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campusKREATIV — 31 Januar 2014
Komparsenjob - Zwei Sekunden Ruhm

Komparsenjob – Zwei Sekunden Ruhm (Bild: Maia Ernst)

Wer von uns kennt nicht das Problem: Die Kasse ist leer am Ende des Monats, es muss Geld her. Wenn dann das BaFöG oder der Zuschuss der Eltern nicht reichen, heißt es für viele Studierende nebenbei arbeiten gehen. Kellnern gehen und an der Kasse sitzen macht ja fast jeder. Wir zeigen Euch in dieser Serie außergewöhnliche Student_innenjobs, die man nicht alle Tage macht. Dieses Mal: Katia Ernst.

Es ist Mittwochmorgen und der Bahnhof Berlin Alexanderplatz ist voller Menschen. Geschäftsleute mit Aktenkoffern und Smartphones warten auf die U-Bahn. Doch als diese dann einfährt, passiert etwas Merkwürdiges: Gut die Hälfte aller Fahrgäste betritt das Fahrzeug nur für wenige Sekunden und steigt dann sofort wieder aus. Die übrigen Passagiere gucken verdutzt. Doch das, was aussieht wie der achte Flashmob dieser Woche, ist eigentlich ein Werbedreh für die Bank Santander. „Cut!“, ruft der Regisseur in seinen Lautsprecher, „Komparsen zurück zum Anfang!“. Schon zwei Stunden stehe ich an dieser Haltestelle und spiele Fahrgast. Mein großes Leinwanddebüt hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.

Der Nebenjob „Kompars_in“ bietet sich für Student_innen an, wenn man im Raum Berlin wohnt. Flexible Arbeitszeiten, schnelle Bezahlung und vielleicht kann man sogar den einen oder anderen Star hautnah erleben. Agenturen für Statist_innen gibt es wie Sand am Meer, sei es in Babelsberg oder in Berlin. Wer gerne am Set von GZSZ einen Restaurantgast spielen möchte, kann sich bei der Agentur wanted anmelden. Sollte man allerdings lieber auf der großen Leinwand als Fußgänger im Hintergrund zu sehen sein wollen, bietet sich Filmgesichter an.

Iris Müller

Ich habe mich letztendlich für die Agentur Iris Müller entschieden, die sowohl für Werbungen als auch für Filme engagiert wird. Nach einer unkomplizierten Anmeldung und einigen Fotoaufnahmen in deren Büro bekam ich mein Onlineprofil. Darauf gab ich an, welche besonderen Fähigkeiten ich hatte (wenige) und was für Requisiten ich zur Verfügung stellen könnte (keine). Nachdem ich auf meinem Onlinekalender meine Verfügbarkeit angegeben hatte, erhielt ich eine E-Mail: 65Euro für vier bis fünf Stunden  Passagier spielen. Das klang nach leicht verdientem Geld für ein paar Stunden in der U-Bahn rumsitzen. Lange Bahnfahrten bin ich als Studentin der Uni Potsdam sowieso gewohnt.

So fuhr ich am nächsten Morgen nach Charlottenburg, wo man mich zusammen mit hundert anderen Kompars_innen für den Dreh eintrug. Nach wenigen Formalitäten und vielem Warten schickte man uns nach draußen, wo wir uns alle nebeneinander in eine Reihe stellten. Dort wurden wir von einer Frau begutachtet, die mit ihrer großen Sonnenbrille, komplett schwarzer Oversize-Kleidung und glatten Haaren wie der Zwilling von Anna Wintour aussah. Auf poshem Englisch gab sie Kommentare zu unserem Aussehen und entschied, wer von uns zu hell gekleidet war oder unordentlich aussah. Plötzlich fühlte ich mich wie auf einem schlechten Casting für Germany´s Next Topmodel und machte mir Sorgen, dass Wintour heute leider kein Foto für mich hätte. Glücklicherweise schien mein Outfit sie nicht zu stören und so dauerte es nur noch weitere eineinhalb Stunden, bis die ganze Crew sich am Drehort an der U-Bahnhaltestelle einfand.

Doch nicht für Bushido!

Die Arbeit bestand zum größten Teil aus: Rumstehen und Warten. Ich nutzte die Zeit, um Bekanntschaft mit einigen meiner Kolleg_innen zu machen. Zu meiner Überraschung waren darunter nicht nur Student_innen, sondern auch Lehrer_innen und viele Freiberufler_innen. Die etwas erfahreneren Statist_innen gaben Anekdoten zum Besten und erklärten mir, auf welche Ecke des Bildes ich achten müsste, um sie kurz hinter Daniel Brühl vorbeilaufen zu sehen. „Mir wurden mal 600 Euro für eine Aktaufnahme im Film von Bushido geboten. Hab ich natürlich nicht gemacht…“, erzählte eine Studentin. „Ja, Akt würde ich auch nicht machen.“, sagte ich und sie antwortete: „Mit Akt habe ich ja kein Problem, aber doch nicht für Bushido!“.

Langsam sah ich, worum es beim Dasein als Kompars_in wirklich geht. Nicht um das Geldverdienen oder einen beeindruckenden Eintrag im Lebenslauf. Vielmehr um die gemachten Erfahrungen und dem, wenn auch unbemerkten, Augenblick im Rampenlicht.

Komparsenjob – eine Glückssache

Nach guten drei Stunden des Ein- und Aussteigens am U-Bahngleis hatten die meisten von uns genug. Wir schwitzten unter unseren Trenchcoats und Blazern, die wir trotz sommerlicher Temperaturen nicht ausziehen durften. Und die wenigen Snacks reichten bei weitem nicht für hundert hungrige Kompars_innen. Doch dann kam Abwechslung in die Sache und eine Gruppe von uns wurde für die nächste Szene an eine Treppe geschickt. Unsere Aufgabe: hektisches Treppen Auf- und Ablaufen. Da hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Die verbleibende Stunde bis zum Mittagessen um halb vier kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Bei Nudeln mit Gemüsesoße (die Salate und Steaks waren für den Regisseur und seine Crew bestimmt) erfuhr ich dann, dass es auch durchaus anders laufen kann. Eine bunt gemischte Statistenclique, die anscheinend schon bei mehreren Projekten zusammengearbeitet hat, erzählt mir von gut organisierten Drehs, besserem Essen und interessanteren Aufgaben. Scheint wohl eine Glückssache zu sein.

Nach insgesamt fast neun Stunden Arbeit ist das letzte bisschen Warten dran, an der Schlange für die Lohnabrechnungen. Die 65 Euro habe ich mir mehr als verdient, Zuschlag gibt es erst ab der zehnten Stunde. Auf der Fahrt nach Hause ruhe ich meine müden Beine aus und verarbeite meine neuen Erfahrungen als Komparsin. Vielleicht habe ich beim nächsten Mal ja mehr Glück.

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