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campusKREATIV — 10 Februar 2011

„Ein neues deutsches Sommermärchen“ meinten viele, als Gesangstalent und Unterhaltungskünstlerin Lena Meyer-Landrut letztes Jahr den Eurovision Song Contest gewann. Dieses Jahr hätte Stefan Raab die Chance gehabt, einen Song zu casten. Stattdessen wurde knallhart kalkuliert und dem Publikum ein Dutzend fertige Lieder vorgesetzt. Friss oder stirb. Denis Newiak kommentiert

Ein Kontinent in Lenamania: Nach den vielen peinlichen Auftritten von deutschen Vertreter_innen beim weltgrößten Musikereignis ist es Deutschland und Europa nicht übel zu nehmen, dass ihnen Lena und ihr Song „Satellite“ einfach gut taten. Unverbrauchtheit und Andersartigkeit von Sängerin und vorgetragenem Titel verdrehten einem ganzen Kontinent den Kopf – zu Recht. Als Raab am nächsten Morgen ankündigte, seine Entdeckung Meyer-Landrut würde auch 2011 wieder antreten, hielten das viele für einen Scherz, manche sogar für einen schlechten Scherz. Tatsächlich dürfte die ach so spontane Entscheidung eine zwischen ARD und Raab ausgehandelte Sache gewesen sein.

Lena und Vaterfigur Raab würden es im nächsten Jahr schwerer haben, eine neue Welle von Euphorie auszulösen, das war schon sehr zeitig klar: Nicht wenige hatten den marktwirtschaftlichen Hype um Lena und die um sie kreisenden Beschallungs- und Fanprodukte allmählich „satt“. Wer regelmäßig TVtotal oder die zahlreichen anknüpfenden Sonderformate wie „Schlag den Raab“ konsumiert, wird sich so langsam aber sicher gefragt haben, was der Medienguru im stillen Kämmerlein zusammen mit der ARD wohl ausheckt.
Jeder, der die immer wieder sich selbst überbietenden und nicht selten an Wahnsinn grenzenden Ideen von Raab mochte, muss dieses Jahr sehr enttäuscht gewesen sein: Anfang Januar zeigte sich, dass dem Pro7-Zugpferd nichts Besseres einfiel als eine dreiteilige Show „Unser Song für Deutschland 2011“, in der Lena ein Dutzend vorgefertigte Lieder vorträgt und das Publikum mit dem Hörer in der Hand daraus den Song für die Titelverteidigung Mitte Mai wählt. Das ist ein anderer Raab: Nicht mehr der Risikomensch, der sich von Kamelen durchschütteln lässt, Jungtalenten beim „Bundesvision Song Contest“ eine eigene Plattform bietet oder mit Heidi-Klum-Satire „TVTNSFDWADKHUWGNEMKAKVANBÜDLZT“ handfeste Medienkritik leistet. Es ist eher ein Raab, der Angst hat, die eigenen Erwartungen an sich selbst nicht erfüllen zu können und sich deswegen nach allen Seiten absichert, ohne ein Risiko einzugehen. Aus „Raab in Gefahr“ wird eine zähe Quarantäne-Show „Unser Song für Deutschland 2011“, in welcher Raab seine eigenen Produktionen gut platzieren und die Fäden in der linken Hand halten kann.

Oktober 2010: Eine Handvoll Studierende des Fachs „Europäische Medienwissenschaft“ soll im Rahmen eines Projektseminars ein neuartiges Medienformat entwickeln. Der dreiköpfigen Gruppe spukt der Arbeitstitel „Unser Song für Düsseldorf“ durch den Kopf. Die Idee: Wenn Lena als Sängerin schon feststeht, sollte wenigstens der neue Song demokratisch ausgewählt werden. Alle, die Lust darauf hätten, würden Songs schreiben und sie als Video ins Internet hochladen. Dann würde die Community über ihre Topfavoriten entscheiden. Mit Hilfe von Musikexpert_innen könnten die Rohfassungen dann zum Hitfavoriten geschliffen werden – so wie einst bei „SSDSGPS“, Raabs erster Grand-Prix-Castingshow 2004, als ein unscheinbarer Kandidat seinen Song „Thank You“ in professioneller Bearbeitung mit Band, Streichorchester und Background-Chor zum besten geben durfte und sich – den Tränen nah – die Seele aus dem Leibe sang (zur Erinnerung: tinyurl.com/thank-you-mann). Und es klang sogar gut. Warum also sollte Deutschland nicht seinen eigenen Song schreiben dürfen? Sicherheitshalber hat die Gruppe von Studierenden (Tina Dreisicke, Tobias Gutsche, Denis Newiak) Raab und der ARD mal ihren Entwurf rübergeschickt. Nicht, damit er umgesetzt wird, sondern als Symbol dafür, dass es auch anders hätte laufen können.

Anstatt die historische Chance zu nutzen, etwas Neues zu wagen, setzt Raab auf Sicherheit und Kalkül, doch die Rechnung geht anscheinend nicht auf: Die Fernsehzuschauer_innen merken irgendwie, dass es nicht demokratisch sein kann, wenn man nur wählen, aber nicht selbst kandidieren kann und jede Stimme 50 Cent kostet. Raab sollte stutzig werden, wenn dreimal so viele Leute lieber „Wer wird Millionär?“ als sein neues Gran-Prix-Format schauen. Die Songs, die dort zur Wahl stehen, sind okay, aber sie sind wohl auch nicht der Brüller des Jahres. Die Leute spüren, dass die zwölf Lieder nur eine im dunklen Kämmerlein ausgeklüngelte Masse sind, die genau den Umfang hat, wie er sich für ein neues Album eignet – rein zufällig erschien am Montag Meyer-Landruts neue Platte inklusive neuer Raabkompositionen.
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Raabismus.

Doch Medienkritiker Raab ist selbst größenwahnsinnig geworden. Seitdem er bei seinem selbstgeschaffenen Gladiatorenkampf „Schlag den Raab“ in den letzten 12 Monaten doppelt so oft verloren wie gewonnen hat, wird er sichtbar nervös. Spätestens der Eurovision Song Contest am 14. Mai in Düsseldorf wird dann doch zur Zerreißprobe: Sollte der unwahrscheinliche aber nicht ausgeschlossene Fall eintreten, dass Deutschland erneut als Sieger hervorgeht, könnte Raab in den Olymp befördert werden und vor Selbstzufriedenheit zerplatzen (dass er darauf spekuliert, deutet schon das „2011“ im Sendetitel an). Sollte ein Erfolg ausbleiben, steht der Mediengigant unter Druck, weil er eine Ausnahmekünstlerin verschlissen und offensichtliche Gestaltungschancen aus Kalkül und Geltungsbedürfnis ungenutzt gelassen hat.

Raab hat sich offensichtlich verkalkuliert. In dem Willen kein Risiko einzugehen, droht ihm doch die Gefahr, dass die vermeintlich sichere Nummer schlicht unspektakulär scheitert. Wir sind gespannt, ob und wie sich Strippenzieher Raab zum studentischen Alternativkonzept äußern wird – und ob ihm bald noch genügend Zeit bleiben wird, sich selbst neu zu erfinden. Wer ins Konzept gucken möchte: http://www.denis-newiak.de/song-fuer-duesseldorf

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admin

(9) Readers Comments

  1. Konzept: 404 Not found. Link reparieren!

  2. Danke für den Hinweis, Link zum Konzept repariert. Viel Spaß beim Lesen!

  3. Hi allerseits. Ein interessantes Konzept, dass ihr da vorgeschlagen habt und das mir persönlich sehr gut gefällt. Gerade die Nutzung neuer Medien wäre wirklich innovativ gewesen. Hoch risikoreich allerdings auch. Soweit kann ich Eurem Artikel von der Argumentation her gut folgen danach jedoch nicht mehr.
    Wenn ihr schreibt, dass Raab statt eine „historische Chance zu nutzen, etwas Neues zu wagen,..auf Sicherheit und Kalkül,“ dann vergest Ihr, dass der sichere Weg ganz einfach eine Neuauflage von USFO gewesen wäre. Alleine schon die Titelverteidung birgt ein nicht unerhebliches Risiko in sich. Dieses Risiko wird von Euch nicht anerkannt sondern plötzlich als Größenwahnsinn bezeichnet.

    Mit Eurer Aussage „Die Leute spüren, dass die zwölf Lieder nur eine im dunklen Kämmerlein ausgeklüngelte Masse sind, die genau den Umfang hat, wie er sich für ein neues Album eignet“ folgt ihr im Moment dem Mainstream der veröffentlichten Meinung. Es ist nicht korrekt, alles jenseits der großen Freiheit des Netzes, als „dunkles Kämmerlein“ ab zu qualifizieren. Die Lieder sind unter entscheidender Einflußnahme der Künstlerin ausgewählt, teilweise auch verändert oder geschrieben worden. Lena, und nicht irgendwelche anonymen Songschreiber der Netz Community, hat den ESC 2010 mit ihrer fantastischen Performance gewonnen. Daher steht allein ihr das Recht auf Auswahl der Songs zu. Und wenn sie das gerne im stillen Kämmerlein tun möchte statt mit Hilfe der Netz-Community, mögen das einige als vertane Chance ansehen, es steht ihr trotzdem zu!!

  4. Neue Ideen sind immer gut. Ich pers. freue mich, dass durch den Erfolg von Lena in Oslo der ESC überhaupt wieder attraktiv geworden ist, sonst würde sich ja niemand Gedanken um den nächsten machen. Raab gleich wieder Vorwürfe zu machen, ist etwas kleinlich. Lena selbst sagte ja: „Wenn die Welt 2012 nicht untergeht…“. Es kommen ja noch weitere ESC, wo wieder alles offen ist. Da Deutschland dieses Jahr kaum noch einmal Gewinner sein wird – egal, wer, was singt – würde eine neue Idee (sofern umgesetzt) doch sofort wieder niedergeschrieben und fallengelassen. Vielleicht ergibt sich die Chance nächstes Jahr? Die genannten Kollegen sollten dranbleiben. Wer aus einer gebrochenen Hand mal eben „Schlag den Raab MIT LINKS“ macht, ist sicher nicht unflexibel…

  5. Das Konzept ist interessant und zeitgemäß. Es übersieht aber weitgehend die musikalischen Wünsche der Interpretin (Lena). Da sie am Auswahlverfahren in „nicht ausreichender Weise“ beteiligt wäre, müsste sie am Schluss wohlmöglich eine Komposition vortragen, die ihr überhaupt nicht zusagt. Dies ist für eine Künstlerin, deren explizite Stärke in der intuitiven Interpretation von Songs liegt, nicht besonders sinnvoll.

    Einen Aspekt des Konzepts wäre aber unter Umständen auch für das aktuelle USFD-Format interessant gewesen, und zwar das Vortragen der (bzw. einiger) Songs in unterschiedlichen Versionen/Arrangements. Eine gute Idee, die allerdings schon bei USFO in ähnlicher Form umgesetzt wurde – mit einem, wie ich finde, sehr aufschlussreichen Ergebnis.

  6. Hallo allerseits!

    Danke für die wirklich sehr interessanten Beiträge. Wir werden am Sonnabend das Konzept im Rahmen unseres Projektsseminars präsentieren und vorher auch über eure spannenden Kommentare sprechen.

    Ein kleiner Hinweis nur (@“Muenzi“): Zwar hat auch Meyer-Landrut in Zusammenarbeit mit Raab zwei Titel beigesteuert, der Großteil dürfte aber von Raab und seinen Berater_innen ausgesucht werden (so klang es auch in der Sendung, wenn auch nicht genau darauf eingegangen wurde). Natürlich soll sich die Sängerin mit den Songs identifizieren, aber erstens ist es unklar, ob das auch bei dem derzeitigen Dutzend immer der Fall ist und zweitens würden in unserem Konzept die Alternativarrangements greifen. Bei „Sattelite“ war das, wie „Jonas“ schon festgestellt hat, auch sehr produktiv und könnte den Sieg mit ausgemacht haben.

    Wer weiß, was 2012 kommt! 🙂

  7. Bei der Vorstellung, daß „die Community“ über tausende von Songs von Amateur-Songschreibern abstimmen soll, um daraus dann irgendwas kompatibles für Lena zu backen, mußte ich grinsen. Als der Thank-You-Mann auch noch mit einem „klang gut“ bedacht wurde, bin ich fast vom Stuhl gekippt, das kann doch nicht ernstgemeint sein.

    Die Entscheidungsträgerin heißt Lena, sonst niemand. Sie hat entschieden, welche Songs sie singen möchte und welche auf die Platte kommen. Die sogenannte „Jury“ unter Vorsitz von Raab hatte lediglich eine beratende Funktion.

    O-Ton-Raab vor wenigen Tagen:
    „Als allererstes ist es mal wichtig, daß sich die Künstlerin – oder der Künstler, wenn wir von anderen Shows sprechen – mit dem Song wohlfühlt, daß die Bock haben, auf das, was sie da machen und so; und das ist der Punkt. Als erstes trifft Lena erstmal ’ne Entscheidung: ‚Das find‘ ich gut, das find‘ ich gut, laß uns mal en paar Sachen schreiben‘. Finde ich das gut oder nicht? Und das ist wichtig, weil, wir züchten ja hier keine Marionetten ran. Das unterscheidet uns von vielen anderen.“

    „Taken by a Stranger“ wurde von Lena trotz Abneigung aller anderen Beteiligten durchgesetzt, das ist dem letzten Imre-Grimm-Lena-HAZ-Interview zu entnehmen.
    „At All“ hat sie Aloe Blacc persönlich in Auftrag gegeben als der letztes Jahr bei tvtotal zu Gast war. Wenn man sich die Lyrics anschaut, sollte jedem klar sein, wo der Hase auf dem Album langläuft, das ist 100% Lena. 😉

    Also, sympatische Idee, die Ihr da habt, aber aber wir sprechen hier von einer Künstlerin, die im April 130.000 Leute auf ihrer Tour unterhalten wird, da kann sie nicht mit „Thank You“ anrücken, da braucht man Qualitätsware und die wurde gefunden, unter anderem, weil Schaub/Lammers wieder zwei Songs beigesteuert haben, damit haben sie dann schon vier auf ihrem Konto. Never change a winning team, es hat sich gelohnt, wie man hört.

  8. Was passiert wenn sich alle Lena-Hater zusammenschließen und für soetwas wie „Hallo, ich bin Miss Schmutzig“ voten, dann muss Lena das ja auch singen?! Mit dem Auswahlverfahren ist ja nicht garantiert, dass Lena das Lied gefällt oder das es zu ihr passt und sie es glaubhaft präsentieren kann.

    Außerdem wird ein einzelner Voter keine Zeit haben, hunderte Songs auszuwählen. Daher vermute ich auch das Lena aus einer von ihrem Management reduzierten Sammelung hat wählen dürfen.

    Was an Raabs jetztigen Showkonzept einen Nachgeschmack hinterlässt ist die Tatsache, dass vor allem Promotion fürs Album betrieben wurde und das Finden eines ESC-Songs nur zweitrangig war.

  9. Pingback: SpeakUP – die Studierendenzeitschrift der Uni Potsdam | funkUP – Campusradio Potsdam

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