Postkoloniales Theater: Freiheit für den Kilimanjaro

Eva Busch und Johanna Ackva zeigen Potsdams Kolonialismus als Wilhelm II und seine Frau Auguste Viktoria. (Bild: L. Koch)
Eva Busch und Johanna Ackva zeigen Potsdams Kolonialismus als Wilhelm II und seine Frau Auguste Viktoria. (Bild: L. Koch)

Im Grottensaal des Neuen Palais ist schon seit geraumer Zeit die Kaiser-Wilhelm-Spitze zu bestaunen: Ein Stück großer Entdeckererrungenschaften. Noch heute pilgert man nach Potsdam, um den Kilimanjaro zu bestaunen – doch wie kam er eigentlich dorthin? Und warum ist der Stein nicht mehr an seinem rechtmäßigen Platz im postkolonialen Tansania? Gehört er uns eigentlich oder haben wir ihn, genauer betrachtet, gestohlen? Das Soli-Theaterstück „Kilimanjaro Tripadvisor“ wirft einen kritischen Blick auf Preußens „Außenpolitik“. Von Luisa Koch.

Die Sozial- und Kulturanthropologie-Absolventinnen Johanna Ackva und Eva Busch haben selbst schon viele Reisen in ferne Länder unternommen, dieses Mal wollen sie die Zuschauer_innen jedoch auf einen ostafrikanischen Trip mitnehmen, der nicht nur Spaß und Erkunden, sondern auch die Klärung wesentlicher Schuldfragen Deutschlands bereithält. Durch Organisation der Hochschulgruppe „Postcolonial Potsdam“ soll den Zuschauer_innen dadurch dieses oftmals übersehene Thema näher gebracht werden.

Die Studentinnen Anna von Rath, Lina Fricke, Elisabeth Nechutnys und Paula Seemann, die sich alle in ihrem Master Anglophone Modernities in Literature and Culture befinden, engagieren sich seit 2014 mit ihrer gemeinsamen Interessengruppe für historische und sozialwissenschaftliche Fragen der deutschen Kolonialpolitik. Auf ihrer Internetseite sammeln sie interessante Recherchen, insbesondere zum Raum Berlin und Potsdam und wollen neben der bloßen Information über ehemalige Kolonialpolitiker_innen und Verbrechen des Imperialismus ihr neues Projekt finanziell fördern.

Für Potsdam und Umgebung soll eine Internetseite oder App entstehen, die unsere Region aus Perspektive des Kolonialismus zeigt und Informationen sowohl für Einheimische als auch Besucher_innen bereitstellt. Auslöser der Gruppierung war die 25. Annual GAPS- und 14. Biennial GASt-Conference der Universität Potsdam, die für die Studentinnen erstmals Fragen zur postkolonialen Welt aufwarf und ihre erste Ausstellung zu diesem Thema hervorbrachte.

Reise nach Tansania und die Freiheit des Uhuru

Das Atelier Freiland präsentiert sich zum Soli-Theaterstück nun reichlich gefüllt und Johanna und Eva erreichen eine Reihe Interessenten mit der lustigen und informationsbeladenen Darstellung. Die konfuse Reise vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart durch Magazine, Fernsehsendungen, Interviews und Kilimanjaro-Trips fesselt durch die teils absurde Ungerechtigkeit deutscher Expansion, um dann in einem Gerechtigkeitswunsch zu enden. Die beiden Schauspielerinnen nehmen dabei verschiedene, amüsante Rollen ein und können so auch Zuschauer_innen fesseln, die vorerst keinen Sinn für postkoloniale Entwicklungen hatten.

Kritisiert werden anfangs luxuriöse Reisen der westlichen Gesellschaft nach Tansania, die durch allerlei Komfort und Planung keinerlei echten Zugriff auf die fremde Kultur bietet. Bald jedoch wechselt die Kulisse und die Schauspielerinnen verkörpern Kaiser Wilhelm II, seine Frau Auguste Viktoria und ihre sieben Kinder die eine Führung durch den Potsdamer Grottensaal anleiten und die Kaiser-Wilhelm-Spitze einem neugierigen Publikum zeigen.

Durch ein Schattenspiel wird der Hintergrund dieses Besitzes erläutert, der auf preußische Naturforscher_innen und „Entdecker_inner“ des Kilimanjaro zurückgeht. So fallen Namen wie Karl Peters, welcher die Gesellschaft für ostafrikanisch-deutsche Kolonialisation gründete und als Vorreiter des nationalsozialistischen Gedankens benannt wird oder auch Hans Meyer, der bei seiner „Erstbesteigung“ des Kilimanjaros Gestein entwendete, welches später als die Kaiser-Wilhelm-Spitze gehuldigt wurde. Es ging bisher unter, welche Tode und Qualen dafür notwendig waren, bis 1961 die Unabhängigkeit Tansanias beschlossen wurde, wie Eva und Johanna in einer Radiosendung mitteilen.

Der Kilimanjaro heißt nun „Uhuru“, was so viel wie Freiheit bedeutet. Um das Gesagte zu verarbeiten, nennen die Schauspielerinnen nun verschiedene Ansätze. Neben der verwirrenden, sinnlosen Theorie, die oftmals ohnehin nichts bewirkt, erreicht das Publikum am Ende nun die Botschaft: Die Kolonialverbrechen sollen publik werden, die Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung muss ein Ende haben, den überfälligen Reparationszahlungen muss zugestimmt werden und alle Weißen müssen ihre Privilegien abgeben! Mit Witz, Leidenschaft und einem klaren Standpunkt zeigt „Kilimanjaro Tripadvisor“, dass man auch mit wenig Material und dem richtigen Thema Zuschauer_innen in seinen Bann ziehen kann.

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