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campusONLINE Featured Ganz vorn — 12 Januar 2013
Sitz der Religionswissenschaft am Neuen Palais (Foto: Thomas Leonhardy - Fotolia.com)

Sitz der Religionswissenschaft am Neuen Palais (Foto: Thomas Leonhardy – Fotolia.com)

Das Institut für Religionswissenschaften der Universität Potsdam steht seit dem Bekanntwerden einer Kooperation zwischen dem Institut und der „University of Religions and Denominations“ (URD) in Qom/Iran unter internationaler Kritik. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat sich kürzlich hinter der umstrittenen Zusammenarbeit gestellt, die einen interreligiösen und wissenschaftlichen Dialog sowie den Austausch von Doktoranden vorsieht. Von Souher Nassabieh.

Nur beiläufig erzählte Herr Prof. Dr. Hafner in der „Potsdamer Neueste Nachrichten“ (pnn) von der Kooperation zwischen dem Institut für Religionswissenschaften und der URD. Kurz darauf wird in einem Blog die Information als Skandal dargestellt und ein „Shitstorm“ machte sich breit. Als schließlich die „Jerusalem Post“ die Zusammenarbeit als „antisemitisch“ bezeichnete, wurde die internationale Aufmerksamkeit geweckt.

Seinen Anfang nahm alles mit einer Iran-Exkursion der Universität Potsdam im Jahr 2010 unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Hafner und Herrn Dr. Haußig. Auf dem Programmpunkt stand dabei u.a. der Besuch der URD in Qom, von der Herr Dr. Hafner später sagte, sie sei „die einzige im Iran, die sich der Erforschung und der Lehre der lebenden Religionen, ihrer inneren Vielfalt und ihren Spannungen widmet”. Doch genau dies scheint umstritten zu sein. Schweren Vorwürfe sieht sich das Institut für Religionswissenschaften ausgesetzt. Das wohl bekannteste Gesicht der Gegner der Kooperation, Wahied Wahdat-Hagh, Fellow bei der European Foundation for Democracy (EFD), kritisierte die Zusammenarbeit in mehreren Beiträgen, u.a. in der „Jerusalem Post“, „Jungle World“ und „Mehriran.de“.

Der deutsch-iranische Soziologe bezeichnet die „vermeintlich harmlosen ‚kulturellen‘ Kontakte“ als Versuch Irans, sich aus seiner Isolation zu befreien und spricht seine Besorgnis darüber aus, wie Institutionen in Deutschland denn überhaupt bereit wären, einen Dialog mit einer „islamistischen Kaderschule“ zu führen. Auf einem Foto, so Wahdat-Hagh, dass das „Indoktrinationszentrum“ und die „Hassschmiede“ URD veröffentlicht habe, seien die gern gesehenen Gäste ultraorthodoxer Juden und Freunde Ahmadinedschads der Gruppe „Naturei Karta“ zu sehen, auf dem ein Mitglied ein Namensschild mit der Aufschrift: „Jude, kein Zionist“ trägt – purer Antisemitismus nach Wahdat-Hagh. Weiterhin sei Seyyed Abdulhasan Navab, der Dekan des Instituts in Qom, ein Absolvent der Haghani-Schule, die angeblich eine extremistisch-schiitische Ideologie vertrete. Da sei es kein Wunder, dass das Institut in der ersten Regierungszeit Ahmadinedschads gegründet worden sei. Ein Dialog sei Wahdat-Haghani zufolge nicht möglich, denn in der „islamistischen Dikatur“ gäbe es weder Meinungs- noch Forschungsfreiheit. Unter den Deckmantel eines religionswissenschaftlichen Dialogs versuche die URD nichts weiter, als Missionierung und Bespitzelung.

Auch das American Jewish Commitee (AJC) äußerte seine Besorgnis über ein Abkommen des DAAD und des iranischen Bildungsministeriums zur Förderung des akademischen Austausches und der Beziehungen deutscher Universitäten zu iranischen Hochschulen. Denn nicht nur die Universität Potsdam, sondern auch die Universität Paderborn und die Universität Frankfurt am Main stehen im Austausch mit der URD. Die Freie Universität Berlin und die Universität Göttingen stehen ebenfalls in Zusammenarbeit mit iranischen Hochschulen. „Von einem Dialog mit ausgewählten Vertretern des iranischen Regimes ist kein Mehrwert zu erwarten. Alleinig die Machthaber im Iran können von solchen Initiativen profitieren“, so Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin/Ramer Institute for German-Jewish Relations. „Das beste Mittel den Menschen im Iran zu helfen ist, das Regime konsequent zu isolieren“.

Im Hintergrund all dieser Vorwürfen scheint die Stellungnahme des DAAD wie eine kleine Genugtuung zu sein. „Ohne Zweifel ist die Lage in Iran schwierig, die offizielle Politik des Landes hochproblematisch und die Beziehung zum Ausland stark belastet. Gerade in dieser Situation ist es notwendig, die wenigen noch vorhandenen Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen“, sagte Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), in einer Pressemitteilung. „Diejenigen, die sich auf deutscher Seite für diesen notwendigen Dialog engagieren, sollten ermutigt und nicht diskreditiert werden.“

Was nun? Isolation oder Kooperation? Wissenschaft oder doch nur Missionierung und Bespitzelung?

Um den Iran zu verstehen, muss man seine Religion verstehen. Der Glaube an das Erscheinen eines Erlösers, dem Mahdi, ist kein genuiner Glaube eines fanatischen Ahmadinedschads oder eine extremistisch-schiitisch Ideologie, wie es Wahdat-Hagh darstellt, sondern eine allgemeine schiitische Glaubensvorstellung. Ferner ist es kein Geheimnis, dass Iran antizionistisch ist, aber daraus kann und sollte man keinen Antisemitismus leiten. Im Gegenteil zeugt auch der Besuch der ultraorthodoxen Juden gerade davon, dass ein Dialog mit Andersgläubigen möglich ist.

Darüber hinaus lässt sich die Andeutung widerlegen, dass URD in der Regierungszeit Ahmadinedschads gegründet worden sei und damit auch unter dem Einfluss von jenem steht. Denn tatsächlich sind die theologischen Institutionen in Qom unabhängig von der Exekutive und der religiösen Führung untergeordnet, die sich explizit für einen wissenschaftlichen Austausch ausspricht. Was den Vorwurf der Missionierung angeht, so kann man jenen freilich jeder Seite unterstellen.

Jedem Argument gesellt sich wohl ein Gegenargument bei. Unterm Strich stellt sich aber die Frage, ob die Unterbindung jeglicher Dialoge im Sinne einer Verständigung beider Religionen und im Sinne geistiger Freiheit ist oder ob eine wissenschaftliche Kooperation mit einem menschenrechtsverletzenden Staat per se nicht erwünscht ist. Aber wenn dem so wäre, dann dürfte Deutschland wohl zu so manchen Verbündeten keine Beziehungen mehr pflegen. Und ist schlussendlich ein wissenschaftlicher und intellektueller Dialog nicht in jeder und gerade in prekären Situationen erwünscht und ein Gebot der Stunde?

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admin

(1) Reader Comment

  1. Toller Artikel, vielen Dank!

    Es ist wirklich entlarvend und nervig wie extremistische exil-iranische Gruppen Hetze betreiben.

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