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Blick in die Kiepenheuerallee (Foto: Julia Hennig)

In der dritten Folge unserer Reihe geht es in den Norden Potsdams, nach Bornstedt. In weniger als zehn Minuten gelangt man vom Platz der Einheit mit der Tram 92 oder 96 zur Haltestelle “Campus Fachhochschule” an der Kiepenheuerallee. Seit dem 18. Jahrhundert wurde das Bornstedter Feld militärisch genutzt, diese Nutzung endete erst mit dem bis 1994 vollzogenen Abzug der ehemals sowjetischen Truppen. Heute erinnern die Straßennamen rund um die Kiepenheuerallee an Schriftsteller_innen und Verleger_innen. Von Julia Hennig.

Am 4. Dezember 1991 beschloss die Stadtverordnetenversammlung Potsdam die Entwicklungssatzung für das bisher militärisch genutzte Bornstedter Feld. Hier sollten ca. 7.000 Wohneinheiten und Gewerbeflächen für rund 5.000 Arbeitsplätze entstehen. Dabei sollten die ortsprägenden Kasernen-Ensembles erhalten werden und eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe sowie hochschul- und freizeitorientierter Nutzung inklusive sozialer Infrastruktur entstehen. Die Straßennamen auf dem ehemaligen Wehrmachtsgelände erinnern heute an Schriftsteller_innen, die durch die Nationalsozialist_innen verfolgt wurden.

Früher Militärgelände, heute Erinnerung an die Literatur

Hierzu zählt der Schriftsteller Georg Hermann, der durch seine in Berlin und Potsdam spielenden Romane bekannt wurde. Der deutsch-jüdische Schriftsteller wurde am 16. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Die nach ihm benannte Allee führt von der Ecke Pappelallee an der Biosphäre und dem Volkspark vorbei bis hoch zur Viereckremise. Auf dem ersten Abschnitt, gegenüber der FH gelegen, finden sich Geschäfte und Arztpraxen, die zur Infrastruktur des Stadtteils beitragen.

Parallel zur Kiepenheuerallee verläuft die Jochen-Klepper-Straße, benannt nach dem gleichnamigen Schriftsteller, der mit der Jüdin Johanna Stein verheiratet war. Da seine Familie von den Nationalsozialisten bedroht war, nahm er sich zusammen mit seiner Frau und Stieftochter im Jahre 1942 das Leben. Auch die anderen beiden Parallelstraßen erinnern mit Reinold Schneider und Hermann Kasack an zwei Schriftsteller, wobei letzterer zugleich von 1920 bis 1925 als Lektor im Verlag von Gustav Kiepenheuer arbeitete.

Einer der größten Verleger des 20. Jahrhunderts

Gustav Kiepenheuer zählt neben Samuel Fischer und Ernst Rowohlt, der ein Mitschüler von ihm war, zu einer der großen deutschen Verleger_innenpersönlichkeiten des 20. Jahrhundets. Geboren wurde er am 10. Juni 1880 in Wengern/Ruhr in Nordrhein-Westfalen und absolvierte nach der Schule eine Buchhändler_innenlehre in Bremen. 1909 gründete er in Weimar den Gustav Kiepenheuer Verlag und verlegte zunächst auch Werke der Weimarer Klassik.

Das Verlagsgebäude in Potsdam in der Viktoriastraße 59 (heute Geschwister-Scholl-Straße). (Foto: Julia Hennig)

1919 zog der Verlag für die nächsten zehn Jahre nach Potsdam, das Verlagsgebäude befand sich in der Viktoriastraße 59, benannt nach der Kaiserin Viktoria (1840-1901), der Frau Kaiser Friedrichs III. Die Zeit von 1918 bis 1933 ist zugleich seine produktivste Zeit. Als Autor_innen betreute er unter anderem Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Joachim Ringelnatz und Arnold Zweig. Dessen Buch “Der Streit um den Sergeanten Grischa” aus dem Jahre 1927 war der größte Bucherfolg in der frühen Verlagsgeschichte. Im Nationalsozialismus verlor er die meisten Autor_innen, da 75% der Verlagsproduktion in Deutschland verboten waren.

Der Verlagslektor Hermann Kesten und der Mitinhaber und Geschäftsführer Fritz Landshoff führten die Verlagsarbeit in den Amsterdamer Exilverlagen fort. Gustav Kiepenheuer wurde im Zweiten Weltkrieg schwer verletzt und starb im Jahre 1949 nach schwerer Krankheit. Nach dem Krieg hatte sich der Verlag mit Caspar Witsch als Mitgesellschafter und Geschäftsführer neuetabliert. Der Kalte Krieg bedeutete auch für den Verlag eine Spaltung: Im Westen entstand der “Kiepenheuer und Witsch”-Verlag, im Osten wurde der Kiepenheuer Verlag im Jahre 1994 schließlich in die Berliner Aufbau-Verlagsgruppe eingegliedert.

Kiepenheuerallee heute: Sitz der Fachhochschule Potsdam

Blick in den Campusgarten Potsdam. Im Hintergrund ist das Hochschulgebäude Haus 2 zu sehen. (Foto: Julia Hennig)

Das Gelände der FH Potsdam wurde seit dem Jahre 1935 als Kasernengelände genutzt. Dort war das 2. Bataillon des 9. Infanterieregiment (IR 9) stationiert. Die für eine Kaserne der 30er-Jahre charakteristische geschlossene Anordnung der grauen Gebäude ist auch heute noch bei genauerem Hinsehen erkennbar. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Kasernengebäude durch die Rote Armee bis zu ihrem Abzug Anfang der 1990er genutzt.

Drei Jahre vor dem Einzug der ersten Studierenden auf den heutigen Campus begann die Geschichte der FH im Jahre 1991 mit der Immatrikulation der ersten Studierenden im Fachbereich Sozialwesen (FB 1). Diese zogen nach einer kurzen Phase am Standort Neu Fahrland in das ehemalige Institut für Lehrerbildung an der Friedrich-Ebert-Straße. 1994 zogen die zwei Jahre zuvor gegründeten Fachbereiche Architektur, Bauingenieurwesen und Design in vier sanierte Kasernengebäude auf dem Campus. Ebenfalls 1992 gegründet wurde der heutige Fachbereich Informationswissenschaften (FB 5), damals unter dem Namen “Archiv-Bibliothek-Dokumentation”.

Nach dem Umzug der Fachbereiche 1 und 5 im vergangenen Jahr studieren inzwischen alle Studierenden an einem Campus. Das Hauptgebäude, das 2009 eröffnet wurde und unter anderem die Bibliothek und die Mensa beherbergt, dient dabei als gemeinsamer Mittelpunkt. Eine Besonderheit stellt das Haus 17 dar, das studentisch selbstverwaltet wird und Arbeitsräume für die studentischen Gremien, einen offenen Co-Working-Space und das Casino als Kulturzentrum mit Café und Kneipe beherbergt. Wer lieber draußen die Natur genießen möchte, kann im Campusgarten entspannen oder seinen grünen Daumen ausleben. Beide Orte, Casino und Campusgarten, dienen so als Treffpunkt für Studierende, aber auch als Begegnungsort für alle Potsdamer_innen.

Zum Schluss: Lesetipps und eine Stadtführung

Mehr zu den Geschichten der Potsdamer Straßennamen erfahrt ihr im Buch “Die Straßennamen der Stadt Potsdam. Geschichte und Bedeutung” von Klaus Arlt aus dem Jahre 2010. Informationen zu Personen der Landesgeschichte könnt ihr in der Publikation “Brandenburgisches Biographisches Lexikon”, hrsg. von Friedrich Beck und Eckart Henning im Jahre 2002, nachlesen. Wer noch mehr zum Bornstedter Feld aus erster Hand erfahren möchte, kann an einer kostenlosen Führung der ProPotsdam GmbH am Donnerstag, den 16. August oder den 6. September um jeweils 17 Uhr teilnehmen. Alle Infos findet ihr hier.

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