Mit dem Wissen kommt die Verantwortung

In unserer Reihe „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen wir euch Leute vor, die es auf verschiedensten Wegen an die Uni Potsdam gezogen hat. Manche mussten tausende Kilometer im Flieger zurücklegen, andere kommen aus den verstecktesten Brandenburgischen Dörfern, wieder andere nehmen seit jeher morgens die S-Bahn. Doch eine Sache teilen sie alle: Sie wollen verstehen, wie die Welt so tickt. Die Strategien dafür sind so unterschiedlich wie die eingeschlagenen Lebenswege. Souher aus Berlin studiert Politik und Philosophie. Und glaubt. Von Denis Newiak.

Etwa eine Million Menschen flohen aus dem Libanon, als dort der mörderische Bürgerkrieg tobte. Als die Eltern auf der Flucht nach Deutschland waren, saß Souher schon im Bauch ihrer Mutter – und kam kurz darauf in Berlin zur Welt. Zwanzig Jahre später hat sie fünf Geschwister, die kleine Drei-Zimmer-Wohnung platzt aus allen Nähten. Nach dem Abitur – mit ihrer Durchschnittsnote 1,6 gehöre sie in ihrer Familie „mit zu den Schlechtesten“, wie Souher selbst von sich sagt – zog sie mit ihrem Bruder zusammen, um zu studieren. „Ich wusste bis zum letzten Moment nicht, was ich studieren sollte. Naturwissenschaften waren nicht so meine Sache, aber die Geistes- und Sozialwissenschaften boten so viel, wofür ich mich schon immer interessierte, da fiel die Wahl sehr schwer“, erinnert sich die Berlinerin. Auch wenn manche es lieber gesehen hätten, wenn sie etwas „Handfestes“, Medizin oder Jura, studiert hätte, entschied sie sich letztlich für Politik und Verwaltung, erst mit Anglistik, nun stattdessen mit Philosophie im Nebenfach. „Ich wollte die Welt mit ihren Strukturen und Mechanismen verstehen.“ Zur Philosophie wechseln wollte Souher nach einem Seminar bei Frau Zamirirad, fasziniert von der „anderen Perspektive“ auf das Leben schauen zu können. „Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen, was ist der Mensch? Das sind spannende Fragen, denen ich nur schwer widerstehen konnte.“ Manchmal überfordert einen die Welt mit ihren Widersprüchen und ihrer Komplexität. „Dem Ohnmachtsgefühl kannst du nur mit Wissen begegnen“, ist Souher überzeugt. „Und wer Wissen hat, hat die Verantwortung, daraus Konsequenzen zu ziehen.“

Souher trägt ein Kopftuch. Als sie im vergangenen November bei der „speakUP Schreibwerkstatt“ mitgemacht hatte, waren die Haare noch unverhüllt. „Dass es einen Gott gibt, hatte ich immer in mir. Daran habe ich nie gezweifelt“ – Fitra wird das genannt, wenn ein Mensch glaubt, mit dem Glauben auf die Welt gekommen zu sein. Nach einem schier unerklärlichen Erlebnis stand für Souher fest, dass sie das Tuch tragen möchte. „Es hat eine innere und äußere Komponente. Einerseits soll das Kopftuch die Frau und ihre Scham schützen, mit ihr redet ein Mann ganz anders. Andererseits gehe ich damit eine Verpflichtung ein, mich selbst anders zu verhalten“, sagt die Gläubige.

Manche Artikel schreiben sich fast wie von allein, bei anderen ziehen Autor_innen unzählige Wikipedia-Artikel, Reclam-Einführungen und Gespräche mit Bekannten heran. Egal, wie es läuft: Vieles bleibt trotzdem immer unklar. Zum Beispiel, warum Frauen ein Kopftuch tragen möchten. Dass es nämlich im Islam nach dem Koran – dem Heiligsten der Muslim_innen – eine Pflicht dazu gebe, ist sehr umstritten. „Eine Frau sollte ihre Scham schützen. Die Reize könnten in einem Mann Triebe ansprechen, die er nicht mehr zurückhalten kann.“ – Menschen, die keine Frauen sind und auch nicht gläubig, können das sehr merkwürdig finden – und gleichzeitig irgendwie sehr gut nachvollziehen. Auf die wichtigen Lebensfragen scheint es mehrere Antworten zu geben. Manche glauben eben an den Koran, andere an die heilige Marktwirtschaft, wieder andere den uns rettenden technologischen Fortschritt. Manche glauben sogar an Apple.

Wer nicht daran glaubt, dass ein Mensch mit seiner Religion geboren wird, fragt nach den Gründen – und sucht sie in der Familie. Bei Souher sind sie nicht unmittelbar zu finden. „Meinen Vater habe ich noch nie über Religion sprechen hören“, sagt die Studentin. Ihre Mutter wisse zwar wenig über den Islam, doch sie bete. Aber wer tut das nicht? Das Leben in einer neuen Kultur, mit wenig Geld unter teils sehr schwierigen Lebensbedingungen war nicht immer einfach. „Man könnte sagen, wir haben eine Stütze gesucht“, im Glauben haben die Geschwister sie anscheinend gefunden.

Neben dem Studium ist Souher im Verein der „Muslime aller Herkunft deutscher Identität“ organisiert. Als Onlineredakteurin will sie den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern. Früher hat sie noch Basketball gespielt, außerdem zeichnet sie gern, „vor allem den menschlichen Körper. Das ist etwas sehr Ästhetisches.“ Zwar zeichne sie nie nach lebendigen Modellen, aber falls sie es sich mal anders überlegen sollte, braucht sie nur mal hier in Christophs Aktmodell-Artikel zu schauen. Ob das ein Widerspruch zum Glauben wäre? „Nein, das ist natürlich nicht verboten“ – warum sollte es das auch sein, gibt es denn nichts Schlimmeres, als gern Menschen zu zeichnen?

Wer auf Souhers „Facebook“-Profil schaut, wird sehen, dass sie kürzlich beim Shisha-Rauchen eine kleine Wesenskrise durchmachen musste. „Beim Rauchen komme ich mal auf den Boden und kann die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten“, erklärt die Philosophiestudentin. „Im Libanon ist das schon ein gesellschaftliches Problem. Morgens sieht man überall die Achtjährigen Shisha frühstücken.“ Bei Souher ist es nicht ganz so schlimm: sie raucht jeden zweiten Monat. „Shisha-Rauchen ist eine kleine Schwäche von mir“ – doch gibt es nicht Schlimmeres, als ab und zu mal abzuschalten?

„Der erste Schritt im Islam ist das aufrichtige Hinterfragen“, mit dem Anspruch, für sich die Wahrheit zu suchen. Auf seinem persönlichen Weg des Glaubens auf der Suche nach Erklärungen befinden sich Muslime im sogenannten Dschihad – einem oft „völlig missverstandenen Begriff“. Statt sich in die Luft zu jagen, ist es doch für den Erkenntnisgewinn wesentlich nützlicher, miteinander zu diskutieren, Neues kennenzulernen. Manche sehen das anders – und verursachen damit viel Leid. „Religion gibt dir viel Halt und Stärke, aber hat auch das Potential zu viel Schlechtem. Doch das ist immer, was die Menschen daraus machen“, sagt die junge Frau. Auch wegen solcher Missverständnisse „fühlst du dich nicht gewollt in Deutschland“. Doch um sich in Deutschland nicht gewollt zu fühlen, muss der Mensch nicht an Allah glauben – oft reicht es schon, öffentlich von der Möglichkeit einer gerechten und lebenswerten Gesellschaft zu träumen. Es gibt Schlimmeres, als zu glauben und zu träumen.

„Der Koran ist das letzte Wunder, das Gott den Menschen gelassen hat“, der Prophet Muhammed hat es der Menschheit überbracht. Aber warum bleiben uns in der Welt, die Gott geschaffen hat, nur so wenig Wunder – und stattdessen so viel Leid und Ungerechtigkeit? „Das möchte ich auf intellektueller Ebene verstehen, indem ich die Dinge hinterfrage.“ Für Souher ist der Weg dorthin ein Auslandspraktikum in London an einem islamischen Institut und vielleicht ein entsprechendes Studium. „Vieles habe ich noch nicht verstanden. Aber eine Sache weiß ich mit Sicherheit: Der Glaube macht mich wirklich zu einem besseren Menschen.“

Zum Weiterlesen: Annemarie Schimmel: „Die Religion des Islam“, Reclam Sachbuch, 158 Seiten. 4,60 Euro.

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