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campusKULTUR Featured Ganz vorn — 16 Januar 2018

Cover des Kursbuches 192 „Frauen II“ (Foto: Kursbuch)

40 Jahre nach dem Erscheinen des  Kursbuches 47 mit dem Titel „Frauen“ erschien am 02. Dezember 2017 mit dem Kursbuch 192 „Frauen II“ die Fortsetzung. Was hat sich in den vergangenen 40 Jahren geändert? Welche Rolle spielt das Kriterium „Frausein“ heute im Beruf, in der Familie und in der gesamten Gesellschaft? Und welches Fazit hinsichtlich der Situation von Frauen kann für das Jahr 2017 gezogen werden? Im neuen Kursbuch analysieren 12 Autor_innen aus unterschiedlichen Perspektiven die stabile Asymmetrie in der Beziehung Frau-Gesellschaft. Dabei zeigen alle Beiträge die hohe Aktualität des Themas, das nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen relevant ist. Von Julia Hennig.

Armin Nassehi, der als einziger männlicher Autor in diesem Kursbuch schreibt, vergleicht in seinem Editorial die aktuelle Situation der Frauenfrage mit der Frage nach einem aufgeklärten Zeitalter durch Kant. Dieser habe im Jahr 1784 die Frage verneint und geantwortet: „Nein, wir leben in einem Zeitalter der Aufklärung.“ Diese Einschätzung eines Status als „work in progress“ teilt auch Karin Reschke in ihrer Einleitung zu ihrem wiederabgedruckten Text Power Frauen! aus dem Jahre 1977: „Der Prozess Emanzipation dauert an in unseren Breiten, er wird niemals ganz abgeschlossen sein – es sei denn, frau kämpft um Separierung auf breitester Front“.  In ihrem folgendem Essay setzt sie sich mit aktuellen und damaligen Frauenbewegungen auseinander und analysiert die Asymmetrie zwischen Frauen und Männern in der Familie und dem Beruf.

Die aktuelle Care-Krise: Zusammenhang von Care und Gender

Barbara Thiessen, Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut, kritisiert in ihrem Text „Entlastet von häuslichen Pflichten“. Ein trügerisches Emanzipationsideal das Menschenbild, das hinter der aktuellen Care-Arbeit im privaten und professionellen Bereich steht. Der Titel rekurriert dabei auf den im Kursbuch „Frauen“ 1977 von Marina Moeller-Gambaroff erschienenen Text. Darin propagiert diese ein Emanzipationsideal von Frauen, die berufstätig und finanziell unabhängig sind und von „häuslichen Pflichten weitgehend entlastet sind“. Dadurch werde jedoch nach Thiessen Care-Arbeit grundlegend entwertet und die Autonomie über die Angewiesenheit, die mit der Fürsorge für Andere einhergeht, gestellt.

In einem anschließenden historischen Rückblick zeigt die Autorin den großen Zusammenhang zwischen Gender und Care auf. Entscheidend sei hierbei die mit der Industrialisierung eintretende Entwicklung von außerhäuslicher Lohnarbeit als Aufgabe der Männer gewesen, die zu einem Ausschluss von Fürsorge als Arbeit geführt habe. Care wurde von da an als „Liebe“, „Da-Sein für andere“, als Aufgabe der Frauen verstanden. Dies führte in der Folge zu einem geringeren Ansehen und einer geringeren Entlohnung von Berufen mit einer Nähe zu Haushalt und Familie, was bis heute spürbar ist. Deutlich wurde dieses Problem kürzlich in einer TV-Wahlkampfveranstaltung mit Angela Merkel im September 2017, in der der 21-jährige Altenpflegeschüler Alexander Jorde der Kanzlerin angesichts der aktuellen Pflegesituation Menschenrechtsverletzungen vorwarf.

Thiessen fordert daher ein neues Menschenmodell, das auf der Annahme einer prinzipiellen Angewiesenheit des Subjekts und auf Gegenseitigkeit beruhe. Angesichts der Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften sowie der Pflege im Ausland weist sie zudem auf den globalen Aspekt der Thematik hin. Daher schlägt sie das Modell der „atmenden Lebensläufe“ vor, bei denen im gesamten Berufsleben von den Arbeitnehmer_innen kürzere und längere (Teil-)Ausstiege ohne größere finanzielle Verluste genommen werden können.

Mode ist Frauensache?!

Gertrud Lehnert, Professorin für Alllgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam, thematisiert in ihrem Text Der kleine Unterschied. Weibliche Modelust und Männlicher Modefrust das Verhältnis von Mode und Gender. Unter Mode versteht die Autorin dabei Bekleidung, „die versehen wird mit Versprechen“ und im Gegensatz zu Kleidung nicht nützlich sei. Im Alltag kann dabei schnell der Eindruck entstehen, dass Mode Frauensache ist: Es gibt größere Damenabteilungen, mehr Damenkollektionen und die kreative Arbeit wird, anders als die Herstellung, überwiegend von Männern übernommen. Jedoch verweist die Autorin darauf, dass in der Renaissance und im Barock die Männerkollektionen aufregender gewesen seien.

In ihrem historischen Rückblick macht die Autorin darauf aufmerksam, dass schon im 17. Jahrhundert Frauen (und nicht Männer) als diejenigen beschrieben wurden, die Mode im Übermaß konsumierten. Während des 18. Jahrhunderts, in dem sich das Bürgertum ausprägte, wurde Mode wirklich zu einer „Frauensache“. Im 19. Jahrhundert verschwand die Männermode dann ganz und wurde durch eine „dezente Männerkleidung“ ersetzt. Die Funktion der Frauen bestand nach dem Soziologen Thorstein Veblen am Ende des 19. Jahrhunderts darin, durch die Mode den Reichtum ihrer Männer zu demonstrieren. Dies werde, wie Lehnert anführt, auch heute noch in der Medienberichterstattung deutlich, wenn die Medien ausführlich über das Äußere von Melania Trump berichten. Während Männer also durch ihre Tätigkeiten und Fähigkeiten und eine schlichte Kleidung, die für Pflichtbewustsein, Verzicht und Selbstbeherrschung stehe, überzeugen, müssen Frauen dies durch die Mode tun.

Mut zur Sichtbarkeit: Die persische Feministin Tahiri

Die Juristin und Journalistin Shila Meyer-Behjat berichtet in ihrem Text Eine Qual hinter dem Vorhang. Das starke Leben der persischen Feministin Tahiri über eine für viele eher unbekannte persische Frauenrechtlerin aus dem 19. Jahrhundert. Der Titel deutet die schwierige Ausbildungssituation der Protagonistin an, die als Tochter eines Islamgelehrten nur hinter einem Vorhang an seinen Vorlesungen teilnehmen durfte und von ihm Privatstunden erhielt. Im Alter von 12 Jahren soll sie ihre erste öffentliche Rede gehalten haben, so dass ihr Vater feststellte: „Wäre sie ein Junge gewesen, sie hätte mein Haus erleuchtet und wäre mein sicherer Nachfolger gewesen.“

Religiös fühlte sich Tahiri, geboren als Fatima Baraghani, der Bahai-Religion zugehörig, deren Ursprünge im schiitischen Islam liegen. Sie gehörte zu den ersten 19 Personen, die sich der Bewegung um Sayyid Ali Muhammed anschlossen. Dieser erklärte, er werde die Menschheit auf die Ankunft des Messias vorbereiten und nannte sich selbst Bab (Tor). Er war es auch, der der Frauenrechtlerin den Namen Tahiri, arabisch für rein oder keusch, gab. Kurz davor hatte Tahiri auf der Konferenz von Badascht, einer Versammlung von Bahai-Anhänger_innen, mit ihrer Aktion für Aufsehen gesorgt. Sie, die zuvor nur hinter einem Vorhang verborgen an öffentlichen Plätzen gesprochen hatte, hielt während der Versammlung öffentlich eine Rede und zog dabei ihre Kopfbedeckung ab. Die Handlung, mit der sie sich für eine Modernisierung von Gesellschaft und Religion erhob, sorgte nicht nur unter den Anwesenden für Aufsehen. Sie starb schließlich im Jahre 1852 infolge einer Hetzjagd auf Bahai-Anhänger_innen mit den Worten: „Ihr könnt mich töten, doch den Fortschritt der Frauen könnt ihr nicht aufhalten.“

Unsichtbarkeit als Strategie rechter Frauen

Während Tahiri sich bewusst aus der Unsichtbarkeit hinter dem Vorhang in die öffentliche Sichtbarkeit bewegte, analysiert die Soziologin Jasmin Siri in ihrem Text Rechte Frauen. Ein Blick hinter unsichtbare Fassaden Unsichtbarkeit als Strategie rechter Frauen. In ihrem historischen Rückblick zeigt sie dabei auf, dass Frauen für das Funktionieren des NS-Staates relevant waren und auch in KZs und Foltereinrichtungen arbeiteten, aber nur wenige von ihnen nach 1945 angeklagt wurden. Ihre Taten seien dabei von alliierten Ankläger_innen mit Verliebtheit und einem mangelndem Verständnis der Tragweite der Taten erklärt worden.

Diese Einstellung dauere nach Siri bis heute an, was die Autorin in ihrer Analyse des NSU-Prozesses zeigt. Dabei seien Frauen als Täterinnen bereits bei der Strafverfolgung unsichtbar, da die Täterprofile der Behörden eine weibliche Täterschaft bei rechtsextremen Straftaten häufig ausschließen. Im Prozess selbst habe sich Beate Zschäpe als schwach, abhängig, verliebt und als „desinformierte Mutter der Kompanie“, die allein für Reproduktionsarbeit verantwortlich gewesen sei, dargestellt. Zschäpes Exkulpationsstrategie via Geschlecht scheint bis jetzt zwar nicht erfolgreich zu sein, jedoch resultiere sie aus historischen Geschlechterstereotypen.

Fazit und Gewinnspiel

Das Kursbuch 192 „Frauen II“ zeigt, dass auch 40 Jahre nach dem Erscheinen des Kursbuchs „Frauen“ die Thematisierung der Stellung von Frauen und die Rolle des Kriteriums „Frausein“ in der Gesellschaft eine hohe Aktualität hat. Die dargestellten Essays stellen dabei nur eine Auswahl der Themen dar, die das aktuelle Kursbuch aus verschiedenen Perspektiven und auch in künstlerischer Form thematisiert. Ich kann das Kursbuch daher allen empfehlen, die sich auch aus bisher unbekannten Sichtweisen einmal mit dem Thema beschäftigen möchten. Und vielleicht schreiben im nächsten Kursbuch auch einmal männliche Autoren oder Autor_innen, die sich selbst als weder weiblich noch männlich definieren, zum Thema Frauen (oder Gender allgemein)?

Wenn ihr das Kursbuch 192 „Frauen II“ gewinnen wollt, dann schreibt uns bis zum 26.01.2018 per Mail an redaktion@speakup.to oder als Kommentar unter dem Facebookpost, was ihr euch für das Jahr 2018 wünscht!

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