warUmwelt: Was schwimmt denn da?

Leben wie ein Fisch im Wasser? (Foto: Pexels via pixabay.com)

Er ist reich an Protein, Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen und aus dem Speiseplan vieler Menschen nicht wegzudenken: Die Rede ist von Fisch. Negative – und vielleicht auch positive – Auswirkungen des Konsums von Fisch und anderen Meerestieren und auch Tipps, welche Arten ihr am unbedenklichsten essen könnt, findet ihr hier. Von Antonia Rösler.

Fischkonsum in Deutschland und weltweit

Im Jahr 2019 aß jede:r Deutsche im Durchschnitt 13,2kg Fisch, weltweit wurden 2020 ca. 172,8 Millionen Tonnen zur Verwendung als Lebensmittel gefangen (zum Vergleich: 2020 lag der Fleischkonsum (Rind, Schwein, Huhn) weltweit bei 255,2 Millionen Tonnen). Diese enormen Mengen führen dazu, dass der Nordatlantik und das Mittelmeer mittlerweile nahezu leergefischt sind, die Fangraten übersteigen die natürlichen Erholungsraten um ein Vielfaches, und nicht nur die Umwelt, sondern auch Menschen sind die Leidtragenden. Seltene Kontrollen, niedrige Strafen und wenige Verbote im Bezug auf Fangquoten und -methoden verhindern eine Regulierung des globalen Fischfangs.

Industrielle Fangflotten können Fischschwärme per Echolot, Radar oder sogar Hubschrauber orten und so bis zu 3.000 Tonnen Fisch auf einer Fangreise fangen. Die so ausgebeuteten Fischbestände fehlen den Menschen in den Küstenregionen der Welt und entziehen ihnen die Nahrungsgrundlage (vor allem in den ärmeren Regionen Westafrikas) und sorgen so für eine Verstärkung des Nord-Süd-Gefälles.

Auswirkungen der Fischerei auf Ökosysteme: Beifang und Müll

Größer noch als die Wirkung auf den Menschen ist jedoch die vielfältige Schädigung des gesamten Ökosystems Meer durch die Fischerei. Jährlich verenden 39 Millionen Tonnen Tiere als Beifang – darunter Jungfische, Vögel, Schildkröten, Haie und Wale – in den Netzen der Fangflotten. Die Höhe der Beifangrate ist abhängig von Art und Größe der verwendeten Netze.

Große Fangflotten bedrohen marine Fischbestände (Foto: Markus Lindner via pixabay.com)

Stellnetze beispielsweise, die in der Küstenfischerei zum Fang von Hering, Dorsch und Meerforelle eingesetzt werden, sind allein in dänischen Küstenregionen für bis zu 5.000 tote Schweinswale im Jahr verantwortlich.

Weltweit geht die Internationale Walfangkommission davon aus, dass jährlich ca. 650.000 Robben, Delfine und Wale als Beifang in den Netzen oder an Bord von Fischerbooten sterben.

Die höchste Beifangrate von bis zu 80% haben Grundschleppnetze, die zum Fang von Meeresbodenlebewesen (Scholle, Seezunge, Krabben) eingesetzt werden. Großflächig wird hier der Meeresboden umgepflügt und alles an die Luft gebracht, was nicht schnell genug flüchten kann.

Die naheliegendsten Lösungsansätze für diese Problematik wären das Erlassen von Fangverboten und die verstärkte Ausweisung von Schutzgebieten. Ist der Bestand einer Fischart jedoch erst einmal über ein bestimmtes Niveau hinaus erschöpft, so bringen auch Fangverbote nicht mehr den gewünschten Erfolg. Der Druck der Überfischung durch den Menschen hat bereits zu einer fischereiinduzierten Evolution geführt. Kleine Fische und Fische mit einer schnellen Generationsfolge haben einen Vorteil gegenüber anderen Arten und besetzen so die ökologischen Nischen der überfischten Bestände.

Der Mensch entnimmt dem Meer den Fisch und hinterlässt im Austausch dafür, allein durch die Fischerei, noch über eine Millionen Tonnen Plastikmüll (das entspricht ca. 10% der Meeresverschmutzung durch Plastik). Hauptsächlich Netze finden ihren Weg in den offenen Ozean, wo sie dann, als Geisternetze schwebend, zum Tod vieler weiterer Meeresbewohner beitragen. Erst nach ca. 600 Jahren haben sich diese, zumeist aus Plastik bestehenden, Netze aufgelöst und gefährden dann als Mikroplastik weiterhin die Umwelt.

Also doch Aquafarming?

Der intuitive Lösungsansatz des Menschen für die schrumpfenden Fischbestände im Meer, war die Züchtung und Mästung eigener Fische, Garnelen und Muscheln in Flüssen, Seen und Küstenregionen. Wie gut diese Idee ist, wenn man das Wissen über die Probleme der Massentierhaltung an Land beachtet, kann man in Frage stellen. Fakt ist, dass die gleichen Schwachstellen auch in aquatischen Lebensräumen vorhanden sind.

Der Eintrag von Chemikalien, Medikamenten- und Nahrungsresten, Fischkot, Parasiten und Krankheitserregern in die Umwelt, wird durch die Verbindung von Flüssen und Meeren im Vergleich zur terrestrischen Landwirtschaft noch erleichtert. Die Anreicherung solcher Fremdstoffe führt zu einer Veränderung der Gewässer bis hin zur Eutrophierung (also der Anreicherung von Nährstoffen), welche die dort natürlich vorkommende Flora und Fauna noch zusätzlich schädigt.

Für den Bau von Aquafarmen in mariner Umgebung werden außerdem seltene Lebensräume in Küstenregionen zerstört, so zum Beispiel Mangrovenwälder im tropischen und subtropischen Umfeld.

Als wären diese Auswirkungen nicht schon negativ genug, ist die Züchtung und Haltung in Aquafarmen auch keine Lösung für das eigentliche Problem der Überfischung. Der Mensch isst gerne Raubfische, z.B. Lachs. Ein Kilogramm Lachs benötigt in der „Herstellung“ jedoch bis zu vier Kilogramm andere Fische (verfüttert zumeist als Fischmehl bzw. -öl). Um diesen Bedarf zu decken werden jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Wildfisch gefangen und zu Futtermitteln verkocht.

Aquafarming ist also kein wirklicher Lösungsansatz, sondern trägt ebenso zur Ausbeutung der Wildbestände und zur Verschmutzung der Umwelt bei.

Invasive Arten

Wenn der Mensch nun aber Fisch essen möchte (mancherorts auch muss) und weder der Wildfang noch die Haltung den Hunger stillen kann, was könnte man noch tun?

Die menschliche Neigung, Arten durch zu starke Beanspruchung der Bestände auszulöschen, könnte sich in diesem Fall als nützlich erweisen. Global gesehen gibt es viele Arten, die sich an neuen Orten angesiedelt haben oder wurden und den dort heimischen Arten Schaden zufügen. Was wäre, wenn man diese invasiven Arten bejagen und als Lebensmittel verwenden würde?

In Deutschland käme hierfür zum Beispiel die chinesische Wollhandkrabbe in Frage. Seit dem 20 Jahrhundert verbreitete sie sich bis heute in nahezu allen Bundesländern mit einem Fokus auf den Norden des Landes. Die Wollhandkrabbe ist Überträger der Krebspest und schädigt so heimische Krebstier-Bestände. Mancherorts ist ein Fang von bis zu 40 Kilogramm in einer Nacht möglich. Abnehmer sind vor allem asiatische Restaurants und Großmärkte.

Waschbär-Gulasch zum Abendessen? (Foto: Dust in the Wind via pixabay.com)

Ersten Erfolg hatte dieses Konzept bereits einmal in Berlin, wo seit 2016 der rote amerikanische Sumpfkrebs (ebenfalls Überträger der Krebspest) in Gewässern rund um den Tiergarten auftrat. Seit 2018 wurden die Bestände bejagt, die gefangenen Krebse wurden an Händler, Gastronomen und Privatpersonen verkauft. Der Bestand der Sumpfkrebse in Berlin ist rückläufig, eine vollkommene Auslöschung jedoch unwahrscheinlich.

Außerhalb des Wassers gibt es in Deutschland noch einige andere invasive Arten, deren Schaden und Verbreitung durch eine gezielte Bejagung eingedämmt werden könnte, zum Beispiel Nilgänse, Waschbären und Nutrias (biberähnliche Nagetiere).

Allgemein sehen viele Wissenschaftler die Auslöschung invasiver Arten durch Bejagung als eher unwahrscheinlich an, rein wirtschaftlich ergibt es außerdem nicht viel Sinn, die Bestände vollkommen zu erschöpfen. Eins ist jedoch klar: Ökologisch gesehen ist der Konsum von wildlebenden Eindringlingen, die unser heimisches Ökosystem schädigen, um ein Vielfaches besser als die industrielle Tierzucht (egal ob an Land oder im Wasser).

Was spricht also dagegen? Die dritte Säule der Nachhaltigkeit, das Soziale. Mein persönlich liebster Speisefisch, der Viktoriabarsch, wurde durch den Menschen in den Viktoriasee gebracht und ist dort für das Verschwinden vieler Arten verantwortlich. Eigentlich also gut, ihn aufzuessen (für Europäer ist das natürlich mit einem langen Transportweg verbunden, was wiederum nicht so gut ist). Die große Nachfrage weltweit hat jedoch zu einer Ansiedelung großer Industriefischer am Viktoriasee geführt, welche den traditionellen Kleinfischern ihre Lebensgrundlage nehmen. Regionalität ist also auch in der Regulierung von invasiven Arten durch Bejagung ein wichtiger Faktor.

Mögliche Lösungsansätze

Was bleibt zu tun, wenn der Mensch nicht auf Fisch verzichten kann und/oder will?

Die Sicherung der Bestände ist für die Menschen, die als Grundnahrungsmittel auf Fisch angewiesen sind, unerlässlich. Zum Erreichen dieses Ziel wird von Umweltorganisationen ein nachhaltiges Fischereimanagement vorgeschlagen, welches folgende Punkte beinhaltet:

  • Großflächige Meeresschutzgebiete zur Erholung der Arten
  • Realistische Fangquoten basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen
  • Selektive Fangmethoden, um Beifang auf ein Minimum von maximal 10% zu reduzieren
  • Verantwortungsbewusster Umgang mit Beifang (Dokumentation und Anlandung) und Verbrauchsmaterial (Müll)

Was darf ich denn jetzt noch?

Möchte man trotz dieser ganzen Einschränkungen noch Fisch und Meeresfrüchte zu sich nehmen, gibt es einige Dinge, die man beim Kauf beachten kann, um möglichst umweltfreundlich zu agieren.

  1. Auf Siegel achten: Bioland und Naturland sind zuverlässige Quellen für nachhaltig hergestellte Fischprodukte. Das bekanntere MSC-Siegel steht immer wieder für das Beifangmanagement zertifizierter Fischer in der Kritik, eine Verbesserung der Bedingungen ist jedoch auch hier angestrebt. Vorsicht vor ungeschützten Kennzeichnungen!
  2. Genaue Herkunft und Fangmethode des Fisches recherchieren/erfragen!
  3. Einkaufsratgeber von Naturschutzorganisationen (z.B. https://fischratgeber.wwf.de/) verwenden!
  4. Weniger Raubfische (Lachs, Forelle, Zander etc.) und eher Friedfische (Karpfen, Wels, Stör etc.) essen!

Lasst uns gerne, entweder in den Kommentaren oder über Social Media, wissen, ob ihr weitere Themen aus dem Bereich Umwelt, Klimawandel oder Naturschutz habt, über die ihr gerne in der speakUP lesen wollt.

 

[1] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Stellnetz (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)

[3] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei/nachhaltige-fischerei-was-versteht-greenpeace-darunter (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)

[4] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/essen-trinken/fisch#hintergrund (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)

[5] https://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2019-10/invasive-arten-tiere-umweltschutz-wollhandkrabbe-oekologisches-gleichgewicht/komplettansicht (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)

[6] https://neobiota.bfn.de/fileadmin/NEOBIOTA/documents/PDF/EU-VO-Art-19_MMB-Eriocheir-sinensis_Version-2018-02.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[7] https://www.greenpeace.de/themen/meere/warum-seelachs-warum-nicht-viktoriabarsch (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[8] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/aquakultur/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[9] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/beifang/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[10] https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischfang-ohne-fischer (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[11] https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/ueberfischung/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[12] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1905/umfrage/entwicklung-des-pro-kopf-verbrauchs-an-fisch-in-deutschland/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[13] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/182383/umfrage/gesamte-fischproduktion-aus-fischfang-und-aquakultur-seit-2004/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[14] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/296612/umfrage/konsum-von-fleisch-weltweit-nach-fleischart/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[15] https://www.bzfe.de/lebensmittel/vom-acker-bis-zum-teller/fisch/fisch-gesund-essen/ (zuletzt aufgerufen am 01.05.2021)

[16] https://fischratgeber.wwf.de/kaufempfehlungen/ (zuletzt aufgerufen am 02.05.2021)

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