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campusKREATIV Featured Ganz vorn — 13 Februar 2017

Heimatgefühle Foto: Drew Coffmann

Wenn ich den Fernsehturm aus dem Fenster des Flugzeuges entdecke, dann weiß ich, ich bin in wenigen Sekunden in Berlin. In meiner Heimatstadt. Mein Herz klopft schneller, denn in wenigen Momenten werde ich meine Lieblingsmenschen in die Arme schließen können. Dieses Gefühl ist überwältigend. Da kommt mir ein Gedanke: Was ist eigentlich Heimat? Von Eileen Schüler.

Grob definiert ist Heimat das Land oder die Gegend, wo die Menschen geboren oder aufgewachsen sind oder auch wo man sich zu Hause fühlt, weil man dort schon lange lebt. Doch sind wir an einen Ort gebunden? Wir leben in einer Zeit, in der das Reisen keine Umstände mehr macht. Wenn wir Tapetenwechsel brauchen, steigen wir ins Taxi, fahren zum Flughafen und buchen ein Last-Minute-Ticket oder machen einen Roadtrip mit dem Auto. Wir sind nicht mehr an einen Ort gebunden. Manchmal werden wir auch durch das Studium, die Arbeit oder Liebe gezwungen, unseren Heimatort zu verlassen. Kurz: Heimat ist nichts Selbstverständliches.

Erinnerungen bilden die Heimat

Heimat ist ein Gefühl. Du sammelst an einem Ort ganz viele Erinnerungen, du weißt zum Beispiel, wie es im Haus nach Omas Apfelkuchen duftete, wo dein erster Kuss stattfand oder kennst jeden Weg in dieser Gegend, weil du ihn tausend Mal gegangen bist. Diese Erinnerungen verbindest du mit bestimmten Orten oder auch Personen, die dich lieben, und alles fügt sich wie ein großes Puzzle zusammen und dies ergibt deine Definition von Heimat.

Manche Menschen sind wie Bäume: Dort wo man sie einpflanzt, schlagen sie ihre Wurzeln. Andere Menschen lassen sich durch die Welt treiben wie die Samen einer Pusteblume und verweilen an verschiedenen Orten.

Fernweh und Heimweh

Wir sind von Sehnsüchten getrieben. Wenn wir uns lange an einem Ort befinden, wollen wir hinaus in die große weite Welt. Wir sind gestresst von dem Alltag, uns fällt die Decke auf den Kopf. Uns treibt ein Gefühl an, etwas Abenteuerliches zu erleben, Ruhe und Entspannung zu genießen. Dieses Gefühl nennt sich Fernweh. Natürlich verstärken die Medien unsere Sehnsucht nach der Ferne zusätzlich, denn wie gerne würden wir auch an einem Südseestrand liegen wie die Frau oder der Mann in der Werbung.

Das Gegenteil ist das Heimweh: Du hast Sehnsucht nach den Menschen, die in dieser Gegend leben, nach deiner Umgebung, die du wie deine Westentasche kennst oder deinen alltäglichen Gewohnheiten, denen du nur an diesem Ort nachgehst.

Ich weiß, dass ich für ein paar Jahre im Ausland leben könnte, denn ich liebe es neue Erfahrungen in der Fremde zu machen: Die Sprache zu lernen, neue Kulturen und andere Menschen kennenzulernen. Jedoch habe ich nach einigem in die Ferne schweifen auch herausgefunden, dass ich immer nach Berlin zurückkehren würde, denn die Hauptstadt bietet mir alles, was ich zum Leben brauche.

Wenn die Heimat genommen wird

Die meisten Menschen haben die Wahl zwischen dem Verlassen und dem Zurückkehren in die Heimat. Was passiert aber, wenn einem die Heimat unfreiwillig genommen wird? So erging es vielen Menschen in der NS-Zeit aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder Menschen, die ihre freie Meinung äußerten. So beschrieb der deutsche Schriftsteller Bertolt Brecht seinen Aufenthalt im Exil in Hollywood:“Das war die entsetzliche Idylle dieser Landschaft, die an sich mehr dem Gehirn der Bodenspekulation entsprungen ist, […] Würde man dort drei Tage das Wasser einstellen, würden die Schakale wieder auftauchen und der Sand der Wüste.“ Er war einer, dem seine Heimat genommen wurde und sich in der Fremde unwohl fühlte.

Heute verlieren Menschen in Kriegsgebieten ihre Heimat, weil das Haus und die gewohnte Umgebung durch die Gewalt der Waffen zerstört wurde und müssen deshalb flüchten. Oft müssen sie geliebte Menschen zurücklassen, weil es ums Überleben geht. Dabei hoffen sie auf eine bessere Zukunft in Europa. Kann ein europäisches Land zu ihrer Heimat werden, deren Sprache sie nicht beherrschen und wo sie nur mäßig willkommen sind?

Rückkehr in die Heimat

Nach einer längeren Zeit in der Fremde kehrt man meist in die Heimat zurück. Wo auch immer das sein mag, ob es nun der Herkunftsort oder ein neuer Ort ist, der zur Heimat geworden ist. Wir brauchen dieses Gefühl, irgendwo auf der Welt ein zu Hause zu haben, wo wir uns geborgen und wohl fühlen. Die Heimat ist ein Teil unserer Identität: Wo kommen wir her und wo wollen wir uns frei entfalten?

Während einige Erasmusstudent_innen in ihre Heimatländer zurückfahren, ist es für mich noch nicht so weit. Erst in sechs Monaten werde ich in ein Flugzeug steigen und in meine Heimat zurückkehren. Bis dahin werde ich die Zeit in der Fremde genießen, die mir ebenfalls ein Stück Heimatgefühl gibt.

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