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campusLEBEN campusONLINE Ganz vorn — 26 Januar 2016
Ein Plakat erinnert daran, dass wir lieben sollten, wen wir wollen. (Fotos: K. Golze)

Ein Plakat erinnerte daran, dass wir lieben sollten, wen wir wollen. (Fotos: K. Golze)

Anders denken, anders fühlen und anders bestraft werden: UPride und Amnesty Potsdam sprachen bei einem Themenabend im KuZe über die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen. Mit Gewalt und Haftstrafen wird weltweit versucht, zur traditionellen Partnerschaft zu erziehen. Uniater zeigte in improvisierten Szenen, dass Angst auch kreativ sein kann. Von Katharina Golze.

Diskriminierung von Andersdenkenden und vor allem Andersfühlenden gibt es überall auf der Welt. Nur weil sie nicht (nur) das andere Geschlecht lieben oder sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, werden Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle (LGBTI) ausgegrenzt. Vor allem im afrikanischen, asiatischen und osteuropäischen Raum wird das Lieben des gleichen Geschlechts oder Geschlechtsidentitäten fernab der traditionellen Norm mit Gewalttaten oder willkürlichen Inhaftierungen geahndet.

„Homosexualitäten und Strafe turnt mich ab. Es turnt mich ab, dass es so etwas gibt“, begrüßte Naana Lorbeer von Queeramnesty das Publikum. „Homosexualitäten* und Strafe“ war der Titel des KuZe-Themenabends, zu dem UPride, die Hochschulgruppe für lesbische, schwule, bi-, inter-, asexuelle sowie Transsexuelle Studierende in Potsdam, und die Stadt- und Hochschulgruppe Amnesty International Potsdam am Donnerstagabend (21. Januar 2016) in den studentischen Kulturort geladen hatten. Der Name war von einer Ausstellung im Schwulen Museum Berlin inspiriert. Das Sternchen zeigte, dass es auch um Trans- und Intersexuelle ging. Der Fokus des Abends lag aber vor allem auf Homosexualität.

Todesstrafe für Händchen halten

Den Anfang machten Naana Lorbeer und Claude Beier von Queeramnesty Berlin, einer Untergruppe von Amnesty International mit dem Themenschwerpunkt LGBTI, die uns einen kurzen Überblick über den Stand Andersfühlender weltweit präsentierten. Sie reisten mit uns über die Weltkarte zu all den Ländern, die gesetzlich oder individuell gegen nicht-traditionelle Liebe vorgehen. Und das, obwohl jeder Achte bis Zehnte homosexuell sei, sagte Naana.

Claude erzählt die Geschichten verfolgter und inhaftierter Menschen, die nicht nach traditioneller Norm lieben.

Claude erzählte die Geschichten verfolgter und inhaftierter Menschen, die nicht nach traditioneller Norm lieben.

Gesetzlich verboten sind „homosexuelle Handlungen“, nicht Homosexualität. Laut Definition bedeutet das, dass man nur bestraft wird, wenn man in flagranti erwischt wird. In der Realität sieht das anders aus. In vielen konservativen Ländern werden Geständnisse erzwungen, Analuntersuchungen ohne Einverständnis vorgenommen und willkürlich inhaftiert, sobald die Vermutung einer nicht-traditionellen Sexualität entsteht. Die Strafen reichen von Geldstrafen in Russland über langjährige Gefängnisaufenthalte bis hin zur Todesstrafe in Nigeria.

Bitte nur normgerechte Gender-Performance

Üblich ist zudem das Rückerziehen zu traditionellem Verhalten. In Südafrika sind „corrective rapes“ verbreitet, das Vergewaltigen homosexueller Frauen, um sie zu einem Mann zurückzuführen. In Asien gibt es psychiatrische Klinken, in denen mit medizinischen und psychologischen Methoden LGBTs bekehrt werden sollen. Oft wird bereits das Abweichen von der heimischen Gendernorm bestraft. Claude erzählte von einem Kameruner, der verhaftet wurde, nur weil er Baileys getrunken hatte. „Alle leiden darunter, denn alle müssen sich normiert verhalten“, um nicht als anders wahrgenommen zu werden, empfand Naana.

Tina bittet ihren Vater, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren.

Tina bat ihren Vater, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren.

Wie aktuell das Thema in Europa ist, darauf verwies ein Zuschauer, als er von seinem Besuch eines russischen TV-Studios erzählte: „Ich musste in Polizeigewahrsam ins Studio aufgrund meiner sexuellen Orientierung.“ Auch für Tourist*innen gilt das russische Gesetz zum Verbot des „ Propagierens von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen.“ Darunter fällt auch Händchen halten in der Öffentlichkeit.

Selbst in toleranten Ländern wie Deutschland sind Individualverbrechen gegen Homosexuelle nicht auszuschließen. Vor allem in Zeiten, in denen der Nationalismus sowie Fremden- und Andersfeindlichkeit erstarken, sind Diskriminierung und Hass nicht selten Gründe für Straftaten. „Die Menschen fühlen sich als Freiwild“, wusste Claude zu berichten. Daher müssen auch in Deutschland Hassverbrechen gegen LGBTs stärker in die Gesetzgebung eingebunden werden.

Nylonstrümpfe, Coming-Out und Panik

Nach dem thematischen Input aus harten Fakten und Lebensgeschichten wurde die Bühne für die Kreativität frei gemacht und auch das Publikum konnte mitmachen. Das Potsdamer Improtheater „Uniater“ ließ die Zuschauer*innen Regie führen. Zuerst rief jede*r passende Begriffe in den Raum: Der Oberbegriff war Angst. In zehn verschiedenen Gefühlen zeigten Tina Berthold und ihre Schauspielkolleg*innen Markus und David Herausforderungen von Homosexuellen: unter anderem die Panik vor dem Entdeckt werden, das ewige Versteckspiel und das verwirrte und unsichere Coming-Out. Die Emotionen wechselten von Verliebtheit zu Panik zu Selbstbewusstsein.

David und Markus werden beim Flugblätter drucken für die nächste Demo erwischt.

David und Markus wurden beim Flugblätter drucken für die nächste Demo erwischt.

In einem zweiten Szenario spielte Uniater drei Szenen, die im Dreiecksformat wechselten: versteckt Flugblätter drucken im Keller, ein Wiedertreffen zwischen Mann und Frau, nachdem die Frau nun eine Freundin hat und schwanger ist, sowie ein Coming-Out eines Transsexuellen, der sich die Nylonstrümpfe seiner Freundin leiht. Das Publikum tobte. Die Emotionen schwirrten auch im Saal zwischen Ohnmacht, Sicherheit und Angst.

„Ich will ein Junge sein“

Daran knüpfte Angelina Schüler an. Sie ist Künstlerin und Autorin des Buches „Keine Zeit für Kunst“. Für den Themenabend hatte sie einen Tagebucheintrag ihrer Kindheit mitgebracht, in dem sie von ihrer Geschlechtsfindung im Alter von neun Jahren erzählte. Das kleine Mädchen stellte auf dem Schulhof fest, dass sie lieber ein Junge wäre. Es gab so viele Vorteile: Jungs petzen nicht, Jungs prügeln sich um Schokoriegel und Jungs haben keine Brüste. Über ihre Idee, ihr Geschlecht zu ändern, waren sowohl die Lehrerin als auch ihre Eltern wenig erfreut. Auf die Frage, welches Geschlecht sie dann lieben würde, verneinten sie die Idee des kleinen Mädchens, Jungs zu lieben: „Jungs mögen Mädchen. Mädchen mögen Jungs. Basta.“ Mit Witz und Charme zeigte Angelina die Wirren in der Identitätsfindung und dass Sex (das biologische Geschlecht), Gender Roles (gesellschaftliche Erwartungen an das Geschlecht) und Gender Performance (eigene Verkörperung des Geschlechts) nicht immer zusammenspielen müssen. Der Applaus toste, auch als Angelina eine zweite Geschichte, dieses Mal aus ihrem Buch, vortrug.

Angelina erzählt von ihren Erlebnissen bei der Suche nach dem eigenen Geschlecht.

Angelina erzählte von ihren Erlebnissen bei der Suche nach dem eigenen Geschlecht.

So hatte der Abend von ernsten zu traurigen Geschichten noch eine amüsante Wendung genommen. Sebastian Adamski, Mitorganisator und Vorsitzender von UPride, war begeistert von den vielen Besucher*innen. Der Saal war voll und es mussten sogar noch extra Stühle in den Gang gestellt werden. „Wir haben mehr oder weniger provoziert. Wir hätten nicht gedacht, dass es so voll wird“, freute sich der Mitbegründer der Hochschulgruppe.

Dementsprechend steht einer erneuten Kooperation mit Amnesty Potsdam nichts im Weg. Darauf können wir uns jetzt schon freuen. Abschließend möchten wir für Interessierte noch einige wissenswerte Punkte aufführen, die uns als Zuschauer*innen sowohl erschreckt als auch empört haben. Im Übrigen weicht die speakUP in diesem Artikel bewusst von der üblichen Gender-Kenntlichmachung ab, um allen Genderrollen gerecht zu werden.

Fakten, die erschrecken und bewegen

  • Afrikanische Länder werden als Ursprungsort für Homophobie gesehen. Dabei wurde „Homophobie durch die Kolonialherren importiert“, erklären die Aktivistinnen. Viele Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Liebe stammen noch aus der Kolonialzeit.
  • Homosexualität wird oft mit Pädophilie gleichgestellt, weil Homosexuellen unterstellt wird, vor allem mit Minderjährigen Beziehungen einzugehen. Pädophilie ist damit nur eine Begründung, um gegen LGBTs vorzugehen.
  • In Deutschland sehen Claude und Naana vor allem Unterschiede zwischen Stadt und Land. Wegen der größeren Akzeptanz und den besseren Angeboten für Homosexuelle, wie Bars, Vereine etc., ziehen viele LGBTs in die Großstädte.
  • In Potsdam gibt es den Verein „AndersARTig“, der jährlich eine Brandenburg-Tour macht, um Aufklärungsarbeit zu leisten.
  • Definition: Intersexualität meint Menschen, bei deren Geburt das Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden konnte und deren Eltern aufgrund gesellschaftlichen Drucks ihre Kinder schnellstmöglich zu einem Geschlecht operieren ließen. Kategorisieren der Gesellschaft!

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