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Wie ist es um die Zukunft der studentischen Selbstverwaltung bestellt? (Foto: Karla Fritze)

Die Bereitschaft zum Engagement unter Studierenden der Universität Potsdam nimmt kontinuierlich ab. Wer vertritt noch unsere Interessen? Und vor allem: Wie lässt sich diese Entwicklung aufhalten? Von Dario Planert.

Altbekannte Zahlen

Zunächst einmal gute Nachrichten für die Studierendenschaft der Universität Potsdam: Die Fachschaftsräte der verschiedenen Institute werden in naher Zukunft wohl nicht aussterben. Das geht aus einer Umfrage des Präsidiums der Versammlung der Fachschaften hervor. Demnach haben sich etwa 90% der 34 Fachschaftsräte der Universität konstituiert. Aus den Zahlen geht ebenfalls hervor, dass seit 2011 jedes Semester ein bis drei FSRs „pausieren“, während sich ein anderer (wieder) neu gründet.

Das ist zunächst einmal nicht besorgniserregend, sondern scheint dem natürlich rar-gesäten Interesse der Studierenden für die Beteiligung an der studentischen Selbstorganisation Rechnung zu tragen. Man werfe einen Blick auf die Beteiligung an der Wahl zum StuPa im vergangenen Jahr. Es gaben gerade einmal 8,96% der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, so wenige, wie seit 2006 nicht mehr. Die Vorteile einer Vertretung der Fachschaft rücken scheinbar erst dann in das Bewusstsein, wenn es sie nicht mehr gibt. In der Regel finden sich dann einige Engagierte, die bereit sind den Job zu übernehmen.

Anteil der Neumitglieder ist seit Jahren drastisch gesunken

Die Dinge scheinen auf den ersten Blick also ihren gewohnten Lauf zu nehmen. Auch die Gesamtzahl der Mitglieder der FSRs ist seit 2010/11 halbwegs konstant. Sie schwankt zwischen 230 und 270. An diesem Punkt fällt allerdings eine Tendenz ins Auge: Der Anteil der Neumitglieder sinkt seit 2010. Und zwar merklich. Während sich die Fachschaftsräte im Wintersemester 2011/12 noch zu 66% aus Neugewählten rekrutierten, waren es im Wintersemester 2016/17 nur noch 51%. Was bedeutet das?

In den letzten sechs Jahren hat das Interesse daran, sich in der studentischen Vertretung zu engagieren, offenbar deutlich abgenommen. Dieser Entwicklung halten indessen Altmitglieder entgegen, die sich für weitere Amtszeiten aufstellen lassen. Derzeit liegt das durchschnittliche Amtsalter eines FSR-Mitglieds bei 2,1 Jahren. Rekordhalter ist dabei ein namentlich nicht bekanntes Mitglied, dass seit 2010 durchgehend sein Amt bekleidet. Einzige, und drastische, Ausnahme in dieser Entwicklung ist der FSR Rechtswissenschaften, der sich seit dem Wintersemester 2010/11 jedes Jahr zu 100% aus Neumitgliedern zusammensetzt und, mit Ausnahme eines Jahres, immer aus 11 Mitgliedern besteht.

Diese Entwicklung kann Philipp Okonek persönlich bestätigen. Er ist seit zwei Jahren Mitglied im Präsidium der Versammlung der Fachschaften (VeFa) und nebenbei Mitglied zweier Fachschaftsräte. In der Vergangenheit ist der Großteil der Mitglieder des Präsidiums oft vorzeitig zurückgetreten oder erst gar nicht zu den Sitzungen erschienen. Für die Wahl ins Präsidium, sagt er, mussten die Leute quasi überredet werden.

Bei der letzten Wahl half nur die Ankündigung Okonek und das übrige Mitglied würden sich nicht mehr aufstellen lassen. Das hätte eine Versammlung der Fachschaften verunmöglicht. Dabei ist das Präsidium das zentrale Vermittlungsorgan zwischen StuPa, AStA und den Fachschaften, das sich zudem um die Ver- bzw. Zuteilung der finanziellen Mittel kümmert. Und so ist Philipp Okonek auch dieses Mal wieder dabei.

Die Studierenden brauchen den FSR

Die Fachschaftsräte sind ein essentieller Bestandteil der studentischen Selbstorganisation. Sie organisieren nicht nur kulturelle Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern, Bälle, Filmvorführungen oder Ersti-Fahrten, sondern vertreten die Interessen ihrer Fachschaften in diversen Gremien gegenüber der Universität und Öffentlichkeit. Auch wenn die FSRs für‘s Erste wohl noch nicht Geschichte sind, ist es doch nicht unangebracht die Frage zu stellen, wie mit der nachgewiesenen Abnahme der Beteiligung künftig umzugehen ist. Speziell, wenn sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzt, während immer mehr Altmitglieder die Universität verlassen.

Die brandenburgische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Martina Münch (SPD), ist auf einem Treffen mit dem AStA bereits auf die Problematik aufmerksam gemacht worden, hat jedoch jegliche Verantwortung von sich gewiesen. Sie verwies dabei auf eine nicht unwesentliche Tatsache: Das Engagement im FSR ist zwar ehrenamtlich, wird jedoch mit gewissen Vorteilen vergolten. So berechtigt es zur Verlängerung des BAFöG und ist eine gern gesehene Qualifikation für diverse Stipendien. Das ist vermutlich nicht allen Studierenden bewusst oder aber als Aufwandsentschädigung schlicht nicht attraktiv genug.

Wie? Und vor allem: Von wem?

Was also ließe sich tun, um das Engagement im FSR attraktiver zu machen? An dieser Stelle empfiehlt sich ein Blick auf den FSR Rechtswissenschaften. Dessen Mitgliedern wird im Gegenzug zu ihrem Engagement die Möglichkeit eines sogenannten Freischuss-Examens gewährt. Das heißt, sie haben die Berechtigung zur zweimaligen Teilnahme am ersten juristischen Staatsexamen, wobei von zwei Versuchen der Bessere gewertet wird. Im Hinblick auf die enorme Bedeutung dieser Prüfung für die Karrierechancen eines Juristen_einer Juristin, dürfte der Freischuss eine, wenn nicht sogar die gewichtige Rolle bei der Bewerbung für den Fachschaftsrat spielen.

Man fragt sich, ob solche Vergütungen nicht auch in anderen Fachschaften umsetzbar wären. Freischüsse, Fristverlängerungen, etc. – all das könnte das Engagement für Neulinge attraktiver machen sowie studentische Selbstverwaltung und politische Kultur auf dem Campus stärken. Die Frage ist lediglich, wie lange es noch dauern muss, bis dieses Problem angepackt wird. Und vor allem: Von wem?

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