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campusONLINE Ganz vorn Headline — 12 September 2011

Das Auslandssemester – der Inbegriff für neue Erfahrungen, unbekannte Menschen und ihre Kulturen, und natürlich viele weit reichende akademische Erkenntnisse zur persönlichen Welterklärung (wenn dazu der Kopf nach der letzten feucht-fröhlichen Party noch in der Lage ist…). Ein Traum von Freiheit, Abenteuer und Erleuchtung. Doch bevor es soweit ist, denken viele Studierende an ganz andere Dinge: zum Beispiel an die Wohnungssuche. Obwohl das Semester schon seit einer Woche läuft, haben an der Universität Kopenhagen noch längst nicht alle eine Bleibe gefunden – und sind gezwungen, immer absurdere Wohnungsangebote anzunehmen. Ein Bericht von Denis Newiak.

Kopenhagen

Hier lässt es sich aushalten. Natürlich nur mit Dach überm Kopf. (Foto: Newiak)

Wer zum Namen Kopenhagen frei assoziieren soll, denkt vielleicht zuerst an die Statue der „kleinen Meerjungfrau“, die sich am Hafen der Stadt vor dem schaulustigen Weltpublikum auf einem Stein räkelt und an ihren Liebsten denkt, der aus einer fernen nicht greifbaren Welt stammt. Wie die Meerjungfrau sich nach Sicherheit und Geborgenheit, wohl aber auch nach einem schlicht die Bedürfnisse erfüllenden (trockenen) Zuhause sehnt, tun es auch viele Studierende, die für einen Teil ihres Studiums in die dänische Hauptstadt gekommen sind: Die Wohnungssituation ist, um nicht ‚völlig hoffnungslos’ zu sagen, sehr angespannt. Für die 2.000 Studis aus fremden Ländern sind gerade mal 400 Quartiere in Studentenwohnheimen vorgesehen – nur wer seine Bewerbungsunterlagen z.B. für ein „Erasmus“-Semester in der ersten Woche des Bewerbungszeitraums einreicht, hat vielleicht Glück, eines abzubekommen. Für vier von fünf Studis aber, die vielleicht noch auf eine Unterschrift oder ein Studienverlaufszeugnis warten müssen, bleibt nur eines: die Privatwirtschaft. Und die weiß, aus der Abhängigkeit der Studierenden ein gutes Geschäft zu machen.

Wer es sich nicht leisten kann, schon vor Beginn des Aufenthaltes speziell nur für die Wohnungssuche anzureisen, hat nur die Chance, sich über das Internet Angebote einzuholen, oder treffender: den wenigen Vakanzen wie ein dürrer Hund nachzurennen. Und bekanntermaßen ist das World Wide Web nicht nur Ausdruck einer „neuen Freiheit“, sondern auch Hauptsitz der mehr oder weniger gut organisierten Kriminalität. Wer nicht höllisch aufpasst – und viele, die während des Bachelor-Studiums ins Ausland gehen, sind noch keine routinierten Wohnungsjäger_innen –, fällt vielleicht auf emsige Trickbetrüger_innen rein: Die locken nämlich mit Fotos kleiner, nicht gerade luxuriöser, aber zweckdienlicher Wohnungen, rufen freundlich an (natürlich mit unterdrückter Rufnummer) und schicken unterschriebene seriös wirkende Verträge. Denjenigen, die darauf reinfallen und die geforderten zwei Monatsmieten – in Kopenhagen im Schnitt gute 1.000 Euro –, tatsächlich überweisen, möchten die Tricker sogar den vermeintlichen Wohnungsschlüssel per DHL-Paket zuschicken – wie aufmerksam!. Im worst case freut sich dann die oder der Betrogene noch darüber, endlich eine Bleibe gefunden zu haben, und merkt erst vor Ort, dass der Schlüssel nicht passt und das ersparte Studiengeld auf Nimmerwiedersehen über alle Berge oder Konten ist… Ein denkbar unangenehmer Start ins Auslandssemester. Ich persönlich hatte, trotz der Euphorie, auf dutzende von Anfragen wenigstens eine positive Rückmeldung bekommen zu haben, noch rechtzeitig vor einer Zahlung die Reißleine gezogen – und so eine Lektion fürs Leben, auf die ich gern verzichtet hätte (inzwischen habe ich ein kleines Zimmer in Nørrebro gefunden). Die Verbrecher_innen können sich von der Anonymität des Internets gut geschützt fühlen – doch für die Studierenden bleibt in vielen Fällen bis zur Abreise nur das berückende Gefühl übrig, am Anfang „obdachlos“ zu sein.

Die einzige Hoffnung, die „Housing List“ mit privaten studierendenfreundlichen Anbieter_innen, herausgegeben vom universitären „International Service“, ist schnell verflogen, denn die aufgeführten 100 Vermieter_innen können sich kaum vor wohnungssuchenden Studis retten, nur ein Bruchteil der Nachfrage bedienen, und selbst hier kann die Universität keine Garantie dafür geben, dass sich hinter manchen wohlwollend klingenden Namen und Beschreibungen nicht doch fiese Gangster verstecken. So bleibt nur die Onlinereservierung in der Jugendherberge, die gern 50 Euro die Nacht im gemischten Mehrbettzimmer verlangt.

Außer mit einer Liste von „tips“, einer Vokabelliste und dem Versuch einer Aufmunterung, die Situation würde sich innerhalb der kommenden Wochen entspannen, kann der „International Service“ der Universität Kopenhagen den Studierenden nicht helfen. So sind die anreisenden Studis völlig auf sich allein gestellt. Einige von ihnen haben Glück und finden schnell über Aushänge und Annoncen eine Bleibe, wenn auch zu teilweise horrenden Preisen. Manchen Studierenden bleibt wohl der Atem stocken, wenn sich ihnen die einzige Chance einer Unterkunft vor den eigenen Augen entblößt – und als unzumutbare Bruchbude darstellt. Doch vor allem bleibt zahlreichen Studis nichts anderes übrig als in Kauf zu nehmen, eine Wohnung weit außerhalb der Stadt zu beziehen, zum Beispiel in Solrød oder sogar in Schweden. Wenn es (im wörtlichsten Sinne) schon so weit gekommen ist, müssen die „Ausgelagerten“ zu ihrer Miete noch das Ticket für den Nahverkehr (umgerechnet etwa 120 Euro im Monat; ein „Semesterticket“ wie beispielsweise in Potsdam gibt es nicht) und die Reisezeiten (nicht selten über eine Stunde pro Strecke) hinzurechnen. Da kann das Studium ermüdend und teuer, manchmal unbezahlbar werden.

Für die nächsten Jahre wird prognostiziert, dass die Anzahl an Studierenden in Kopenhagen weiter steigen wird – auch wenn die konservativ-liberale Regierung derzeit noch die Reduzierung der Zahl ausländischer Gaststudierender propagiert und lanciert. Schnellstmöglich müssten neue Studierendenwohnheime gebaut werden, beispielsweise im campusnahen Amagerfælled, wo es genug Platz und vorhandene Infrastruktur gäbe. Doch davon wird hier wenig gesprochen. Stattdessen lecken sich Makler_innen und Wohnungseigentümer_innen die Finger und können so gut wie jedes Zimmer zu einem die Studis ausbluten lassenden Preis verhökern.

Wenn sich Studierende wegen klammer öffentlicher Haushalte und der hemmungslosen Gier der Privatanbieter_innen das Auslandssemester nicht mehr leisten können oder statt ihre Zeit mit dem eigentlichen Studium zu verbringen, diese mit nervenzerfetzender Wohnungssucherei vergeuden müssen, ist etwas gewaltig schief gelaufen. Dann entlarvt sich das Versprechen der Mobilität im europäischen Bologna-Hochschulraum als dahergeredet – und die Freude auf neue Erfahrungen, eine unbekannte Kultur und erhellende Erkenntnisse verwandelt sich in den Wunsch, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu fahren.

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