„Nein, ich zieh doch nicht nach Potsdam!“

Aus Berliner Sicht das "Schattenland": Potsdam (Foto: stadelpeter - fotolia.com. Bearbeitung: Christoph Freytag)
Aus Berliner Sicht das “Schattenland”: Potsdam (Foto: stadelpeter – fotolia.com. Bearbeitung: Christoph Freytag)
Ist wohl die häufigste Antwort auf die Frage, ob man zum Studienbeginn auch vorhat in die Hauptstadt Brandenburgs zu ziehen. Ein Thema, das sicher viele Studierende in Potsdam betrifft. Ich denke, jeder hat mindestens einmal mit dem Gedanken gespielt, vielleicht doch von dem hippen Szeneviertel Berlins nach Potsdam zu ziehen, um sich die täglichen Strapazen der Anfahrt zu ersparen. Ein persönlicher Bericht, wie es ist nach Potsdam zu ziehen und mit allen Vor- und Nachteilen, die dieser Umzug mit sich brachte. Von Kristina Narajek.

Für mich war es ein Donnerstag im Wintersemester, die Handyuhr zeigte 06:37 Uhr in der S7 Richtung Potsdam an, als ich den Entschluss fasste von Prenzlauer Berg nach Potsdam zu ziehen. Ich war mal wieder todmüde und zweifelte (wie immer um diese Uhrzeit) sämtliche gesellschaftliche Konventionen in unserem sinnlosen Dasein an, insbesondere das frühe Aufstehen natürlich. Am Zoo wurde es wie gewöhnlich noch ein wenig voller. Da es draußen regnete, machte die Tatsache, dass alles nach nassem Hund roch, neben der üblichen Geräuschkulisse eines Schwimmbades meine Laune nicht gerade besser. Dann passierte es, was passieren musste. Ein Mann, der bereits im Vorfeld sehr bedenkliche Würggeräusche von sich gegeben hatte, erbrach sich erleichtert über meine Tasche. Und das alles noch vor dem ersten Kaffee, dass muss man sich mal vorstellen. „Okay, jetzt reicht’s. Berlin, ich bin fertig mit dir.“ dachte ich, als ich in Potsdam auf dem Bahnsteig versuchte, die Kotze mit Aldiselter von meinem Jutebeutel zu spülen. Die Regionalbahn würde noch ein halbes Jahr lang nicht fahren. Mir wurde endgültig klar, dass ich unmöglich noch weitere 6 Monate jeden Tag 3 Stunden meines Lebens in den öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins verbringen konnte, ohne ein psychologisches Problem davon zu tragen. Ich musste rechtzeitig die Notbremse ziehen, um nicht schon in so jungen Jahren einem BVG-Burnout zum Opfer zu fallen.

Also begann ich die Wohnungssuche mit der Motivation, in der Uni nie mehr nach Kotze riechen zu müssen und nicht täglich 3 Stunden in den Öffentlichen zu verplempern. „Bist du wahnsinnig?“ und „Ist das dein Ernst?“ waren noch die freundlichsten Reaktionen meiner Mitmenschen auf meinen Entschluss. Auch die Tatsache, dass für die Berliner anscheinend Brandenburg so was ist, was bei König der Löwen das Schattenland, konnte mich nicht beirren. Mit der Annahme, dass ich auch in Prenzlauer Berg spielend leicht ein preiswertes WG-Zimmer gefunden hatte und Potsdam demnach ein Klacks werden würde, stellte ich bereits nach wenigen Tagen fest: Von wegen. Die Mieten in den bewohnbaren Stadtteilen sind genauso verboten teuer wie im gentrifizierten Berlin und außerdem gibt es quasi kaum vorhandene freie Wohnfläche. Als ich endlich nach geschlagenen dreieinhalb Monaten vergeblicher Wohnungssuche ein bildhübsches WG-Zimmer am Park Sanssouci fand, konnte ich mein Glück kaum fassen. Mit viel Wehmut, aber auch mit ein wenig Vorfreude, packte ich die letzten Kisten zusammen und schaute ein letztes Mal von meinem Balkon in der Danziger Straße und verabschiedete mich von der M10 bzw. den 10 Minuten zur Warschauer Straße und meinem Lieblingsspäti.

Der Abschiedsschmerz verblasste jedoch schneller, als ich angenommen hatte. Nämlich als ich das erste Mal mit dem Fahrrad durch Park Sanssouci zur Uni radelte und in weniger als 10 Minuten da war. In dem Moment wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war. Potsdam wird eindeutig unterschätzt. Immerhin haben hier die preußischen Könige gelebt, die wissen ja bekanntlich, was gut ist. Zugegeben, die Feiermöglichkeiten sind tatsächlich begrenzt, aber sie sind vorhanden. So ist der Ruby Tuesday im Waschhaus quasi schon legendär und ein Besuch im KuZe mit seinen wechselnden Veranstaltungen auch immer einen Besuch wert. Man ist hier halt unter sich, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Es hat durchaus was für sich, hin und wieder ein bekanntes Gesicht beim Feiern zu treffen. Es ist nicht so anonym wie in Berlin. Man grüßt sich auf der Straße und kennt schockierender Weise tatsächlich den einen oder anderen Nachbarn. Außerdem kann sich die Fahrt nach Berlin am Wochenende mit netter Begleitung und einem Wegbier intus sogar ganz lustig gestalten.

Erfreulicherweise verkehrt seit Dezember 2012 die Regionalbahn wieder zwischen Berlin und Potsdam regelmäßig, der RE1 braucht nur noch 36 äußerst akzeptable Minuten vom Bahnhof Charlottenhof bis zum Alexanderplatz. Natürlich ist es mal so gar nicht hipstermäßig auf die Frage nach dem Wohnort, anstatt: „Ich wohn in Neukölln, mein Badezimmer sowie die Küche sind in ein und derselben Raum. Ach ja und meine Nachbarn sind Künstler/Junkies.“ zu antworten: „Ich wohne in Potsdam, ist echt schön da!“ Potsdam ist einfach malerisch und es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Der uns allen so bekannte Hauptbahnhof, ist alles, aber nicht repräsentativ für diese Stadt. Es ist hier einfach alles nicht so hektisch wie in Berlin. Es hat sein eigenes, äußerst liebenswertes Flair. Also mein persönliche Fazit ist, es ist tut gar nicht so weh uncool zu sein, wenn man dabei in Potsdam wohnt.

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