Fünfzig-Fünfzig

Linda aus Syrien

Linda, wo kommst du eigentlich her? Ein weiterer Teil unserer Reihe über weitgereiste Studierende in Potsdam. Von Denis Newiak

Linda ist in Hama geboren, eine der fünf größten und eine der ältesten Städte Syriens. Ihre Mutter deutscher Herkunft hatte zuvor ihren Vater, einen Syrer, in Deutschland kennengelernt. Später kommt dort Lindas Bruder zur Welt. Sie selbst erlebt ihre ersten Lebensjahre in Syrien, geht dann in Deutschland in den Kindergarten und in die erste Klasse. Seitdem pendelte sie zwischen den beiden viertausend Kilometer entfernten Ländern hin und her: In Syrien wiederholte sie die erste Klassen- stufe, übersprang darauf in Deutschland die Zweite. Erst 1999 zog sie zusammen mit ihrer Mutter fest nach Deutschland, wo sie dann die Schule beendete – und nun in Potsdam an der Universität „Europäische Medienwissenschaft“ im vierten Semester studiert.

Für das Studium ist sie vom Land in Potsdam-Mittelmarkt in die Stadt gezo- gen. Wenn sie nicht in Vorlesungen oder Projektseminaren sitzt, verdient sie sich beim RBB im Büro von „Brandenburg aktuell“ etwas dazu. „Ich bin sehr froh, dass ich schon so frühzeitig in dem Bereich ar- beiten kann, in dem ich auch später tätig sein möchte.“ Ein positiver Nebeneffekt sei es, dass die Arbeit entlohnt wird. Ab und zu besucht sie einen Kurs beim Hochschulsport, doch die größte Aufmerksam- keit schenkt sie ihrem Studium. Wer in einem Seminar neben ihr sitzt, wünscht sich vielleicht, sich eine Scheibe Ehrgeiz, Akribie oder Zielstrebigkeit abschneiden zu können. Wer gerne lila trägt, dürfte sich mit ihr recht schnell anfreunden können.

Im Sommer und zu den Festtagen be- sucht sie die Familie väterlicherseits in Syrien. „Die Menschen dort geben einem viel mehr Wärme, viel mehr Herzlichkeit – egal, ob sie dich kennen oder nicht.“ Dafür würden sie es nicht so genau nehmen, wenn man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort verabredet. „Inzwischen weiß ich: möchte jemand um elf Uhr da sein, kann ich ihn zwischen elf und halb eins erwarten.“

„Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich immer ‚fünfzig-fünfzig’ bin – halb deutsch halb syrisch.“ Manchmal, sagt die 20-Jährige, sei das schwer zu vereinbaren, schließlich wolle man sich irgendwo zugehörig fühlen. Doch sie braucht beides, sie kann nicht ohne das eine oder das andere. „Beides ist in mir drin und beides wird auch immer ein Teil von mir sein.“

In Deutschland liebt sie es, Fahrradzufahren, doch in Syrien mache das niemand. Dafür sei der Respekt gegenüber Anderen, vor allem gegenüber Älteren, viel höher.“ Manche, die das so nicht kennengelernt haben, würden es mit Unterwürfigkeit verwechseln, wenn eine junge Frau ihrem Vater einen Tee bringt, wenn er abends von der Arbeit heimkommt. Dabei ist es in Wirklichkeit etwas, was Respekt verdient, etwas Unersetzbares. Es gebe Missverständnisse, doch in Deutschland werde tolerant mit Menschen anderen Glaubens umgegangen. „Wenn der Innenminister der Auffassung ist, dass Deutschland christlich geprägt ist und der Islam nicht zu Deutschland gehört – warum nicht? Das ist ja nur seine Meinung.“

Mehr als drei von vier Menschen in Syrien gehören dem Islam an. Sie selbst steht auch hier ein bisschen dazwischen. „Für mich hat Religion mit Glauben zu tun und ist nicht zwingend gebunden an Rituale.“ – Und woran glaubt sie? – „An einen Gott“ – Und woran noch? – „An bestimmte Werte“ – Aber an welche? – Linda wird ein bisschen rot und hält inne. Nicht jeder würde das verstehen und es sei jedem selbst überlassen. „Wenn man älter wird, hinterfragt man das. Aber der Glauben ist auch eine Stütze.“

Während Linda von ihrem Glauben erzählt, brennt in Syrien die Luft. Aus welchem konkreten Grund die Leute auf die Straßen gehen, könne sie nicht ge- nau sagen, „schließlich sind die Proble- me nicht auf einmal aufgetaucht, sondern haben sich lange angestaut.“ Erst sollten vollverschleierte Frauen nicht mehr in Erziehungsberufen arbeiten, jetzt dürften sie es plötzlich wieder doch; die Menschen fühlten sich ungerecht entlohnt, für die jungen Menschen unter 24 Jahren, die vierzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, gebe es wenig Perspektiven. Wer nichts hat, worauf er zusteuern kann, hat nicht viel zu verlieren.

„Auf der einen Seite stehen die traditionellen Religionsverfechter, auf der anderen die Liberaleren, hier die Assad-Befürworter, dort seine Gegner.“ Nur um Religion geht es hier offensichtlich nicht, sondern auch um die großen Gegenwartsprobleme – Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst. Das sind auch in Deutschland keine Fremdworte, im Gegenteil. „Es ist ein Mischmasch von vielem“ Genau kann sie es also nicht sagen. Wie es weitergeht, weiß niemand.

Ob sie auf dem Fahrrad unterwegs ist, arbeiten geht oder für ihr Studium lernt – das Ziel ist immer klar vor den Augen. Was heimliche Leidenschaften und Laster betrifft, hält sie sich bedeckt. Ein Auslandssemester schwebt ihr noch vor. Und nach dem Abschluss? „Das entscheide ich, wenn ich ihn in der Tasche hab.“

One Reply to “Fünfzig-Fünfzig”

  1. Syrien ist in einer seltsamen Position. Die Regierung scheint nicht zu wissen in welche Richtung es gehen soll und das verunsichert die Demonstranten und Regimegegner nur noch mehr. Es ist doch absurd zuerst den Ausnahmezustand aufzuheben um dann nur wieder auf friedliche Demonstranten zu schießen.

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