Klischees auf dem Prüfstand: die Geschichtsstudierenden

Das Klischee des eingestaubten Geschichtsstudierenden unter der Lupe. (Foto: KoolShooters über pexels).

In der Bibliothek sitzt mir ein Student gegenüber, der seit einer Ewigkeit hinter einem riesigen Stapel Gesetzbücher verschwindet. Sein Blick wirkt so ernst, als müsse er mit seiner nächsten Hausarbeit die Welt retten. Er unterbricht seine Arbeit nur, um Vorbeigehende mit herablassendem Blick zu mustern. „Typisch Jurastudent“, denke ich. Aber stimmen diese Stereotype noch oder brauchen die alten Klischees ein Upgrade? Bleiben Jurastudierende wirklich unter sich, weil sie zu elitär sind, um sich mit dem „Pöbel“ abzugeben? Versammeln sich Informatikstudierende tatsächlich zu geheimen nächtlichen Nerd-Kartenspielen? Und sind Geschichtsstudierende noch immer verstaubte Bücherwürmer?  Von Victoria Lisek .                          

Keine Frage, Stereotype sind Verallgemeinerungen. Nicht jede:r Informatikstudierende trägt Wanderschuhe. Im Kern enthalten sie dennoch, zumindest was die Studienfächer angeht, ein Fünkchen Wahrheit. Nach drei Semestern, in denen unsere Kommiliton:innen nur aus lauter schwarzen Kacheln auf unseren Bildschirmen bestanden, haben wir hoffentlich bald die Gelegenheit, dem oder der ein oder anderen Klischee-Studierenden zu begegnen. Um rechtzeitig vorbereitet zu sein, widmen wir uns heute den Geschichtsstudierenden. Als Studentin nehme ich diese Untersuchung sehr wissenschaftlich, weshalb ich eine äußerst repräsentative Umfrage (drei Teilnehmer:innen) und ein zweijähriges Selbstexperiment (mein Studium) durchgeführt habe.
Hier nun das Ergebnis.

Der Mythos                                                                                     

In der Bibliothek, im Vorlesungssaal oder auch im Zoommeeting – welchen Klischeestudierenden habt ihr schon beobachtet? (Foto: Austrian National Library über unsplash).

Fassen wir zusammen, was man bisher über die Geschichtsstudierenden weiß. Sie sind meist in spärlich belichteten Archiven oder Bibliotheken anzutreffen, wo sie sich durch uralte Pergamentrollen wühlen. Geschichtswissenschaft, das heißt vor allem Listen römischer Feldzüge, Ahnentafeln mittelalterlicher Könige und die Verbrechen während des Dritten Reichs zu studieren. Am liebsten würden sie mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen und in ihrer Lieblingsepoche leben. Da bedauerlicherweise noch keine funktionstüchtige erfunden wurde, begnügen sie sich damit, auf Mittelaltermärkten oder Stadtfesten in altertümlichen Kostümen umherzustreifen und Dokus über den Zweiten Weltkrieg zu schauen.

Abgesehen von Zeitmaschinen sind sie allerdings kein Fan von „modernen“ Dingen, weshalb sie sogar im Urlaub ihre Mitreisenden in jedes Kriegsmuseum schleppen. Außerdem werden sie von Bekannten oder Familienmitgliedern skeptisch gefragt, was sie denn mit ihrem Studium später anfangen möchten. Meist haben sie selbst keine Ahnung – im schlimmsten Fall satteln sie eben auf Lehrer:in um.

Die Wirklichkeit                        

Zugegeben, wir knacken leider nicht täglich den Da Vinci Code wie Robert Langdon im Thriller Sakrileg. Die Suche nach geheimen Dokumenten in düsteren Archiven gehört bedauerlicherweise eher weniger zu den Inhalten des Geschichtsstudiums. Zum einen benötigt man oft besondere Kenntnisse in anderen Sprachen und Schriften. Um den Sachsenspiegel analysieren zu können, eines der ältesten deutschen Rechtsbücher, müsste man Niederdeutsch verstehen und die gotische Minuskel (eine Handschrift) lesen können – mal ganz abgesehen davon, dass es damals noch keinen Duden oder Ähnliches gab, was die Rechtschreibung in halbwegs einheitliche Bahnen gelenkt hätte. Also eher nichts für Bachelorstudierende.

Zum anderen sind viele Quellen unter Verschluss oder nur mit Empfehlungsschreiben zugänglich. So kommt man meist erst durch Praktika oder Abschlussarbeiten und z.T. nach einer Spezialisierung mit echten Quellen in Kontakt. Glücklicherweise leben Historiker:innen aber auch nicht im 13. Jahrhundert und so kann man mittlerweile viele Quellen digitalisiert und übersetzt im Internet finden. Und auch wenn sie keinen Tesla fahren, finden die Befragten technische Innovationen faszinierend. Das heißt aber natürlich nicht, dass sie die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen nicht hinterfragen würden.

Wo liegt nun das Körnchen Wahrheit?

Mythos versus Wirklichkeit (Foto (v. l. o. n. r. u.): mel_88 über pixabay, RODNAE Productions über pexels, Dziana Hasanbekava über pexels, Andrea Piacquandio über pexels).

Zwar bin ich noch nie fächelnd im Reifrock durch den Park spaziert und habe dabei Sätze wie „Nein, wie entzückend!“ von mir gegeben. Allerdings gibt es nur sehr wenige ZDF History Dokus, die ich noch nicht kenne. Laut meiner Studie haben Geschichtsstudierende vielseitige Vorlieben, was Serien und Filme anbelangt – von der Reality TV-Serie The Circle bis zum ARD-Weltspiegel ist nahezu alles dabei – Geschichtsdokus und -serien gehören aber ebenso zum guten Ton. Die Liebe zu Dokumentationen ging einmal so weit, dass sich ein Kommilitone während einer Vorlesung eine Doku mit Untertiteln über die Bombardierung Dresdens 1945 angeschaut hat. Um ehrlich zu sein, kann man sich beim Prokrastinieren das Doku-und-Historienfilm-Gucken aber auch sehr gut als „Prüfungsvorbereitung“ verkaufen.

Auch die Tatsache, dass Geschichtsstudierende ihre Freizeit und ihren Urlaub gern in Museen verbringen, stimmt. Begeistert berichteten die Befragten vom Pergamonmuseum in Berlin oder dem historischen Museum auf Kreta. Übernachtungen in Museen seien wohl aber noch nicht vorgekommen.

Geschichtswissenschaft studiert man entgegen dem Mythos jedoch nicht, weil man sich „die alten Zeiten“ herbeisehnt. Geschichtswissenschaft studiert man, um zu analysieren, wie sich gesellschaftliche Systeme und Strukturen herausgebildet und verändert haben sowie um das derzeitige Wissen über das Vergangene kritisch zu hinterfragen. Falls es allerdings so etwas wie sichere Reisen in die Weltgeschichte gäbe, würde ich gern ein Kino in den 1930er Jahren besuchen und herausfinden, worüber sich die Gäste privat unterhalten haben. Die Befragten haben hingegen andere Epochen angegeben: etwa die Frühe Neuzeit wegen der Globalisierung oder das 19. und 20. Jahrhundert wegen des Imperialismus und Kolonialismus – eher kein reines Studium des Gallischen Kriegs oder der Ahnenlinie der Merowinger.

Und wie steht es um das Gerücht, wer Geschichte studiere, tue das nur aus Planlosigkeit? Die Befragten haben sich nicht nur zum Vergnügen für Geschichte eingeschrieben, sondern auch aus beruflichen Gründen. Sie gaben beispielsweise Tätigkeiten in der interkulturellen oder politischen Kommunikation wie im Bundespresseamt an. Auch wenn dies vielleicht keine so sicheren Zukunftsaussichten sind, hatte keine:r der Befragten vor, „notfalls“ Lehrer:in zu werden.

Fazit

Auch wenn die Vorstellung, kostümiert verschollene Briefe zu entschlüsseln, durchaus verlockend ist, sieht die Realität etwas weniger filmreif aus. Was alle Geschichtsstudierenden jedoch teilen, ist die Faszination für unser Fach, für welches wir uns trotz unsicherer Berufsaussichten entschieden haben. Deshalb suchen wir besserwisserisch nach historischen Fehlern in Filmen und Serien, haben eine Lieblingsepoche, abonnieren Terra X auf YouTube und schauen uns gern antike Graffitis in Museen an.

Ob Lehramt, Philosophie oder VWL – welche Stereotype gibt es über euren Studiengang?

 

Für alle Geschichtsfans und die, die es noch werden wollen:

Wie würde Kleopatra heute aussehen? – Photoshop erweckt historische Persönlichkeiten zum Leben: https://www.royaltynowstudios.com/portfolio.

Eine Zeitreise: https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/ein-tag-in-der-kaiserzeit-102.html.

Extrem fesselnd – True Crime meets Geschichte: https://www.geo.de/wissen/22361-rtkl-jetzt-anhoeren-verbrechen-der-vergangenheit-der-true-crime-podcast-von-geo-epoche.

 

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