Vakuum? „Setzen Sie sich hin, wohin Sie wollen“, heißt es im Nikolaisaal Potsdam, wo am 29. November der erste Teil der Reihe „Musik und Physik“ ertönte: „Der Klang des Universums“ begab sich auf eine ästhetische Forschung nach dem Sound dessen, das uns erschaffen hat. Von Denis Newiak.

Wer sich in die Foyer-Konzerte des Nikolaisaals traut, lässt sich auch auf eine Reise ein, die an unbekannte Klang-Orte führen kann. Dieses Mal hängen bläulich angestrahlte Kugeln von der Decke herab. Die hundert Gäste des Abends sitzen in den vier Ecken statt im Block – und unmittelbar vor und neben den Zuhörer_innen stehen die Orchesterinstrumente. Man könnte fast denken, dass man an diesem Abend noch selbst musizieren wird. Und tatsächlich wird man es – ob man will oder nicht.

Als die Musikerin die Position an ihrer Violine eingenommen hat, beginnt das Konzert mit absoluter Stille. Höchstens ein leichter Luftzug ist noch zu hören, als wollte er sich vordrängeln. Dann zu Beginn beinah unhörbar – vor dem Satz steht „pppp“, ein vierfaches „piano“ – setzt eine Violine ein und gibt langsam und mühevoll eine Melodie frei, die sich im Raum ausbreitet und nur aus einer Prime, also immer dem gleichen Ton besteht. Scheinbar endlos erstreckt sich dieser eine Ton, der am Anfang von allem steht und sich langsam durch die Oktaven arbeitet. Klaus Lang markiert mit diesem Violinen-Solo „die ränder der welt.“ – der „Big Bang“ bleibt aus. Später gibt in „…cold and calm and moving“ eine Harfe den kühlen Takt des Alls vor, während die Streicher sich austoben. Auf den Notenblättern steht nicht viel – aber wenn doch, dann geht es zur Sache. Wie auf der Erde, wo Leben herrscht. Zwischendurch spielt das ganze Ensemble die Zeichen aus dem „Tierkreis“ (Karlheinz Stockhausen), als wäre es eine zusammengewürfelte Jazzband, die sich nicht so richtig über den Takt einig werden will. Am Ende der Stücke fragt man sich nur: Wird im Universum applaudiert?

Wie die Stille des luftleeren Weltalls klingen könnte, ist eine Frage, die bis in die Antike zurückreicht. Die Griechen stellten sich vor, dass die sich bewegenden Himmelskörper auf ihren Sphären jeweils einen gewaltigen Ton von sich geben und gemeinsam einen monströsen Klang erzeugen müssen, der das Menschliche übersteigt – oder vielleicht hätten sich die Menschen einfach an ihre Dauerbeschallung aus dem Universum gewöhnt. Indem Pythagoras diese Klänge auf sein Monochord (ein Instrument aus nur einer einzelnen Saite) übertrug, brachte er nicht nur die Welt zum Klingen, sondern schuf auch den Prototypen aller heutigen Saiteninstrumente. Heute denken wir zu wissen, dass im Vakuum keine Geräusche möglich sind. Zugleich meint die moderne String-Theorie, nach der alles aus eindimensionalen räumlichen „Fäden“ besteht, die Welt würde letztlich aus nichts außer aus schwingenden „Saiten“ bestehen – den „Strings“ –, die das Universum, so Brian Greene, zu einem Ort machen, der „nichts als Musik“ ist.

Wenn das „KAPmodern Ensemble“ mit geringstmöglicher Lautstärke spielt, wird jedes Geräusch zum Teil der Musik. Das ist auch der Grund, warum sich während des Spiels kaum jemand im Foyer traut, auf dem Stuhl zurechtzurutschen oder auf Toilette zu gehen. Tut man es doch – und das lässt sich früher oder später nicht vermeiden –, wird man zwangsläufig zum Musizierenden: Niemand kann sich einfach „raushalten“, doch jede_r darf seinen Teil beitragen. Während sich die hinfällige Trennung zwischen Hörenden und Spielenden langsam auflöst, wird jeder knarrende Hocker, die leise surrende Klimaanlage, jede vorsichtig zufallende Tür und umgeblätterte Programmseite zu einem Instrument in einem Ensemble, das aus allem und uns allen besteht. Es hat seine zufällige Ordnung, aus der das hervorgeht, was wir unter Kunst verstehen – und als „Pari intervallo“ von Arvo Pärt erklingt, wird diese tönende Welt unerhört, beinah unerträglich schön.

Für John Cage hat alles Hörbare – jeder Klang, jedes Geräusch, vielleicht auch jedes Wort – die gleiche Würde: Sie alle sind sinnlos, ziellos, intentionslos, bedeuten nichts. Musik ist nur Klang, und um diesen vom Menschen zu befreien, legte der Musiker Pergamentpapier auf Sternenkarten, um die Sonnen zu Notenköpfen zu machen. Für dieses Stück „Atlas Eclipticalis“, das an diesem Abend in seiner 40minütigen Fassung aufgeführt wurde, musste sich Cage bei der Premiere im Jahr 1964 nicht nur vom Publikum, sondern auch von seinem Orchester auspfeifen lassen. Und doch: Es sind Sterne, die ich sehe! Aber es sind andere Sterne, als der Dirigent, dessen Arme zum Sekundenzeiger geworden sind, auf seiner kosmischen Partitur sehen würde, sollte er jemals auf sie blicken. Es sind meine. Manche sind gegangen, nachdem Rainer Neugebauer referierte, dass seit dem 5. September 2001 das Cage-Werk „ORGAN²/ASLSP“ („as slow as possible“) in Halberstadt aufgeführt wird – und voraussichtlich im Jahr 2640 enden wird. Ein Klang, der uns überleben wird.

Denn am schwersten zu ertragen sind die Augenblicke, in denen es nichts zu hören gibt.

KAPmodern: Musik und Physik. Reihe im Foyer des Nikolaisaals Potsdam in Kooperation mit dem Einstein Forum.
Montag, 28. Januar 2013, 20.15 Uhr: „Quantensprünge – Komponierte Formeln“, 15 Euro. Mit Einführung von Leon Botstein im Einstein Forum ab 18.30 Uhr (Eintritt frei).
Donnerstag, 25. April 2013, 20.15 Uhr: „Achtung! Hochspannung!“, 15 Euro. Mit Einführung von Lydia Goehr im Einstein Forum ab 18.30 Uhr (Eintritt frei).

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