Ein sensibles Thema: Von Cancel-Culture-Kritik und verirrten Feuilletonist:innen

Die Gesellschaft wird von Vielen als zunehmend polarisiert empfunden (Bild: https://artvee.com/).
Die Gesellschaft wird von Vielen als zunehmend polarisiert empfunden (Bild: https://artvee.com/).

Die Gesellschaft wird übersensibel. Wir hören uns nicht mehr zu; der gesittete Diskurs schafft sich ab. So zumindest klingt es, schenkt man prominenten Stimmen aus den Reihen der deutschen Kulturschaffenden gehör. Woher die eigenartige Faszination der Feulitonnist:innen und Entertainer:innen mit der vermeintlich alles umzirkelnden ‚Cancel Culture‘ kommen könnte, und wie, als von diesen Stimmen markiertes Sensibelchen, damit umgegangen werden kann, darum geht es im Folgenden. Ein Kommentar von Leon Isenmann.

 

 

 

Ein Gespenst geht um im deutschen Feuilleton – das Gespenst der Sensibilität. Alle Mächte der bürgerlichen Mitte haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet; Wagenknecht und Precht, Flaßpöhler und Eilenberger, amerikanische Stand-Up Comedians und deutsche Unterhaltungskünstler. Dieser Einstieg mag etwas dick aufgetragen sein, aber unabhängig von dem Spaß, den ich mir an dieser Stelle erlaube, bleibt ein garnicht mal so witziges Grundproblem. Wir müssen reden. Über die Diskussion der letzten Monate und Jahre, die das deutsche Feuilleton kontinuierlich durchzieht und die unsere öffentlichen Intellektuellen und freigeistigen Selbstdenker:innen magisch anzieht, wie Motten die Glühbirne.

Die Rede ist natürlich von der großen Debatte um die Sensibilisierung der Gesellschaft. Wir alle kennen die Kritik. Nichts dürfe man mehr sagen in diesen so entzweiten Zeiten, denn für jede auch nur der Fortschrittskritik anrüchigen Bemerkung setzt man sich sofort dem Zorn des berühmt-berüchtigten Cancelculture-Mobs aus, jener schauerhaften Sagengestalt, die uns so große Namen aus dem Kulturgedächtnis entrissen haben wie…Thomas Gottschalk?

The usual suspects

Tatsächlich ist die Kritik an der Sensibilität eines der großen gemeinsamen Themen einer ansonsten hochfragmentierten kulturellen Szene. Da ist die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, die in ihrem Buch über die Zeit der ‚Lifestyle-Linken‘ schwadroniert: hochindividualisierte Freaks mit abnormen Forderungen nach gendergerechter Sprache und der Anerkennung diverser Lebensformen, die den Lebenshorizont des deutschen Otto-Normal-Arbeiters völlig zu überfordern drohen und so die Möglichkeit einer linken Bewegung zerschmettern. Oder, wohl am aktuellsten, sind da Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophiemagazins, und Deutschlands unerbetener Philosoph-in-chief Richard-David Precht (der eigentlich Germanistik studiert hat), die in dessen Fernsehsendung gemeinsam das Klagelied anstimmen, unsere Gesellschaft würde sich zu Tode sensibilisieren.

Auch zu nennen wäre die Literatukritikerin Elke Heidenreich, die sich bei Markus Lanz darüber echauffiert, dass man heute nicht einmal mehr fragen dürfe, wo jemand herkommt, der aussieht, als wäre er nicht von hier – und das alles nur, weil die Kinder von heute sich im Internet aufregen, anstatt zu lesen. Oder die legendäre WDR-Sendung vor einigen Monaten, in der Thomas Gottschalk erklärt, er verstehe die Diskriminierung nicht-weißer Menschen, weil er schon einmal auf einer Party blackface gemacht hat während Janine Kunze uns erläutert wie sie das versteht mit den diskriminierenden Begriffen (Spoiler: gar nicht).

Es gibt noch so viel mehr Fälle wie diese. Sie machen manchmal müde, weil man sich in frustrierende Küchenthekengespräche mit angeschwipsten Verwandten zurückgeworfen fühlt, und manchmal machen sie fassungslos, weil man über das lachhafte Unverständnis für jede Form von Perspektive, die nicht in das eigene Bauchgefühl passt, nicht anders kann, als die Haare zu raufen. Bezeichnend ist dabei aber die übergeordnete Form dieser Beiträge. In allen diesen genannten Beispielen handelt es sich um Menschen, die zur absoluten Oberschicht der deutschen Aufmerksamkeitsökonomie gehören. In Print- und Radiobeiträgen, in Fernsehformaten, die explizit auf sie zugeschnitten sind, in Büchern, die man in jeder deutschen Buchhandlung kaufen kann oder auf vollbesuchten Podiumsdiskussionen sind sich alle einig, wie uneinig wir uns doch alle sind, und wie gefährlich das ist.

Bürgerliche Sensibilität

Dabei können wir uns fragen: gefährlich für wen? Wenn wir verstehen wollen, woher dieser eigenartige Drall an die rechte Bande der deutschen Feullitonszene kommt, hilft es sich zu vergegenwärtigen, für wen und von wem diese Inhalte produziert werden. Bei mir macht sich der Eindruck stark bemerkbar, dass es sich bei den Konsument:innen dieser Artikel, Shows und co. vorrangig um Menschen handelt, die ich im unkontroversesten Wortsinn als bürgerlich bezeichnen würde: wohlhabende Menschen mit einem freiheitlich-liberalen Selbstverständnis, die ihren moralischen und politischen Kompass irgendwann im Lauf des 20. Jahrhunderts ausgerichtet haben.

Das Kulturbürgertum sieht sich zunehmend mit Kritik konfrontiert. (Bild: https://artvee.com/dl/zwei-vogel-im-streit/).

Diese bürgerliche ‚Mitte‘ sieht sich zunehmend konfrontiert mit Stimmen, die nicht aus diesem angestammten Milieu heraus kleine Reformen des als zuträglich begriffenen Grundsystems fordern, sondern die auf die grundlegenden Problemstellungen und Ungleichheiten unserer Gesellschaft hinweisen. Dass Sprache diskriminiert und ausschließt, dass marginalsierte Perspektiven systematisch aus dem Hegemonialdiskurs ausgeschlossen werden und, dass der Habitus, den die ‚bürgerliche Mitte‘ im Umgang mit den Ungleichheiten unserer Gesellschaft entwickelt hat diese Ungleichheiten oft zementiert und amplifiziert – all das sind Realitäten, auf die man als Person dieses Milieus wohl reflexartig mit Abwehr reagiert, fühlt man sich doch im politischen Selbstverständnis als Verfechter:in liberaler Werte mit diesen Vorwürfen gewaltig auf den Schlips getreten.

Was wir im Sensibilitätsdiskurs gespiegelt sehen, ist ein institutionalisierter Trotz, eine Abwehrreaktion des Bürgertums vom hohen Ross der Verfechter:innen freier Diskurse herab. Das diese Diskurse sich Mal zu Mal nur darum drehen, dass man in ihnen nicht mehr thematisieren dürfe, was kontinuierlich dadurch zum Thema wird, dass man bespricht, was man nicht mehr thematisieren darf, wird weit aus weniger Paradox, wenn wir uns die Lage vor diesem Hintergrund des angesprochenen Publikums vergegenwärtigen. Was wir mit dem vielstimmigen Klageensemble um die übersensiblen Verfechter von gendergerechter Sprache und einer rassismussbefreiten Gesellschaft beobachten können, ist die Instanziierung einer Rechtfertigungsökonomie des Bürgertums, ein Ventil für die kognitive Dissonanz zwischen der liberalen Selbstwahrnehmung und der Konfrontation damit, dass die eigenen sozialen Praktiken unterdrückend, verletzend und ausschließend wirken können.

Übersensibel? Eher über-notwendig

Es ist also kaum verwunderlich, dass ein entscheidendes Element in der kulturbürgerlichen Rezeption der ‚Übersensiblen‘ und ihrer Inhalte völlig fehlt: dass es sich bei den Konflikten, die von LGTBQ+- Antirassismus- und Klimaaktivist:innen ausgetragen werden, nicht einfach um symbolpolitische Scharmützel handelt, sondern dass es hier um ganz reale, lebensbestimmende und wesentlich materielle Kämpfe geht. Es wird verkannt, dass sich die von Precht, Flaßpöhler oder Wagenknecht angesprochenen ‚identitätspolitischen‘ Konflikte schlicht als die einzigen gewaltlosen Kommunikationsmittel darstellen, die von diesen Aktivist:innen genutzt werden können, um Menschen zu erreichen, die von diesen materiellen Kämpfen ihrer sozioökonomischen Position halber nicht betroffen sind.

Wie pikiert das Kulturbürgertum dabei auf solche Diskurse reagiert, sollte uns Sensibelchen also nicht etwa entmutigen. Ganz im Gegenteil bedeutet es, dass diese Themen einen wunden Punkt treffen, dass sie die Wachstumsschmerzen bedeuten können, die auftreten, wenn wir einen Schritt in die richtige Richtung machen. So bleibt nur zu sagen: Die Sensiblen haben nichts zu verlieren, als die hottakes von Richard David Precht. Sie haben eine Welt zu gewinnen.

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