In Gülpe Gänse Gucken

Herbst am Gülper See (Bild: Larissa Marggraf)
Herbst am Gülper See (Bild: Larissa Marggraf)

Eine Kursfahrt kann helfen, den Faden im Studium wiederzufinden, bringt uns aber auch enger zusammen. Gülpe steht für Naturerfahrung, Visionen und Gemeinsamkeiten. Von Martha Sander.

In der Dämmerung stehen wir auf. Krabbeln leise aus unseren Jugendherbergsdoppelstockbettchen, um die anderen nicht zu wecken. Schnell einen löslichen Kaffee anrühren, Wanderschuhe schnüren, Ferngläser umhängen und den Plan besprechen. Es ist der zweite Tag in der Forschungsstation, an dem wir vor Sonnenaufgang am Gülper See den Abflug der Wildgänse beobachten wollen. Zu Tausenden fliegen sie auf, landen wieder und entschließen sich als das Tageslicht durchbricht doch für den Aufbruch zu den umliegenden Getreidefeldern. Der ganze See ist in Aufruhr. Eine Geräuschkulisse aus Schnattern und Flattern füllt Minute um Minute und wir warten im Verborgenen. Unsere Augen haben sich ans Dämmerlicht gewöhnt und wir können unzählige Graugänse (Anser anser) erkennen. Allmählich wird der Himmel über dem See rot und wir starren gebannt, sehen jetzt auch Saatgänse (Anser fabalis) und die kleineren Blessgänse (Anser albifrons). Die Arten bleiben meistens unter sich. An den Ufern stehen Reiher wie stille Figuren aus Metall – elegant und steif.

Gruppenbildung

Während unseres Aufenthaltes in dieser abgelegenen Gegend Brandenburgs wollen wir einige Fragen über den Tagesablauf der Wildgänse klären. Die Studierenden haben sich aufgeteilt. Wir haben die Frühschicht – denjenigen Teil des Tages, in dem die Gänse auf den Feldern auf Futtersuche gehen. Hier können wir sie am besten beobachten und die Rollenverteilung innerhalb der Gänsegruppen verstehen lernen. Mit dem Auto fahren wir auf Karten markierte Felder ab und halten Ausschau. Die ersten Versuche, sie zu beobachten, führten meist dazu, dass Hunderte von Vögeln aufflogen und sich einen ungestörteren Ort suchten. Später blieben wir im Auto sitzen, zählten, schätzten ab, stoppten Zeiten und trugen Daten in vorbereitete Tabellen ein. Unsere Vermutung geht dahin, dass sich das Leben in großen Gruppen und riesigen Scharen von Vögeln tatsächlich lohnt, denn mit zunehmender Gruppengröße muss jede einzelne Gans seltener ihre Futtersuche unterbrechen und Wache schieben. Wir wollen diesen Vorteil in verschiedenen Gruppengrößen untersuchen. Vielleicht gibt es auch Unterschiede zwischen den Arten. Vielleicht gibt es aber auch Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und uns.

Ein gemeinsames Ziel

Während unserer Erkundungen lernen wir nicht nur die Gänse näher kennen, sondern auch unsere Kommilitonen_innen. Gelegenheiten wie diese gibt es nicht oft während unseres Bachelorstudiums, in dem hauptsächlich jeder für sich arbeitet und lernt. Hier aber verfolgen wir ein gemeinsames Ziel, das über das Punktejagen hinausgeht und den Blick für den Sinn unserer Ausbildung weitet. Hier ist es möglich, ein Gefühl für die Arbeit zu bekommen, die wir uns vorstellten, bevor uns das bisherige Grundstudium zumindest gefühlt dem Ziel entfernte. Ein Ziel vor Augen zu haben ist das, was mich durch die ersten Semester getragen hat. Manchmal war es verborgen, wie die Welt vor Morgengrauen. Und dann lichtete sich der Nebel wieder und es kam mit einer Reihe von Möglichkeiten zum Vorschein, die ich dadurch erfuhr, indem auch wir schließlich eine Gruppe bildeten.

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